Meinung / Musik

„Ein besseres Album wirst du wohl dieses Jahr hier nicht finden können!”

Die unerwartete Wiedergeburt meines Lieblingsdeutschrappers
| Melina Ritterbach |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Während ich mein Zimmer aufräume, höre ich gerne Musik. Am Liebsten etwas aus meiner umfangreichen CD-Sammlung. Eure erstaunten Blicke kann ich mir an dieser Stelle bildhaft vorstellen. Ja, ich kaufe noch CDs. Ihr nennt es altmodisch, ich nenne es retro. Aber besitze ich die akut verlangte CD nicht, gebe ich mich auch gezwungenermaßen mit dieser Online-Geschichte ab.

So auch neulich. Ich staubte mein CD-Regal ab und hörte ein wenig Deutschrap, der zu Unrecht pauschal verschrien ist. Das Online-Musikportal verselbstständigte sich und plötzlich hörte ich die raue Stimme von Samy Sorge, alias Samy Deluxe.

Ich ließ den Staublappen Staublappen sein und schaute neugierig auf meinen Desktop. Ich war früher ein sehr großer Fan dieses Musikers, bereits dreimal sah ich ihn live, und kann sämtliche Texte auswendig. Allerdings gestaltet sich das Mitgrölen aufgrund seines Rap-Tempos als relativ schwierig. Folglich beließ ich es bei seinen Konzerten beim Lässig-mit-dem-Kopf-nicken und der klassischen Hip-Hop-Konzert-Armbewegung.

Nach seinem für mich letzten guten Album namens „SchwarzWeiss“ aus dem Jahre 2011 war meine Deluxe-Ära vorerst vorbei. Ehrlich gesagt war ich enttäuscht von dem, was danach erschien, vor allem sein seltsam gezwungen dramatisch wirkendes Pseudonym „Herr Sorge“ irritierte mich. Mir schien, als hätte Samy Deluxe nur so auf einem Imagewechsel beharrt, welchen man ihm aber nicht recht abnehmen wollte. Wo war der dreiste, arrogante und immer nur meckernde SchwarzWeisse, den wir Fans für seine dreiste, arrogante und meckernde Art so mochten?

Offenbar war Samys andere Seite nur von begrenzter Dauer. Denn das, was ich zwischen ausrangiertem Uni-Kram, gelesenen Zeitschriften und ungefalteten Klamotten hörte, begeisterte mich. „Die neue Saison hat gerade erst begonn‘ “, erzählte mir das One-Take-Wonder Samy Deluxe während er begleitet von Breakdancern durch Hamburg City lief. Es schien nicht so, als lägen fünf Jahre zwischen heute und seiner letzten guten Platte. Plötzlich packte mich wieder der Deluxe-Rausch. Ich klickte mich wie verrückt durch die ganzen anderen neuen Lieder und war so begeistert von der Wiedergeburt meines Samy Deluxe, dass ich mein unaufgeräumtes Zimmer komplett vergaß.

Auf dem Cover seines neuen Albums „Berühmte letzte Worte“ steht Samy Deluxe mit einem richtungsweisenden erhobenen Zeigefinger hinter einem Rednerpult. Er ist wieder da, mein Lieblingsdeutschrapper, und er hat etwas zu sagen. Auf 20 Tracks bietet er uns „viele Reime, viele Beats, viel THC“ (wobei letzteres gewiss nicht als Anstiftung zum Drogenkonsum verstanden werden sollte) und lässt sich über Politiker, die deutsche Gesellschaft, „komplett lethargische Massen“ und einfach alles, was ihm nicht passt, aus. Auch kommen in anderen Tracks seine melancholischen Gedanken wieder zum Vorschein, wie man es einst von Songs wie „S.O.S.“ oder „Eines Tages“ kannte. Ich habe ihn vermisst, diesen Samy, der alle disst und nie zufrieden ist. Ein Mann, der aufwecken will und wirklich was zu sagen hat und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Der aktiv ist und sich gegen Alltagsrassismus einsetzt und sich mit anderen „Mimimis“ („Mitbürger mit Migrationshintergrund“) solidarisiert. Der, der es sich leisten kann, arrogant zu sein, weil – sind wir doch mal ehrlich –  niemand mit ihm mithalten kann.

Auch wenn der Albumtitel den Verdacht erregt, so hoffe ich doch sehr, dass es nicht sein letztes Werk ist. Es ist eine Bilanz seiner Fähigkeiten, welche er in 20 Jahren als Rapper perfektionierte. Es ist eine Freude, diesem begabten Menschen zuzuhören. Und Samy Deluxe ist nicht nur gut, er ist großartig, bei seinem Namen ist „Hammer“ endlich wieder die erste Assoziation.

Seine neuen Lieder habe ich jetzt mehrfach rauf und runter gehört und die neuen Tour-Termine sind bereits fest in meinem Terminkalender eingeplant.

Trotzdem habe ich ein Problem: Seine Lieder mitzurappen, das gelingt mir noch immer nicht. Aber bei manchen Dingen ist es wohl besser, wenn sie sich nicht ändern.

 

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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