Gesellschaft und Lifestyle / Kultur und Medien
Improvisation als Werkzeug queerer Kultur
Improvisationstheater und die queere Szene: Was steckt hinter dem neuen Format "Impronouns" im Ruhrgebiet?
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten
ZeichenelsterAm 22. April 2026 von 18 bis 20 Uhr laden Improvisationstalent Cal und Redaktionsmitglied Alex zum queeren Impro-Abend ein. Veranstaltungsort ist das FLUID, das Zentrum für queere Kultur und sexuelle Bildung, in Bochum. Was hat es eigentlich mit Impro-Theater auf sich? Und welche Chancen birgt das Format für die queere Szene im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen?
Über Improv
Improv, kurz für Improvisation, ist eine Form von Theater und Performance. Das Ganze passiert in Echtzeit. Im Vordergrund stehen das Freie, das Assoziative und das Spontane sowie das Aufeinandereinlassen. Was passiert, wenn Menschen sich einer Bühnensituation aussetzen, aber ohne Skript oder Proben? Sie müssen improvisieren. Damit ist Improv eine Feuerprobe mutigen Ausprobierens und Sich-Austestens. Ohne viel Vorlauf erhalten die Darsteller*innen dazu Prompts vom Publikum. Ein bisschen verhält es sich damit wie ChatGPT und ähnliche Large Language Models (LLMs). Nur mit Menschen und ohne hohen Energie- und Wasserverbrauch, Datenschutzrisiko und die Unterstützung militärischer Strukturen unter Trumps Regierung. Diese Regieanweisungen können dabei ganz unterschiedlich sein:
Es spielt auf einem Jahrmarkt! Dem Send, der Kirmes, hier dingens, wie nennt man das noch?
Ein wichtiger Gegenstand der Szene ist … ein motorisierter Frosch.
Das Genre? Rom-Com! Nein, 90s American High School Slasher Horror!
Eine Emotion? Trauer, Wut, Erstaunen!
Basierend auf den Einwürfen entwickelt sich mit und vor allen im Raum eine Szene. Sie ist mal bewegt, mal musikalisch oder bringt zum Lachen und gleichsam kann sie auch total nach hinten losgehen. Die Hauptsache ist: Alle fühlen sich wohl und haben Spaß.
Der Tanz zwischen Erweitern und Umschreiben
Das Format hat über seine frühen Formen und die Popularisierung in der amerikanischen Impro-Szene, insbesondere rund um Chicago herum, eine Eigenlogik entwickelt, die das kreative Miteinander strukturiert. Am bekanntesten ist dabei die Yes, and …!-Regel, der sich Darstellende verschreiben. Yes, and …! steht für die Idee, dass Impulse der Spielenden untereinander wertschätzend aufgenommen werden. Das Hinzufügen und gemeinsame Erschaffen einer Szene steht bei Improv entsprechend im Vordergrund einer verbalen und physischen Exploration von Möglichkeiten. Damit ist Impro, wie es im Deutschen oft verkürzt genannt wird, auch ein Tanz mit Grenzen und Konsens. Erst, wenn alle Spielenden ein explizites oder implizites Framework haben, funktioniert das Zusammenspiel. Mit diesem Framework schaffen sie gemeinsam Szenen und sorgen dafür, dass sich alle sicher und wohl dabei fühlen, Neues zu erkunden und Altes zu rekombinieren.
Damit ist Impro ein fantastischer Ort, um Humor und Erzählen, Theater und soziale Dynamiken sowie Gefühle, Gedanken und Bewegungen zu erkunden. Das geschieht, indem sich Spielende und Rezipierende jeweils in einen Austausch mit (anderen) Darsteller*innen und dem Publikum hineinwagen. Improvisation braucht Mut. Aktivitäten wie Improvisationsgruppen schulen genau dieses innere Überwinden, die Exposition und die Konfrontation mit anderen Sichtweisen, anderem Denken und neuen Impulsen.
Mehrwert von Improv für die queere Szene
Wenn also Improvisationstheater einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht, diese sozialen und kulturellen Techniken des Überwindens und Ausprobierens und des gemeinsamen Aufbauens auszutesten und einzuüben, dann liegt der Mehrwert für queere Subkulturen auf der Hand. Improv ist unter diesen Gesichtspunkten ein Werkzeug für Vernetzung, Erfahrungs- und Meinungsaustausch, soziale Aushandlungsprozesse und Umschreiben alter Narrative. Dafür bietet das FLUID einen Safer Space, wie sich der queere Impro-Abend im FLUID versteht. Darstellende können so Themen, die ihren Alltag, ihre Erzählungen, ihre Identität und ihre Zukünfte berühren, verhandeln. Und das Ganze machen sie gemeinsam mit Peers, also Personen mit gleichen Erfahrungen und Interessen.
Mehr noch ist das Format auch eine Möglichkeit, sich mit Grenzen und Einvernehmlichkeit, verbal wie physisch, auseinanderzusetzen. Es ermöglicht ein Vokabular für die offene und direkte Kommunikation und diese durch die Praxis des Spiels zu lernen. Denn auch Regeln, wie Yes, and …! sind dafür da, herausgefordert zu werden. Schlägt das Gegenüber etwas vor, das sich nicht sicher und gut anfühlt? Dann kann das genauso gesagt werden. Und Improv heißt nicht, dass alles immer bejaht werden muss. Vielmehr liefert die Idee von No, but …! auch das Handwerkszeug, eine Szene selbstwirksam, selbstbestimmt, aber konstruktiv und sozial orientiert weiterzuentwickeln, indem Alternativen aufgezeigt werden.
Die Existenz queerer Mensch, ihr alltägliches Sein, ist gesättigt von einer Lebenswelt, die normative Annahmen über ihre Körper, ihre Identitäten, ihr Leben, ihre Liebe und ihr Geschlecht anstellt. Was ist Queerness, die sich nicht versteckt, die laut und sichtbar ist? Anderes als eben das. Ein entschiedenes Yes, and …! und No, but …! zu einseitigen Annahmen dazu, wen wir lieben, wie wir heißen, wie wir aussehen und wie wir leben.
Yes, and …! – No, but …!
Hochzeit zwischen Mann und Frau? Ja, und zwischen Mann und Mann, Frau und Frau, nichtbinären Personen und allen ableitbaren Kombinationen. Nein, aber: Eine rechtlich gesicherte Partner*innenschaft zwischen zwei oder mehr Personen, die ebenso Steuervorteile und Adoptionsrechte erhält oder sich fragt, wieso diese überhaupt an romantische Beziehungen geknüpft werden? Wie wäre es alternativ damit?
Queere Lebensentwürfe enthalten all diese möglichen Zukünfte, Wünsche, Befürchtungen, Fragen, Pläne und mehr. Queere Personen sind systemisch betrachtet eine Gruppe, die historisch und noch immer mit Marginalisierungen und Diskriminierungen zu kämpfen hat(te). Egal, ob sie das wollen oder nicht, sind sie zu Entscheidungen und Evaluationsprozessen herausgefordert. Ist es möglich oder wünschenswert, sich Möglichkeiten anzuschließen? Müssen und können sie diese erweitern? Oder gilt es, den Status Quo abzulehnen und selbst mit Graswurzelbewegungen, Gemeinschaftsbildung und ähnlichem andere, neue Möglichkeiten zu entwickeln oder alte wiederzuentdecken? Diese Flexibilität fordert dazu auf, auch spontan handlungsfähig zu sein. Und da muss man manchmal auch etwas improvisieren.
Impronouns: Queerer Impro-Abend im Ruhrgebiet
Du suchst eine neue Impro-Gruppe im Ruhrgebiet? Dann komm gerne vorbei! Die Gruppe ist für alle Erfahrungsgrade offen. Probiere dich zum ersten Mal beim Improvisationstheater aus oder wage dich mit Erfahrung auf eine neue Bühne im Herzen der queeren Szene Bochums. Auch Reinschnuppern, Zuhören und oder Zuschauen ist möglich für alle Interessierten.
Am 22. April findet die Auftaktveranstaltung des Formats statt – seid dabei, wenn wir zusammen ein neues, spaßiges Event ausprobieren und gestalten. Danach gibt es jeden vierten Mittwoch im Monat den queeren Impro-Abend im FLUID. Wir freuen uns über optionale vorherige Anmeldungen per Direktnachricht oder Mail an die Leitungen, um die Gruppengröße vorab etwas einschätzen zu können. Kommt ansonsten aber auch gerne spontan vorbei! Die Veranstaltung ist kostenfrei für Teilnehmende, wir freuen uns optional über Spenden an das FLUID, damit es weiterhin großartige 3rd Spaces in Bochum geben kann.

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Alex Schmiedel
Seit 2019 unterstütze ich das Team mit Illustrationen, Gestaltung, Artikeln und einer stets schwingenden intersektionaler Feminismus-Keule. Ursprünglich bin ich jedoch als Fan des Heldenpicknicks auf Seitenwaelzer gestoßen. Meinen Bachelor habe ich in Mediendesign in Münster absolviert und nun studiere ich Medienwissenschaft im Master in Bochum und arbeite im Bereich Mediendesign. Für Interactive Fiction, Podcasts, Animation und Musik schlägt mein Herz, ebenso wie für Aufklärung über diverse politische Themen, insbesondere Geschlechterdiversität und medizinische sowie antiableistische Gleichberechtigung.
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