Gesellschaft und Lifestyle / Reportage

Ein Tag in Ortelsburg: Ich lerne die Heimat meiner Oma kennen

Seit ich klein bin, erzählt meine Oma von ihrer Kindheit in Ortelsburg (heute Szczytno). Nun lernte auch ich endlich ihre Heimat kennen.
| Laura Klöppinger |

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de

Seit meiner Kindheit erzählt meine Oma, Lieselotte Rogalla (geborene Kipar), von ihrer Heimat in Ostpreußen – von ihrer zunächst unbeschwerten Kindheit in Ortelsburg (heute Szczytno), das damals noch Teil des Deutschen Reiches war. Aber auch von den dunklen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges: Der Einmarsch der Russen im eisigen Winter 1945, das Verlassen des Gehöfts mit nur sieben Jahren sowie der Verlust beider Eltern. Ihre Mutter wurde im März 1945 beim Einmarsch der russischen Truppen von Soldaten ermordet. Ihren Vater hatte sie bereits als kleines Mädchen verloren, im Alter von nur zwei Jahren, als er im Polenfeldzug fiel.

Die Fluchtroute verlief von Ostpreußen über das gefrorene Haff, weiter nach Stolp in Pommern und über Wismar. Sie endete schließlich in Thüringen, wo sie als Vollwaisin von ihrer Großmutter mütterlicherseits aufgenommen wurde, die ebenfalls aus Ostpreußen geflohen war. Im Jahre 1955 kam sie zu ihrer Schwester nach Bochum, von der sie bis dahin getrennt lebte. Dort lernte sie auch meinen Opa kennen, mit dem sie sich ein neues Zuhause aufgebaut hat. Meine Oma hat Dinge gesehen und erlebt, die für uns Enkelkinder unvorstellbar sind und die sie bis heute geprägt haben.

Zum ersten Mal in Omas Heimat

Beide meine Großeltern stammen aus dem Kreis Ortelsburg: Mein Opa aus Kornau (heute Olszewki) und meine Oma aus Ortelsburg. In den letzten Jahrzehnten besuchten sie immer wieder die Anwesen ihrer Familien. Das meiner Oma wird heute von einer polnischen Familie bewohnt, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg eingesiedelt wurde. Mein Opa, der durch seine Herkunft eng mit Oma verbunden war, ist 2022 verstorben. Im Jahr darauf, an meinem 26. Geburtstag, fragte sie mich, ob ich mitkommen wolle, um ihren Heimatort kennenzulernen. Mich dabei zu haben, war für sie eine Herzensangelegenheit. Meine Oma ist Ende 80 und wusste selbst nicht, wie oft sie noch die Gelegenheit und die Kraft haben würde, ihre Heimat zu besuchen.

Eine Junge Frau und ihre Oma sitzen in einem Reisebus. Sie lächeln.
Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Mit Oma im Reisebus: In Gelsenkirchen beginnen wir unsere Reise nach Polen.

Im Juli 2024 machten wir uns auf den Weg. Die Studienreise hatte die Reisegemeinschaft Nischik in Herten organisiert. Die Stopps waren unter anderem Szczecin (Stettin), Gdańsk (Danzig), Zoppot (Sopot), Olsztyn (Allenstein), Poznań (Posen) und Toruń (Thorn). Es war interessant, viel über die Geschichte Polens zu erfahren. Der Höhepunkt unserer Reise war der Besuch ihrer Heimatstadt Ortelsburg – dem Ort, den ich bis dahin nur aus Erzählungen kannte.

Auf dem Weg nach Ortelsburg

Meine Oma und ich starten von Olsztyn. Wir haben den Tag ganz für uns und machen uns morgens auf den Weg zum Bahnhof. Die Zugfahrt nach Szczytno dauert circa eine halbe Stunde. Als wir am Bahnhof ankommen, stehen wir vor einem braunen Backsteingebäude – dem Bahnhofshaus. Neben dem polnischen Namen „Szczytno“ ist auf der Hausfassade auch noch der deutsche Schriftzug „Ortelsburg“ zu erkennen. Dieser war nach dem Zweiten Weltkrieg überstrichen worden und wurde bei einer späteren Renovierung wieder freigelegt – was meine Oma sehr freut.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Der Bahnhof von Szczytno.

Vom Bahnhof aus begeben wir uns auf den Weg zum Hotel Krystyna, in welchem meine Großeltern bereits bei vergangenen Studienreisen übernachtet haben. Nachdem wir uns mit Suppe und Piroggen gestärkt haben, verweilen wir noch ein wenig am See.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Am See von Szczytno.

Anschließend machen wir uns auf den Weg ins Stadtzentrum. Im Souvenirladen kaufen wir Postkarten und Magnete, die wir Freunden und Familie mitbringen wollen. Es ist ein heißer Tag, sodass wir zwischendurch immer wieder Pausen einlegen. Ich bin beeindruckt, wie meine Oma trotz der Hitze durchhält. Ihre Entschlossenheit, ihre Heimatstadt wiederzusehen, ist deutlich spürbar. Für mich ist dieser Tag ebenso aufregend wie bewegend. Die Geschichten, die ich bisher nur aus ihren Erzählungen kannte, werden heute lebendig.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Der Rathausplatz mit seinen Marktständen.

Meine Oma zeigt mir ihre alte Grundschule, die am Wasserturm liegt. Dort hat sie das erste Schuljahr verbracht, bevor die Schule zum Lazarett umfunktioniert wurde. Wir laufen über den Rathausplatz, auf dem heute ein Markt stattfindet. Sie zeigt mir das Rathaus, in dem ihre Geburtsurkunde aufbewahrt wurde, bis die Russen einen großen Teil der Akten vernichtet haben. Ich merke, wie gut meine Oma sich hier noch auskennt. Dieser Ort ist ein Teil von ihr. Hier wurden Erinnerungen geprägt: gute wie schlechte. Und heute leben sie wieder auf.

Wir nähern uns dem Ziel

Nachdem wir das Zentrum erkundet haben, ist es dann so weit: Wir machen uns auf den Weg zum elterlichen Anwesen meiner Oma. Trotz der Hitze ist sie entschlossen, die Strecke zu Fuß zu bestreiten, um ihre Erinnerungen an den Schulweg noch einmal aufleben zu lassen. Wir passieren die evangelische Kirche von Ortelsburg, verlassen das Zentrum der Stadt und gelangen schließlich auf eine Landstraße. Der Weg führt auch an einem Lidlmarkt vorbei, auf dessen Fläche früher das ehemalige Sägewerk Fechner stand. Ab jetzt ziehen sich links und rechts nur noch Häusersiedlungen entlang. Nach etwa 30 Minuten erkennen wir an dem Ortschild Nowe Gizewo (dt. „Neue Försterei“), dass wir unser Ziel fast erreicht haben.

Irgendwann bleibt meine Oma an einer Einfahrt stehen. Ringsherum ist der Weg von Kiefernwald umsäumt. Wir haben ihr elterliches Anwesen erreicht: Das ehemalige Gehöft der Familie Kipar. Sie erkennt das Grundstück sofort und ich sehe, wie die Erinnerungen in ihr aufsteigen.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de

Meine Oma führt mich über das Grundstück und zeigt mir die landwirtschaftlichen Gebäude sowie den Brunnen, an dem sie als Kind mit ihren zwei Schwestern gespielt hat. Auf der Scheune vermisst sie das Storchennest, das früher dort seinen Platz hatte. Von den vielen Eindrücken dieses Tages und dem jetzigen Höhepunkt bin ich ein wenig überwältigt und noch etwas zaghaft, da ich das Grundstück mir bis dahin fremder Menschen betrete. Meine Oma hingegen fühlt sich gleich wie zuhause und spaziert entschlossen über das Gelände, als wäre sie nie weggewesen.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Im Hintergrund der Brunnen und das Wirtschaftsgebäude.
Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de

Die Nervosität verfliegt aber schnell: Auf einmal steht ein älterer Herr an der Türpforte und winkt meiner Oma und mir zu. Es ist Herr M., der schon seit mehreren Generationen mit seiner Familie dort lebt und dessen Eltern meine Oma in der Vergangenheit schon gastfreundlich empfangen haben. Sie lernte ihn bereits bei ihrem ersten Besuch im Jahre 1987 als Jugendlichen kennen. Dies war ihr erster Besuch nach Flucht und Vertreibung. Ich merke sofort, dass sie ihm nicht fremd ist.

Eine Brücke über Generationen

Meine Oma hat Bilder aus ihrer Kindheitstagen auf dem Gehöft dabei, die er sich interessiert ansieht. Da meine Oma kein Polnisch spricht und Herr M. kein Deutsch, sind die Bilder eine gute Brücke für den Austausch. Neugierig betrachtet er die Bilder, hin und wieder schleicht ein Lächeln über seine Lippen. Trotz der Sprachbarriere kommen meine Oma und Herr M. in Kontakt und lächeln sich hin und wieder entschuldigend zu, wenn sie etwas nicht verstehen. Ich beobachte die Situation und spüre, wie die Anspannung einer Leichtigkeit weicht. Wir sind einfach so aufgetaucht, unangekündigt und ohne gemeinsame Sprache und doch ist plötzlich ein Gespräch entstanden. Es ist ein besonderer Moment. Um die Verständigung zu erleichtern, öffne ich eine Übersetzer-App auf meinem Handy und tippe ein, was meine Oma über ihre Kindheit auf dem Grundstück erzählt. Es ist ein skurriler Moment als die blecherne Stimme der App aus meinen Handylautsprecher tönt. An Herrn M.s Gesicht sehe ich aber direkt, wie er besser folgen kann.

Als wir uns schließlich verabschieden und meine Oma noch Fotos vom Grundstück macht, kommt uns Herr M. plötzlich noch einmal entgegen mit seiner Enkelin an seiner Seite. Ich schätze sie circa auf 18 bis 20 Jahre. Er winkt uns euphorisch zu und ruft „Angielski, Angielski!“ (auf dt. „Englisch, Englisch!“) und zeigt dabei auf sie. Das verstehe ich trotz fehlender Polnischkenntnisse sofort. Endlich können meine Oma und Herr M. sich verständigen, denn wir beide – die Enkelin und ich – sprechen Englisch und können für unsere Großeltern übersetzen: Ich vom Englischen ins Deutsche, sie vom Englischen ins Polnische. Die Gesichter unserer Großeltern erhellen sich, als sie merken, dass die Sprachbarriere überwunden ist.

Laura Klöppinger | seitenwaelzer.de Das Familienbild, welches wir dabei hatten. Auf dem Foto sind von links nach rechts die Schwestern Ruth, Marianne und Lieselotte Kipar zusammen mit ihrer Mutter Marie Kipar zu sehen. Foto: Lieselotte Rogalla

Seine Enkelin bekommt nun auch die Bilder aus der Kindheit der Familie Kipar zu sehen. Sie ist merklich erstaunt – besonders über das Familienbild mit Omas Mutter und Schwestern, das neben dem Brunnen aufgenommen wurde. Sie hört aufmerksam zu, wie meine Oma von ihren Kindheitstagen erzählt und dem Tag, an dem sie das Grundstück verlassen mussten. Ich merke, wie die Geschichte meiner Oma ihr nahegeht. Nach unserem Austausch verabschieden wir uns schließlich herzlich und die beiden unterstützen uns dabei, ein Taxi zu organisieren.

Ein Tag der im Gedächtnis bleibt

Auf der Fahrt zurück zum Hotel bin ich geschafft, aber auch glücklich – glücklich über dieses Erlebnis, an das ich mich für immer erinnern werde. Die Heimat meiner Oma kennenzulernen, sowie die Menschen, die dort nun seit Jahrzehnten wohnen, war etwas ganz Besonderes. Die Menschen, die trotz der konfliktreichen Vergangenheit zwischen Polen und Deutschland herzlich zu meiner Oma und mir waren, die uns nicht vom Grundstück „verscheucht“ haben. Es war ein spürbares Stück Freundschaft zwischen einer deutschen und einer polnischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Noch heute reden meine Oma und ich über diesen Tag, der immer in unserem Gedächtnis bleiben wird.

Dieser Artikel erschien auch 2025 im Ortelsburger Heimatboten, der einmal jährlich von der Kreisgemeinschaft Ortelsburg in Herne herausgegeben wird.

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Laura Klöppinger

... hat Anglophone Studies und Germanistik im Bachelor und Master studiert. Liebt das Schreiben, Gitarre spielen und neue Städte zu erkunden. Immer neugierig auf persönliche Geschichten aus dem echten Leben.

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