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How To Metal Konzert

Der kleine Konzert-Knigge
| Michael Cremann |

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Nachdem ich beim letzen Mal einen Tanzkurs zum Besten gegeben habe, soll dieser Artikel nun alles weitere abdecken, was auf einem Konzert so passiert. Wann gehe ich Bier holen? Wann bringe ich es wieder weg? Warum sind Handys doof? Und warum will dieser Depp, dass ich ihn trage? – Der Konzert Knigge hilft:

Gehen wir von einem klassischen Metal-Konzert aus, denn nur davon kann ich wirklich fundiert berichten. Normalerweise spielen zwei Vorbands, bevor der Hauptact auf die Bühne kommt. Mit je einer Dreiviertelstunde Vorband und je einer Viertelstunde Umbau beginnt dann – zwei Stunden nach Konzertbeginn, drei Stunden nach Einlass – die Band zu spielen, für die alle gekommen sind. Diese liefert eine bis drei Stunden Musik. Danach gibt es für die ganz Harten noch Party.

Der Anfang

Die Türen des Clubs öffnen sich und die ersten Hardcore-Fans rennen nach vorne zu den Absperrungen der Bühne. Für sie heißt es jetzt: drei Stunden nicht pinkeln, kein Bier holen und stur stehen bleiben, bis die Lieblingsband spielt und man die auswendig gelernten Texte mitsingen kann. Falls Du auch ein solcher Hardcore-Fan bist, musst Du Dir ab hier keine weiteren Gedanken machen. Du wirst nicht in einen Pit gezogen werden, Du wirst keine Probleme mit Leuten haben, die vorbei wollen. Du stehst ganz vorne und Deine größte Sorge sind Texthänger beim Mitgrölen.

Für alle Anderen gilt: Erstmal Ruhe ins Boot bringen! Holt euch ein Bier oder ein anderes Kaltgetränk, informiert euch am Merch-Stand über die neuesten Trends oder teilt euren Freunden mit, dass das letzte Konzert ja sowieso viel, viel besser war, der neue Sänger überhaupt nichts taugt und ihr jetzt gar nicht so viel erwartet.

Zu jeder (Vor-)Band sortiert sich das Feld vor der Bühne noch mal neu. Macht euch also jetzt keinen Stress, wo ihr steht und macht anderen keinen Stress, wenn sie an euch vorbeigehen.

Die Vorbands

Mal völliger Newcomer, mal im Underground bekannt, teilweise auch schon große Nummern. Je nachdem, wer das ganze Konzert ausrichtet, können die Vorbands schon hochkarätig sein! In jedem Fall gilt aber: Die Jungs und Mädels reißen sich ganz schön den Arsch auf, um ein völlig desinteressiertes Publikum ansatzweise auf Touren zu bringen. Seid also ein wenig respektvoll und dreht ihnen nicht gleich den Rücken zu. Auch Stinkefinger und Buhrufe gehören wirklich nicht zum guten Ton (es sei denn, sie werden vom Künstler explizit gewünscht).

Innerhalb des Publikums kommt es immer wieder zu einigen unschönen Szenen. Mitten im Song wollen irgendwelche Leute von ganz hinten mit Bier nach ganz vorne. Auch das halte ich für  respektlos gegenüber der Band und es nervt diejenigen, die die Band genießen wollen. Außerdem ist es tierisch gefährlich fürs Bier! Versorgt euch doch während der Pausen mit Getränken, oder haltet euch während der Vorbands einfach an der Bar auf.

Immer wieder keimen, gerade bei den härteren Vorbands, kleinere Pits auf. Das ist erstmal natürlich kein großes Problem. Es zeigt schließlich, dass die Band ihren Job als Einheizer richtig macht. Wenn sich zwei oder drei Leute finden, die gerne gegeneinander springen möchten, weil ihnen die Musik so gut gefällt, dann sollen sie es tun – egal ob es der erste oder der letzte Song des Abends ist. Versucht nicht, sie davon abzuhalten, nur weil es “jetzt noch nicht an der Zeit ist”. Trotzdem muss man im Pit selbstverständlich auch aufpassen.

Dazu schaut gerne in unseren Tanzkurs!

Ist die erste Vorband vorbei, sortiert sich das Publikum neu. Die Hardcore-Fans der ersten Band gehen weiter nach hinten, Fans der zweiten Band werden sich nach vorne schieben und Fans des Hauptacts werden ihr Bier weiter trinken. Es ist völlig okay, sich in dieser Phase hinzusetzen oder anderweitig auszuruhen. Passt also gut auf, falls ihr euren Stehplatz wechselt, dass ihr auf niemanden drauftretet. Bleibt aber auf keinen Fall (!) sitzen, sobald die nächste Band auf der Bühne ist. Auch das ist respektlos und im Zweifel, gerade wenn sich Pits bilden, gefährlich.

Der Hauptact

Endlich ist es soweit: die Band, auf die ihr den ganzen Abend gewartet habt, kommt auf die Bühne. Jetzt ist der Moment, an dem ihr an dem Ort stehen solltet, von dem aus ihr diese Band sehen wollt. Nutzt die Pausen zwischen den Vorbands und vor dem Hauptact, um diesen Platz zu erreichen. Es ist extrem nervtötend für Leute, die nicht ganz vorne stehen möchten und trotzdem in Ruhe die Musik genießen wollen, wenn sich Blitzmerker und Zuspätkommer an ihnen vorbeidrängeln. Klar kann es immer sein, dass man den Platz wechseln möchte (oder wechseln muss, weil sich ein Riese vor einem aufgebaut hat, das Gedränge zu stark wird oder neben einem ein ausgemachter Idiot steht). Bleibt trotzdem höflich! Drängt nicht einfach nach vorne. Tippt lieber denjenigen, der vor euch steht, an und bittet darum, vorbeigelassen zu werden. Normalerweise ist das bis in die ersten zehn Reihen kein Problem.

Auch das Holen von neuem Bier und das Wegbringen desselben in angewärmter Form lassen sich jetzt nicht mehr auf etwaige Pausen verschieben. Dabei verliert man selbstverständlich den Anspruch auf seinen angestammten Platz und kann von Glück sagen, wenn man wieder in die Nähe kommt. Geht nicht davon aus, dass euch jeder vorbeilassen wird, nur weil ihr zu Beginn des Konzertes in der ersten Reihe gestanden habt. Werdet also nicht unhöflich oder gar wütend, wenn ihr nicht genau auf dem Fleck wieder herauskommt, den ihr vor eurem Toilettengang innehattet.

Sobald die Band auf die Bühne kommt, werdet ihr ein weiteres – meiner Meinung nach unangenehmes – Phänomen viel besser sehen können, als Euch lieb ist. Handybildschirme. Es ist ja wirklich nichts dagegen zu einzuwenden, ein oder zwei Photos der Bühne und der Künstler zu machen. Ich kann es sogar verstehen, wenn man jede Veränderung des Bühnenbildes photographisch festhalten will oder eine Serienaufnahme macht. Das dauert aber immer nur wenige Sekunden. Videos hingegen sind ein unsägliches Übel, das sich leider immer weiter ausbreitet. Bilder kann ich wirklich gut verstehen, aber mal ganz ehrlich, wer guckt sich nach dem Konzert noch kartoffelige Aufnahmen (die im Zweifel noch von YouTube gelöscht werden – also nicht wundern, falls der Link ins nichts führt) mit wirklich schlimmer Audiospur von Liedern an, die schon in HD-Live-Versionen auf diversen DVDs und bei YouTube zu finden sind?

Und wenn das Konzert richtig Fahrt aufgenommen hat und die Stimmung passt, kommt es des Öfteren, wie auch bei der ein oder anderen guten Vorband, zu seltsamen Formationen. Menschen springen wild gegeneinander oder boxen in die Luft – was das zu bedeuten hat und was dabei für Regeln herrschen, könnt ihr hier nachlesen:


Moshpit und Co – Wie tanzt man eigentlich auf einem Metal-Konzert? Klick hier.

Crowdsurfing

Noch ein Wort zu einer weiteren beliebten Verhaltensweise auf Konzerten, egal welcher Coleur. Crowdsurfing ist etwas Tolles. Menschen lassen sich von ihren Mitmenschen auf Händen tragen. Das muss ein großartiges Gefühl sein und auch für die Bands ein herrlicher Anblick. Dennoch hat es auch seine Schattenseiten, deshalb nur ein paar Denkanstöße für den geneigten Crowdsurfer:

Wie schwer bist Du? – Oft müssen Dich eine oder zwei Personen oben halten, die restlichen Hände sind eher Dekoration. Überlege Dir vorher, ob Du einen oder eine von Deinem Kaliber in der Luft halten möchtest. Und denke auch an die Security, vor der Bühne hebt Dich eine Person von den Händen des Publikums herunter.

Zum wie vielten Mal lässt Du Dich gerade hochheben? – Komm einmal an meinen Händen vorbei und ich feiere Dich, komm zweimal vorbei und ich finde Dich nervig, komm öfter vorbei und Du wirst nicht mehr von Freunden getragen…

Hast du etwas Wertvolles dabei? – Hosentaschen sind nur dafür gedacht, Dinge zu verwahren, wenn der Träger senkrecht steht. – Den Rest überlasse ich Deiner Phantasie.

Hast Du Körperspannung? – Es ist nicht nur nervig, einen durchhängenden Sack Mehl zu tragen, Du läufst auch Gefahr herunterzufallen, wenn Du an einer Gruppe kleiner Menschen vorbeikommst oder eine Person Dich mal nicht halten kann. Wenn Du wie ein Brett über der Menge liegst, surfst Du wesentlich sicherer.

Welche Bekleidung trägst Du? – Du wirst Hände – unbeabsichtigt und leider auch immer wieder beabsichtigt – an Stellen haben, an denen dich sonst nur Dir sehr nahestehende Personen berühren dürfen. Ein Rock mag also vielleicht kein praktisches Kleidungsstück fürs Crowdsurfing sein, besonders, da er zu einem “Regenschirm im Gegenwind Effekt” neigt. Und wenn es schon ein Rock sein muss, sei wenigstens KEIN echter Schotte. Auch Bekleidung, bei der Knoten oder sehr einfache Verschlüsse über raffinierte Bedeckung oder vollständige Entblößung entscheiden ist für Deinen Ritt auf den Händen der Menge eine wirklich dumme Idee. Es gibt immer einen spätpubertären Idioten, der alles öffnet was er in die Finger bekommt. Das ist einfach nicht lustig.

Nach dem Konzert

Die Zugabe ist gespielt, der letzte Beifall verklungen, ihr habt Durst, ihr müsst Pipi und ihr wollt nach Hause. Alle gleichzeitig. Bleibt ruhig, lasst auch mal jemand anders den Vortritt. Wenn ihr noch Zeit habt, trinkt ein entspanntes Bierchen oder ein Wasser. So helft ihr dem Veranstaltungsort, weiterhin geile Konzerte anzubieten und ihr entzerrt den Auslass ungemein. Außerdem wann, wenn nicht jetzt sollte der richtige Zeitpunkt sein euren Freunden mitzuteilen, dass dieses Konzert ja sowieso viel, viel besser war als das letzte, der neue Sänger richtig viel taugt und ihr jetzt richtig geflasht seid.

Zusammengefasst

Hier bleibt mir nur Gott selbst aus John Nivens großartigem Buch “Gott Bewahre” zu zitieren, der da sagte: “SEID LIEB!”

Viel Spaß bei eurem nächsten Konzert! Und falls ich was vergessen habe, schreibt es gern drunter!

Lies auch: Warum malen die sich eigentlich alle an? Der Metaller als Randgruppe

Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Hängt hinter der Kinokasse herum oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

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