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Ich mach‘ dir mal kurz ne Memo…

...wenn ich diesen Satz in einem WhatsApp Chat lese, überkommt mich entweder pure Freude oder absolute Abneigung. Ein Text über den Sinn und Unsinn von Sprachnachrichten
| Lena Assmann |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Wenn ich diesen Satz in einem WhatsApp Chat lese, überkommt mich entweder pure Freude oder absolute Abneigung. Dass heutzutage fast jeder WhatsApp benutzt, ist schon vollkommen normal. Sogar meine Eltern haben es inzwischen halbwegs raus und schreiben nicht mehr fünf Minuten an so einem äußerst komplizierten Satz wie „ok. LG Mama“. Doch normale Nachrichten reichen uns anscheinend nicht mehr, heute machen sich immer weniger Leute die Mühe, eine lange Nachricht zu schreiben, heute wird eine Memo (kurz für Sprachnachricht) aufgenommen.

Teilweise ist der Spaß ja auch ganz praktisch. Es ist nun mal einfacher, während des Laufens eine Memo aufzunehmen, anstatt konzentriert aufs Handy zu stieren und möglicherweise noch gegen die nächstbeste Laterne zu latschen. Außerdem ist es manchmal auch der einfachere Weg, um sich auszudrücken. Wenn ich beispielsweise einer Freundin für den geplanten Mädelsabend absagen muss, komme ich mir komischerweise weniger asi vor, wenn ich ihr eine dreiminütige Memo schicke, in der ich ganz ausführlich mein Krankheitsbild, von ich-hab-mir-vor-drei-Jahren-mal-den-Zeh-gestoßen bis heute-hab-ich-schon-nen-Kater, erläutern kann. Auch habe ich das Gefühl, dass so eine Entschuldigung oft persönlicher und ehrlicher aufgefasst wird, als eine schriftliche Nachricht mit gleichem Inhalt. Vielleicht liegt es daran, dass man die Stimme hört, in der man entweder Bedauern, Ironie oder Freude zu erahnen meint.

Warum auch immer – Memos sind aus unserer heutigen Kommunikation kaum mehr wegzudenken. Und manchmal will ich es auch gar nicht anders. Es gibt Leute, die schicken einfach die lustigsten Memos und es ist unfassbar schön, die Stimmen und das Lachen dieser Personen zu hören. Wenn mir beispielsweise meine beste Freundin (nachdem wir uns wohlgemerkt am Abend davor sieben Stunden gesehen haben) Memos schickt, höre ich sie super gerne und vor allem zeitnah an. Ich räume nebenher auf, esse etwas und lasse mich von ihrem Alltagsgelaber berieseln. Ob der Wichtigkeitsgrad dieser Infos hierbei bei -74848 (ich hab heute schon drei Mal gepupst) oder bei +74947 (ich hab im Lotto gewonnen und lade dich auf die Malediven ein) liegt, ist mir in dem Fall total egal. Da ich nämlich auch zu den Leuten gehöre, die nichts ohne Hintergrundgeräusche erledigen können, läuft während des Mittagessens entweder Netflix, ein Podcast oder eben Memos.

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Manche vergessen jedoch in ihrem Memo-Fieber, dass diese ‚kurzen‘ Nachrichten, die bei meiner Freundin Lotta gern mal den Umfang von mindestens fünf Minuten haben können (mit der Betonung auf mindestens und dem Plural Nachrichten), manchmal auch einfach nur stressen. So bekomme ich manchmal die absolute Krise, wenn ich morgens auf mein Handy schaue und sehe, dass ich seit Tagen vier unbeantwortete Sprachnachrichten in meinem Chatverlauf habe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die grünen Mikrofone (das sind die Symbole für nicht abgehörte Memos) mich richtig mobben und mir nur geradewegs entgegen schreien: “Hallooooo, hör mich doch endlich ab!” Und wenn ich mich dann endlich überwinde, die Nachricht anzuhören, ist sie a) entweder bereits drei Wochen alt und sowieso nicht mehr aktuell oder b) nur Gelaber mit tausend ‚ehms‘ oder c) sogar interessant. In den beiden ersten Fällen frage ich mich dann, ob eine kurze, schriftliche Zusammenfassung der wichtigsten Elemente nicht für beide schneller, sinnvoller und produktiver wäre und bei Fall c) fühle ich mich wie die gestresste, nicht-antwortende Freundin, die ich bin.

Und um in diesem Artikel nicht komplett asozial und egozentrisch zu erscheinen, muss natürlich nicht nur mein persönlicher struggle mit Memos beschrieben werden, sondern vor allem der Nerv-Faktor für die Gesellschaft. Was gibt es schlimmeres, als im Bus zu sitzen und sich eine Sprachnachricht von Hannahs bester Freundin anzuhören, die sich seit vier Minuten und 56 Sekunden über Jan aufregt, der sie auf der letzten WG-Party eiskalt ignoriert hat, nur um dann den ganzen Abend mit Anna zu reden? Klar, ich gebe zu, dass auch ich manchmal gerne den gossip anderer Leute erfahre und ich stimme auch zu, dass Jans Verhalten absolut beschissen war, aber hey, so intensiv muss ich dann auch wieder nicht ins Privatleben anderer eintauchen. Dazu habe ich genug eigene Memos, die ich abhören müsste. Also liebe Hannah, wie wärs damit den spannenden Tratsch einfach mit Kopfhörern abzuhören beziehungsweise (Achtung, ganz verrückte Idee!) einfach mal den Hörer in die Hand zu nehmen und anzurufen? Wir verbringen alle so viel Zeit damit, Memos aufzunehmen, die Antwort abzuhören, die Antwort nochmal abzuhören, weil man sich bei einer 10 minutigen Nachricht komischerweise nicht jedes Detail merken kann und wieder zu antworten. Dazwischen vergehen meistens ein paar Minuten oder Stunden (oder wie in meinem Falle Wochen, mein Rekord liegt bei 3,5 Wochen für eine einminütige Memo, sorry Tante Birgit). Warum rufen wir die Person nicht einfach an, klären die wichtigsten Fragen (Hannahs beste Freundin wollte zum Beispiel wissen, ob sie Jan jetzt ghosten soll) und verbringen den Rest des Tages in der aktuellen, realen Welt? Dabei soll das Ganze hier keine Kritik am allgemeinen Handykonsum sein. Sondern einfach nur ein Impuls nachzudenken, ob es Sinn macht, mich und mein Gegenüber minutenlang ans Handy zu fesseln. Hier könnte man argumentieren, dass schriftliche Nachrichten das auch machen. Klar. Aber da kann man die wichtigsten Aussagen (Jan kam an besagtem Abend um 21:23 herein und hat Hannahs beste Freundin erst um 21:45 begrüßt) wenigstens nochmal nachlesen und nervt die ganze Mitwelt nicht dabei. Apropos nerven. Von Sprachnachrichten auf Parties voller Gekreische zu High School Musical oder den Backstreet Boys will ich gar nicht erst anfangen…

Ich könnte wohl noch hundert andere Argumente für und gegen Sprachnachrichten finden, letzten Endes ist es auch ja einfach Typsache und jeder kann für sich entscheiden, ob er schreibt, telefoniert oder doch lieber Memos aufnimmt. Es kommt eben vor allem auf die Beziehung und die Erwartungen der Memo-Buddies an. Ich finde wenigstens das könnte und sollte man jedoch bedenken, bevor man mal ‚kurz‘ ne Sprachnachricht macht.

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Lena Assmann

Lena, 21, erkundet als Vollblutschwäbin mit einem Orientierungssinn von -7484 ihre Wahlheimat Münster. Falls sich jemand fragt: Den Akzent kann man hören, wenn sie daheim oder sehr wütend ist. Nebenbei studiert sie Deutsch und Geschichte auf Lehramt und falls das nicht klappt, wird als Plan B in Irland ein Teeladen eröffnet.

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