Bildung und Karriere

G8 …wir leben noch und so schlimm war es nicht

Neulich durfte ich wieder einmal in einer Tageszeitung lesen, dass viele Schulen in NRW zurück möchten zu einer längeren Schulzeit von insgesamt 13 Jahren bis zum Abitur. Nach den unzähligen Diskussionen, Umwälzungen und Problemen, welche die Einführung von G8 mit sich brachte, überlegt man also tatsächlich, wieder zurückzukehren. Aus der Situation eines Beteiligten, nämlich eines Schülers des allerersten G8-Jahrgangs in NRW möchte ich das Problem jetzt einmal genauer unter die Lupe nehmen und kann bereits jetzt sagen, dass es im Ergebnis darauf hinauslaufen wird, dass ich die Diskussion für relativ überflüssig halte.
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Neulich durfte ich wieder einmal in einer Tageszeitung lesen, dass viele Schulen in NRW zurück möchten zu einer längeren Schulzeit von insgesamt 13 Jahren bis zum Abitur. Nach den unzähligen Diskussionen, Umwälzungen und Problemen, welche die Einführung von G8 mit sich brachte, überlegt man also tatsächlich, wieder zurückzukehren. Aus der Situation eines Beteiligten, nämlich eines Schülers des allerersten G8-Jahrgangs in NRW möchte ich das Problem jetzt einmal genauer unter die Lupe nehmen und kann bereits jetzt sagen, dass es im Ergebnis darauf hinauslaufen wird, dass ich die Diskussion für relativ überflüssig halte.

Wie komme ich jetzt auf diese scheinbar vorschnelle These? Zunächst einmal die Situation: 2005 wurde der erste Jahrgang mit G8 initiiert und wir Schüler wurden in ein System geworfen, welches eigentlich nicht genau wusste, was es wollte. Alte Schulbücher, schnell gestrichene Lehrpläne und das Unvermögen mit der Situation umzugehen sorgte für Stress und ein allgemein schlechtes Bild dieser „neuen“ verkürzten Form der Schullaufbahn. Andere Bundesländer, die bereits seit vielen Jahren auf eine verkürzte Schulzeit setzen, schüttelten nur die Köpfe. Aber es blieb nicht so. Nach und nach kamen neue Schulbücher, das Angebot der Schulen wurde ausgebaut, Lehrpläne wurden angepasst und bestimmte Vorkehrungen getroffen, die unter anderem das Zusammenlegen der G8- und G9-Schüler im gemeinsamen Zentralabitur betrafen. Kurz gesagt: So schlimm war es am Ende doch nicht. Zwar hatte man mehr Stunden gegenüber den Mitschülern aus der Stufe darüber, doch inzwischen bieten so viele Schulen einen offenen oder kompletten Ganztag an, dass es sowieso fast der Normalfall ist, dass man bis zum späten Nachmittag in der Schule ist.

In der Oberstufe stellte sich dann heraus: Die jüngeren, die so viel Sorge hatten, sie wüssten weniger oder seien nicht so gut ausgebildet, wie ihre Kameraden aus dem G9-Jahrgang, waren trotz ihres fehlenden Jahres gar nicht unterlegen. Es funktionierte – und das reibungsloser, als die Lehrer und Politiker erwartet hatten. Das Zentralabitur und der anschließende Sturm auf die Hochschulen war jedoch keine Folge der Idee von G8, sondern lediglich eine Folge eines gedoppelten Jahrgangs und wurde ebenfalls einigermaßen abgefangen. Die letzten Zeugen dieses Ereignisses sind nur noch, dass die NCs an den Universitäten und Hochschulen noch immer in schwindelerregende Höhen klettern.

Wie viel haben wir also mitbekommen von G8? In den ersten Jahren war es durchaus stressig und die Anwesenheit in der Schule sicherlich länger, als sie hätte sein müssen. Aber das wird ja dank Ganztag in den meisten Fällen sowieso vorausgesetzt und in ein pädagogisches Programm eingebaut, damit ist das kein Problem mehr. Juristische Hürden, wie, dass viele Abiturienten erst 17 Jahre alt sind, wurden ebenfalls aus dem Weg geschafft oder sind soweit akzeptiert. Hat die Schulzeitverkürzung denn eigentlich irgendwelche Vor- oder Nachteile?

Ja, die hat sie, doch diese sind allesamt nicht nennenswert und eher Fragen des persönlichen Gefallens. Zum einen ist da die erfreuliche Tatsache, früher mit der Schule fertig zu sein. Ob man damit, wie ja eigentlich beabsichtigt, früher in eine Ausbildung oder gar einen Beruf einsteigt, finde ich aber fraglich. Stattdessen wir dieses „gewonnene“ Jahr eher in einen Auslandsaufenthalt oder eine Reise, ein fsJ oder vergleichbares investiert, was ich für sich genommen großartig finde. Gut, manchmal hätte man sich gewünscht noch ein Jahr in der Schule verbringen zu dürfen, so scheinen die G8ler sich insgesamt eher unsicherer zum Beispiel bei einer Studienwahl zu sein und wechseln auch lieber mal das Fach, doch ob diese Entscheidungen in der Schule oder erst nach einiger Universitätserfahrung getroffen werden spielt ja im Grunde keine Rolle. Die Vor- und Nachteile heben sich irgendwie auf und damit ist steht doch die Frage im Raum, warum es überhaupt wichtig ist, ob man nun G9 oder G8 bevorzugt? Einige Schulen scheinen zu hoffen durch einen Rückbau zu G9 mehr Anmeldungen zu bekommen, andere beginnen in der Zukunft vielleicht eine kürzere Schulzeit zu Werbezwecken einzusetzen. Mich erinnert dieses Prinzip an die Fahrschulen: Man kann den regulären Kurs machen und sich dafür ein paar Monate Zeit lassen, oder sich den Stoff in einem Intensivkurs innerhalb von 2 Wochen aneignen. Letzten Endes kommt es jedoch auf die Erfahrung an und darauf, wie mit dem Wissen umgegangen wird. Ob jetzt also G9 nach alten Lehrplänen oder G8 nach neuen Lehrplänen unterrichtet wird, spielt außer einem numerischen Unterschied keine Rolle und wird den Schülern auch vermutlich nicht wirklich auffallen, da sie von den paar Wochenstunden mehr oder weniger wohl sowieso dank Anwesenheit in der Schule nichts gewinnen und am Ende ein Jahr früher oder später fertig sind. Ein Jahr, welches ob an der Schule verbracht, oder schon im Studium oder doch auf einer Auslandsreise oder einem sozialen Jahr, an sich keine verschenkte oder verlorene Zeit ist – das möchte man uns nur glauben lassen.

 

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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