Buchkritik

„Beabsichtigt war dieses Kuddelmuddel nicht!“ Ein Interview mit Christian Gailus

Gestrandet in den 80ern. Vor einiger Zeit stellten wir den Roman „Dierk Gewesen und die glorreichen sechs“ in unserem “Buch-Tipp” […]
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Gestrandet in den 80ern. Vor einiger Zeit stellten wir den Roman „Dierk Gewesen und die glorreichen sechs“ in unserem “Buch-Tipp” vor. Nun erscheint Teil zwei der Serie um den schrägen Ermittler der „Abteilung zur holistischen Durchleuchtung extrem seltsamer Delikte“, der Polizei von Hamburg. Grund genug ein Interview mit Christian Gailus, dem Autor der Romane zu führen.

Die Bücher sprühen vor Originalität und Witz und sprengen dabei sämtliche Genrevorgaben. In einem exklusiven Interview verrät uns der Autor, was hinter Dierk Gewesen und dem interessanten Konzept der Serie steckt.

Zum Autor:

Christian Gailus wurde 1967 in Hamburg geboren. Heute arbeitet er als Redakteur in einer Werbeagentur, schreibt nebenher Hörspiele, Kurzgeschichten und verfasst Drehbücher, sowie seine beiden Romane um den Kommissar Dierk Gewesen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Interview mit Christian Gailus

seitenwaelzer

Eine ganz naive Frage vorweg: Warum haben Sie angefangen zu schreiben? Und warum genau dieses Buch?

Christian Gailus

Warum ich angefangen habe zu schreiben, weiß ich nicht. Ich wollte aber, solange ich mich erinnern kann, immer Schriftsteller werden. Mein erstes “Werk” habe ich mit acht oder neun geschrieben, und seitdem bin ich dabeigeblieben. Ich habe Kurzgeschichten, Gedichte und Hörspiele geschrieben, später auch ein bisschen Fernsehen. Dass irgendwann ein Roman kommt, war da nur die logische Folge. Für mein erstes Buch habe ich mir die Vogelgrippe ausgesucht – das war, bevor das Virus in Deutschland für Unruhe sorgte. Aber ich habe mir zu viel vorgenommen und drei Jahre lang daran herumgebastelt. Dann habe ich aufgehört. Und war frustriert. Mindestens ein Buch wollte ich fertig schreiben und habe über einen passenden Stoff nachgedacht. Und bin auf Dierk Gewesen gekommen, denn den Charakter hatte ich schon 1998 für ein Hörspiel für den NDR entwickelt. Inhaltlich habe ich dann zwei Hörspiele kombiniert und sehr gewissenhaft ein Jahr lang geschrieben. Und eines Tages – und zu meiner großen Überraschung – hatte ich ein Buch geschrieben!

seitenwaelzer

Das klingt ja nach einer sehr langen Entwicklung, bis das Werk dann ganz fertig war! Vielleicht hat diese lange Zeit ihm aber ganz gut getan. Man muss auch vielleicht gar nicht fragen, ob Sie der Figur Dierk Gewesen einige ihrer Charakterzüge gegeben haben, schließlich spielen Sie ihn ja selbst auf Lesungen und mit eigenem Facebook-Profil. Stimmt das? Oder wer/was hat Sie zu der Figur inspiriert?

Christian Gailus

Hm, also ich hoffe nicht, dass ich Charakterzüge von DG habe. Als ich die Figur entwickelt habe, wollte ich eigentlich nur alles Genretypische in Frage stellen, also wenn jemand HÄNDE HOCH! ruft fragt Gewesen: WIESO? Dazu kam dann der Sprachwitz a la NACKTE KANONE und UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCKTEN FLUGZEUG, also dass Gewesen die Dinge oft wörtlich nimmt. Dass ich ihn verkörpere, hat sich erst im Zuge der Arbeit am Roman ergeben. Da wusste ich ziemlich schnell, dass ich, um Gewesen bekannt zu machen, ihm ein Gesicht geben muss. Erst wollte ich das einen Freund machen lassen. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich schon eine so konkrete Vorstellung von DG hatte, dass ich niemand anderen mehr daran rummachen lassen wollte. Außerdem kam noch ein praktischer Grund hinzu: Für die Videoaufnahmen ist es am einfachsten, wenn ich es selber mache, dann brauche ich auf niemanden sonst Rücksicht zu nehmen und kann drehen, wann immer es passt.
Dennoch gibt es schon Autobiographisches im Buch. Zum Beispiel das Kino in der Grindelallee. Das gab es wirklich und ich habe dort auch wirklich all die Filme gesehen, die DG zitiert.
Mal sehen, wie es weitergeht. Jetzt schlüpft ja erst mal Ingolf Lück in die Rolle von Dierk Gewesen. Das wird schon spannend sein zu sehen, wie jemand anderer die Figur mit Leben füllt.

 

seitenwaelzer

“Filme” ist das richtige Stichwort, besonders “Trashfilme” spielen eine große Rolle in Dierk Gewesen. Ist das Buch der Versuch einen Trashfilm in einen Roman zu verwandeln? Einige Szenen im letzten Roman ließen immerhin darauf schließen (z.B. die Szene mit dem Flugzeug)

Christian Gailus

Na, sagen wir mal, dadurch, dass das Buch haufenweise Filme zitiert, in Szenen, Dialogen und von den Charakteren her, ist es zwangsläufig so, dass das Buch filmisch wirkt. Und natürlich fände ich eine Verfilmung total prima. Aber es sind nicht nur Trashfilme, die in Gewesen vorkommen. Ich habe diese nur als Grundlage für Gewesens kriminalistischen Background gewählt. Aber es werden auch andere Filme zitiert, beispielsweise die BLECHTROMMEL, 2001-ODYSEE IM WELTRAUM oder WILD AT HEART. Eine Liste nicht aller aber vieler zitierter Filme gibt’s es übrigens auf www.dierkgewesen.de unter “Wichtige Filme”. Die Titel sind mit einem Mouse Over versehen.

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Ja, die Filmliste ist wirklich beachtlich – und vor allem sehr vielfältig. Das gilt aber auch für das Buch, von dem Sie ja selbst sagen, es wirke filmisch. Irgendwie lässt sich das Buch aber keinem klaren Genre zuordnen. Fantasy, Science Fiction, Krimi, Komödie. Was davon wollten Sie ursprünglich schreiben? Oder war es vielleicht genau diese Mischung, die Sie gereizt hat?

Christian Gailus

Ja, mit dem Genre ist das so eine Sache. Beabsichtigt war dieses Kuddelmuddel nicht. Ursprünglich (also die erste Hörspielfassung von DG) war die Handlung eine klassische Krimihandlung. Für das Buch musste ich sie ausweiten und sie wurde so ein bisschen wie FANTOMAS. Das Intro habe ich erst sehr spät geschrieben, und da kommen nun Geister vor, die aber im kompletten Buch dann keine Rolle mehr spielen. Der zweite Band wird nun ein Science Fiction Roman. Man könnte also sagen, dass die Genrelosigkeit Methode hat. Aber in Wirklichkeit hat sich das zufällig ergeben, und wenn ich mir das objektiv betrachte, würde ich sagen, dass das vielleicht auch die größte des Buches/der Reihe ist.

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Also uns hat das übergreifende Konzept à la GHOSTBUSTERS und MEN IN BLACK zumindest gefallen

In etwa einem Monat kommt jetzt schon Teil zwei der Serie, haben Sie Sorge, die Erwartungen der Leser nicht zu erfüllen, wo das Buch doch in eine etwas andere Richtung geht?

Christian Gailus

Nein, der Verlag hat Sorge, ob sich das Buch so verkauft, dass sich eine Veröffentlichung lohnt. Deshalb kam das Livehörspiel gerade zur richtigen Zeit, sonst hätte es womöglich keinen zweiten Teil gegeben.

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Wir wollen es hoffen. Es ist an dieser Stelle interessant, dass Sie durch Facebook und die Werwolf-Kurzgeschichte auf der Dierk Gewesen-Seite eine enge Bindung zu ihren Lesern anbieten, ist das die Zukunft des Romans, dass man z.B. auch über Social Media mit den Figuren chatten kann – oder nur eine Möglichkeit auf das Buch aufmerksam zu machen?

Christian Gailus

Na, beides würde ich mal sagen. Natürlich nutze ich Facebook & Co. auch zur Werbung. Auf der anderen Seite ist es auch interessant, mit den Lesern in Kontakt zu treten und direkt Feedback zu bekommen. Internet und Social-Media machen das natürlich viel einfacher, als früher, als es all das noch nicht gab. Ich finde das gut.

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Und damit möchte ich mich herzlich bedanken, dass Sie uns das Interview (vor allem so schnell!) ermöglicht haben und nur noch eine Frage stellen: Dürfen wir noch weitere Abenteuer aus Ihrer Feder erwarten?

Christian Gailus

Ebenfalls vielen Dank für die schönen Fragen. Weitere Abenteuer auf jeden Fall – ob von Dierk Gewesen, entscheiden die Verkaufszahlen. Ich hoffe es, denn ich mag den Kerl.

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Wir mögen ihn auch, und am 8. Juli erscheint Teil zwei: Dierk Gewesen und das Geheimnis von Glamour City. In diesem Teil verschlägt es den Kommissar in die 8er Jahre, mit allem, was dazu gehört: Vokuhila-Frisuren und Schulterpolster. Wir sind gespannt, ob er es wieder schaffen wir die Welt zu retten.

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Quellen:
http://www.agentur-literatur.de/author/show/166?update=small
http://christian-gailus.de/
http://dierkgewesen.de/

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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