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Wenn aus „ge“ „ne“ wird*

Aufgewachsen im Herzen Baden-Württembergs wurde Lena der schwäbische Dialekt in die Wiege gelegt. Das führt in anderen Teilen Deutschlands zu Verwirrung.
| Lena Assmann |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Zwei Jahre ist es inzwischen her, dass ich mein geliebtes Schwabenland verlassen habe und zum Studium nach Münster gezogen bin. Normalerweise würde ich jetzt sagen: „Omg, die Zeit vergeht sooo schnell!“, aber ich hasse es, wenn Leute das sagen. Dabei fühle ich mich immer so alt, doch das ist ein anderes Thema.

Durch meinen Umzug hat sich Einiges geändert: Ich wohne nicht mehr zu Hause (oder „daheim“ wie man im Schwabenländle sagen dät.**). Ich gehe selbst einkaufen und erstehe mehr oder weniger gesunde Lebensmittel. Ich mache meine eigene Wäsche, habe aber das mit der Wäschetrennung auch nach zwei Jahren immer noch nicht vollständig geblickt. Diese Dinge haben sich  recht schnell geändert. Spätestens als ich keine frischen Socken oder Dosenravioli mehr hatte, musste ich meinen Shit wohl oder übel auf die Reihe bekommen.

Ganz anders hat es sich mit meiner Sprache verhalten. Geboren und aufgewachsen im Herzen Baden-Württembergs wurde mir der schwäbische Dialekt bereits in die Wiege gelegt. Und obwohl meine Mama richtig doll schwäbelt, habe ich mir nur einen mäßig starken Akzent angewöhnt. An dieser Stelle führe ich gleich mal eine der wichtigsten Vokabeln ein, die im Laufe des Artikels noch öfter folgen wird. Sprechen = Schwätzen. Nur, dass ihr Bescheid wisst. Ich schwätz also für meine Verhältnisse relativ hochdeutsch. Dachte ich zumindest.

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Falsch gedacht. Bereits in meiner O-Woche wurde ich super oft auf meine Heimat angesprochen. Und Leute: ich hab‘s gar nicht geblickt bis mich dann ein gutherziger Kommilitone aufgeklärt und mir gesteckt hat, dass man mich an meinem „ge“ erkennt. In meinem Eifer habe ich mir also extra crazy Wörter wie Leeze oder Tornister angewöhnt, habe aber ganz vercheckt, dass die Leute hier an das Ende jedes Satzes ein „ne“ hängen. Bei einem „ge“ gehen dann natürlich alle Alarmglocken an und ich werde sofort gefragt, ob ich aus Bayern bzw. Schwaben komme. Ich find‘s übrigens super strange, dass Bayern und Baden-Württemberg für viele Menschen hier irgendwie das Gleiche sind. Wobei – ich sollte dazu vielleicht nichts sagen. Meines Erachtens nach befinde ich mich hier im Norden, denn alles über Mannheim ist für mich einfach der Norden.

Meine Schwabenwurzeln wurden also direkt zu Anfang aufgedeckt und obwohl ich mir inzwischen das „ne“ voll automatisch angewöhnt habe***, kommt das „ge“ manchmal trotzdem durch. Besonders wenn ich
a) ne Weile daheim war,
b) betrunken oder
c) sauer bin.
Inzwischen werde ich aber wirklich nur noch darauf angesprochen, wenn Fall a), b) oder c) eintritt. Bis gestern. Gestern hat ein Kind echt den Vogel abgeschossen. Ich arbeite neben dem Studium in einer Schule und betreue Erstklässler in der Mittagspause. Plötzlich fragt mich ein Kind, ob ich aus dem Ausland komme. Ich freu mir nen Keks, weil ich denke, das Kind spielt auf meine nicht vorhandenen südländischen Wurzeln an und frage ganz freudig: „Nein, wie kommst du darauf?“ Das Kind antwortet eiskalt: „Du sagst immer so ein komisches „ge“ am Ende deiner Sätze.“ Das war‘s wohl mit meinen spanischen Wurzeln. Ausländerin wegen des Wortes „ge“. Leute, ich musste schmunzeln!

Seit dieser Sache habe ich aufgehört, meine schwäbischen Wörter und Redewendungen zu unterdrücken, denn ich bin und bleib’ nun mal eine Schwäbin und das ist auch gut so. Genauso habe ich mir aber auch abgewöhnt, mein neustes Lieblingswort „ne“ zu verschlucken, wenn ich daheim bin. Meine Schwabenfriends bringt‘s zwar auf die Palme, aber meine Güte! Das gehört inzwischen genauso zu mir und meinem Leben. Inzwischen schwätz i oifach so, wie mir der Gosch gwachsa isch, ne?

Was sind die bescheuertsten Sachen, die du am Anfang deines Studiums hörst? Lies den Artikel.


*Achtung, dieser Artikel enthält schwäbische Wörter und Dialekt, manche würden es als grammatikalisch falsch beschreiben, ich schieb‘s lieber auf den Dialekt.

**Grüße gehen raus an Jonas und Sven, die zwei größten Schwäbisch-Detektive, die ich kenne und die bei dieser schönen Konjunktiv-Konstruktion bestimmt Gänsehaut bekommen.

***Danke an meine liebste Nadja, die „ne“ zwischen 1 und 74775 Mal pro Satz verwendet.

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Lena Assmann

Lena, 21, erkundet als Vollblutschwäbin mit einem Orientierungssinn von -7484 ihre Wahlheimat Münster. Falls sich jemand fragt: Den Akzent kann man hören, wenn sie daheim oder sehr wütend ist. Nebenbei studiert sie Deutsch und Geschichte auf Lehramt und falls das nicht klappt, wird als Plan B in Irland ein Teeladen eröffnet.

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