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Rückblick: Heute vor 30 Jahren…

Reaktorunglück in Tschernobyl
| Moritz Janowsky |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Heute vor 30 Jahren wurde die ukrainische Stadt Prypjat aufgrund des Reaktorunglücks im nahe gelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl evakuiert. Dies geschah jedoch erst 36 Stunden nach der Kernschmelze des vierten Reaktors. Dank günstiger bzw. ungünstiger Windbedingungen wurde die Stadt, welche zum Zeitpunkt des Unglücks ca. 50.000 Einwohner beherbergte, erst in den Tagen nach der Evakuierung vollständig radioaktiv kontaminiert. Zurück bleibt ein bizarres Bild, das weltweit wohl seinesgleichen sucht.

Das Reaktorunglück 

Am Morgen des 26. April schien die Welt für die Bewohner der sowjetischen Vorzeigestadt Prypjat noch in Ordnung, wussten sie doch noch nichts von den fatalen Vorgängen, welche sich nachts im nahe gelegenen AKW Tschernobyl abgespielt hatten.

Für den frühen Morgen ist eine simulierte Notabschaltung der Stromzufuhr vorgesehen, denn auch ein Atomreaktor benötigt Strom, um funktionsfähig bleiben zu können. Abhängig sind zum Beispiel der Kühlkreislauf und die Überwachungsinstrumente. Kommt es also zu einem Stromausfall, sollen Notstromaggregate für den weiteren Betrieb der wichtigsten Komponenten sorgen. Problematisch bei diesem Vorgang ist jedoch, dass besagte Aggregate eine gewisse Anlaufzeit benötigen. Dieser Zeitraum, in dem kein Strom fließt, sollte, so sah es die Konstruktion vor, durch die Restspannung der noch in Bewegung befindlichen Reaktorturbinen überbrückt werden. Eine Demonstration dieser Technik war bereits 1985 in Block 3 des Reaktors fehlgeschlagen, da die Spannung zu schnell abfiel. Mit einem verbesserten Spannungswandler soll nun in Block 4 ein Erfolg erzielt werden.

Zum standardmäßigen Prozedere der Abschaltung des Reaktors, welche nach der Simulation wegen Wartungsarbeiten erfolgen sollte, gehört die Absenkung der Leistung auf 25% der ursprünglichen Betriebsleistung. Durch einen Fehler bei der Bedienung oder einen technischen Defekt fällt die Leistung zwischenzeitlich jedoch auf nur ein Prozent der Nennleistung. Dies ist laut den geltenden Sicherheitsvorschriften unzulässig, da bei einem Wert von unter 20% kein sicherer Betrieb möglich ist. In Folge der beschriebenen Absenkung erfolgt, begünstigt durch einige Kettenreaktionen, deren genaue Erläuterung an dieser Stelle zu weit gehen würde, die Kernschmelze im Reaktor des vierten Blocks. Sämtliche Bemühungen der Schichtmannschaft, die Anlage zu stabilisieren schlagen fehl oder begünstigen den Vorgang noch zusätzlich. Durch eine weitere Explosion, deren Ursache noch immer nicht vollständig geklärt wurde, werden der etwa 1000 Tonnen schwere Reaktordeckel und das Dach der Anlage beschädigt und große Mengen an radioaktivem Material in die Umwelt freigesetzt. Für Leser, welchen der letzte Abschnitt zu technisch war, sind vor allem die letzten zwei Sätze bedeutend.

Folgen der Katastrophe

Während eine radioaktive Wolke große Teile Europas zu erreichen droht, lässt man die Bewohner des etwa drei Kilometer entfernten Prybjats zunächst im Unklaren. Erst am Folgetag, dem 27. April 1986, wird eine Evakuierung durchgeführt. Den Einwohnern wird empfohlen, sich auf eine dreitägige Abwesenheit einzustellen. Aus diesem Grund lassen die Menschen der ukrainischen Stadt, welche hauptsächlich die Familien der Arbeiter beherbergt, einen Großteil ihres Besitzes zurück.

Das etwa 100 Kilometer entfernte Kiew schrammt nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Der Wind steht günstig und trägt die radioaktive Wolke in Richtung Skandinavien. Wäre die Millionenstadt hingegen direkt getroffen worden, würde sie heute, ebenso wie Prybjat, einer Geisterstadt ähneln. Denn die Folgen sind katastrophal: Hunderte Menschen sterben an den Folgen der Katastrophe, sei es durch Arbeiten an dem havarierten Reaktor oder durch die zu hohe Belastung durch die austretende Strahlung. Das Gebiet um Chernobyl wird großräumig abgesperrt, um mögliche Eindringlinge vor sich selbst zu schützen.

Seit 2011 ist die einstige Sperrzone um Reaktorblock 4 für den Publikumsverkehr geöffnet. Viele Gebiete wurden dekontaminiert, was nicht bedeutet, dass sie vollkommen strahlungsfrei sind. Die Gefährlichkeit und Tücke der kontaminierten Gebiete besteht darin, dass sie nicht gleichmäßig um den Reaktor verteilt liegen, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern stellenweise völlig wahllos auftreten. Besonders betroffen ist die Vegetation des Gebietes, da Pflanzen die radioaktiven Stoffe über das Grundwasser aufnehmen. Bodenerzeugnisse werden erst in einigen Tausend Jahren ohne Gefahr wieder essbar sein. Dennoch leben neben den etwa 3000 Arbeitern in Chernobyl, welche immer noch mit Arbeiten an dem Reaktorblock beschäftigt sind, einige ehemalige Bewohner in dem Gebiet um das AKW. Diese Menschen befinden vor allem durch ihre landwirtschaftliche Lebensweise ständig in Gefahr und sind der Strahlung dauerhaft ausgesetzt.

Für 2017 ist eine umfassende Erneuerung der Schutzabdeckung des Reaktorgebäudes geplant. In nächster Nähe zum AKW Chernobyl entsteht momentan eine gewaltige Kuppel aus Metall, welche nach Fertigstellung per Schienensystem über die marode Betonhülle geschoben werden soll. Ausgelegt ist diese Konstruktion auf etwa 200 Jahre. Im Innern sollen mit Kränen im Idealfall Rückbaumaßnahmen eingeleitet werden. Was mit dem immer noch hoch radioaktiven Abfall im Inneren nach einem Rückbau geschehen soll, ist bis heute unklar. Auch für die Brennstäbe, welche sich noch immer in Reaktor 1-3 befinden, ist noch kein Endlager gefunden.

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