Gesellschaft und Lifestyle / Kultur und Medien

Wie der Kleiderwirbel meine Vorstellung von einem Flohmarkt durcheinander gewirbelt hat

Flohmärkte haben etwas Romantisches, etwas Hippiemäßiges an sich. Doch vor ein paar Tagen musste ich feststellen, dass es so nicht immer zugehen muss.
| Lena Assmann |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Kleidung wird angeschautBecca McHaffie | Unsplash

Flohmärkte - wer liebt sie nicht? (Symbolbild)

Flohmärkte haben etwas Romantisches, etwas Hippiemäßiges an sich. In meiner Vorstellung schlendere ich dabei mit irgendeiner lieben Person über den Flohmarkt (außer mit meinem Freund, der hasst es nämlich, wenn ich wieder neuen Plunder erwirtschafte und würde mich niemals auf einen Flohmarkt begleiten). Wir lassen uns treiben, schauen uns hier und da schöne Ständchen an. Im besten Fall findet man günstige Bücher oder altes, wunderbar kitschiges Geschirr (mit Teetässchen und diesen 20er-Jahre Kristall-Sachen kriegt man mich halt einfach jedes Mal). Vielleicht auch Deko, von der man vorher zwar nicht wusste, dass man sie braucht, die jetzt aber überlebensnotwendig erscheint. Nebenher unterhalte ich mich mit meiner Begleitung und genieße das gemeinsame Stöbern. Interessiert beobachten wir die Verkäufer, überlegen uns eine passende Geschichte und Namen für sie und haben einfach einen perfekten Nachmittag. Das Wetter ist dabei natürlich auch angenehm, nicht zu warm, nicht zu kalt.

Dass diese Vorstellung ganz dezent romantisiert und nicht realitätsgetreu ist, weiß ich selbst. Dass sie aber von der Realität um 74847% abweicht, hätte ich dann doch nicht gedacht. Als mich meine Freundin letzte Woche gefragt hat, ob ich am Sonntag mit ihr auf den Flohmarkt “Kleiderwirbel” in Münster gehen möchte, habe ich natürlich zugesagt. Schließlich stecke ich gerade mitten in der Klausurenphase und habe ein Lernpause dringend nötig. Außerdem steht in zwei Wochen mein Australien-Urlaub an, weshalb ich auch noch ein paar neue Sommersachen bräuchte. Außerdem – heeeelloooo? Shopping zu den günstigsten Preisen? Da bin ich als Sparkommissar natürlich sofort on fire.

Lies auch: Sparkönigin Lena hat ein paar Tipps, mit denen ihr bares Geld sparen könnt.

Gesagt, getan. Da wir zum Glück aus Erfahrungen wussten, dass der Kleiderwirbel immer extrem gut besucht ist, gingen wir erst nachmittags hin. Da der Flohmarkt bereits um 12 beginnt, hofften wir somit, eine Schlange am Eingang umgehen zu können. Dieser Plan ging sogar auf. Als wir gegen drei Uhr ankamen, sah es von außen relativ leer aus und wir kamen uns schon vor wie die Planungsgenies des Jahrtausends. Als wir dann aber reinkamen, sahen wir, dass doch noch 1,2 Persönchen (oder auch ca. 17440) am Start waren. In der Ringmensa war es unglaublich voll und vor allem unglaublich heiß. Zum Glück hatten wir an eine Tasche für unsere Errungenschaften gedacht, ich sags doch: Planungsgenies. So haben wir erst mal Winterjacke, Handschuhe und Mütze darin verstaut. Danach sahen wir aus wie der Weihnachtsmann höchstpersönlich: hochrotes Gesicht und Säcke über dem Rücken. 

Nachdem wir die drei Euro Eintritt bezahlt haben, (Männer zahlen übrigens nichts, just sayin‘) ging die Stöberei dann auch schon los. Beziehungsweise der Versuch der Stöberei ging los. Denn an den Ständen waren unglaublich viele Menschen. Zudem gab es auch einfach eine Millionen Stände, die alle toll dekoriert und voller schöner Kleidung waren. Kurz gesagt: Ich war im Mode-Schnäppchen-Paradies und ich war absolut und vollkommend überfordert. Vieles sah vielversprechend aus und ich wusste einfach nicht, wo ich anfangen sollte. Ein Blick zu meiner Freundin, die in dem Moment ebenfalls gewisse Ähnlichkeiten mit dem Riesen-Augen-Smiley bei WhatsApp hatte, genügte. Auch sie musste erst mal kurz Luft holen. Unter dem Geschnatter von tausend shoppingwütigen Mädels machten wir einen Schlachtplan: Erst mal grob durch die untere Etage der Mensa kämpfen, hierbei Arbeitsteilung (wenn ich z.B. schon bei einem Stand gewesen war und nichts gefunden hatte, war die Wahrscheinlichkeit, dass meiner Freundin dort auch nichts gefällt, sehr hoch). Das klappte dann auch ganz gut. Wir gingen meist nur zu den Ständen, die nicht vollkommen überlaufen waren und bewerteten die Stände mit einem unauffälligen Kopfzeichen. Zudem versuchten wir gar nicht mehr erst, jedes Stück in die Hand zu nehmen, sondern konzentrierten uns auf die hängenden Teile. Zudem ignorierten wir die Wühlkisten auf dem Boden (das brach mir natürlich das Schwabenherz, weil diese Teile meist nur einen Euro kosteten). Mit unserer neuen Strategie waren wir auch echt erfolgreich: Ein paar Ringe und ein Top landeten in unserem dezent vollen Rucksack.

Lies auch: Second Hand und Co. Man kann auch mit wenig Geld nachhaltig(er) leben.

Nachdem die untere Ebene erledigt war, wollten wir noch kurz nach oben und schauen, was es dort noch für uns gab. Kurz mal nach oben, haha witzig, Lena. In der oberen Etage waren bestimmt nochmal doppelt so viele Stände und doppelt so viele Menschen. Nach einem kurzen panischen Anfall setzen wir oben unsere Strategie fort. Es lief wie am Schnürchen, bis es zum ersten Handel kam. Ich sollte für eine Bluse, bei der bereits ein Knopf fehlte, 15 Euro zahlen (die meisten Oberteile gingen im Schnitt für 4-7 Euro weg, würde ich schätzen). Bisher war ich dem Handeln einfach immer aus dem Weg gegangen und hatte bei dem ersten Angebot der Verkäuferin fast schon immer „Ok, danke, tschüss“ geschrien. 15 Euro waren mir aber einfach zu teuer, so versuchte ich mein Glück und Leute: Es war schrecklich. Ich stellte mich so schlecht an, dass ich ganze (passt auf, jetzt kommt’s) 50 Cent Nachlass erwirken konnte, yippie! Das Feilschen hat mich dabei so nervös gemacht und mich unter massiven Druck gesetzt, dass ich bei den nächsten Teilen wieder zur „Ok, danke, tschüss“-Strategie tendierte.

Versteht mich nicht falsch: Der Kleiderwirbel ist eine wunderbare Idee, bei der nette Leute sich die Zeit nehmen und stundenlang in einer heißen, lauten Mensa hocken. Und das nur, sodass ich günstig einkaufen kann. Und der Sonntag hat sich sowohl für mich als auch für meine Freundin als erfolgreich erwiesen: Wir haben tolle, günstige Dinge ergattern können. Jetzt kommt aber das große Aber: Für mich war es der pure Stress. Ich hatte immer ‚Angst‘, dass ich schöne Teile gar nicht erst sehe, bzw. sie mir jemand wegschnappt. Das Handeln hat mich in die Situation zurückversetzt, als ich sieben Jahre alt und nervös war, weil ich mich nicht traute zu fragen, wo das Klo war, um dann entweder doch mit hochrotem Kopf meine Frage zu murmeln oder es lieber 7 Stunden zu verhalten.

Ob ich trotzdem zum nächsten Kleiderwirbel gehe? Ich denke schon, denn das Prinzip und das Ergebnis sprechen für sich. Außerdem habe ich aus dem diesjährigen Wirbel meine Lehren gezogen: Nicht zu heiß anziehen, nicht versuchen jedes Teil anzuschauen und erst in der oberen Etage gucken. Zwischendurch mal eine Waffel essen, Tragetaschen mitnehmen, selbstbewusst Handeln (es sind auch nur Menschen, meist sogar sehr nette) oder es einfach lassen, anstatt sich davon zu stressen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass meine Vorstellung vom Flohmarkt doch etwas realitätsfern war, aber wirklich nur ganz bisschen. Das Einzige was vollkommen übereingestimmt hat, war die liebe Begleitung.

Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Lena Assmann

Lena, 21, erkundet als Vollblutschwäbin mit einem Orientierungssinn von -7484 ihre Wahlheimat Münster. Falls sich jemand fragt: Den Akzent kann man hören, wenn sie daheim oder sehr wütend ist. Nebenbei studiert sie Deutsch und Geschichte auf Lehramt und falls das nicht klappt, wird als Plan B in Irland ein Teeladen eröffnet.

Hörsaal KritzeleiRobin Thier

50 Dinge, die einem Seminar die Langeweile nehmen

Lacie Slezak | Unsplash

Auszug aus der fabelhaften Welt der Amelie

Verändert nach Hans Braxmeier | Pixabay

Nur mal kurz die Welt retten… Nachhaltigkeit und so.

Robin Thier

Paris – Reiseziel für den kleinen Geldbeutel

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.