Gesellschaft und Lifestyle / Interview

„Catcalls of Bielefeld“ setzt ein Zeichen gegen Catcalling – Ein Interview

Anzügliche Sprüche, hupende Autos, Hinterherpfeifen oder obszöne Gesten sind nur wenige Beispiele, die zu Belästigung auf der Straße zählen.
| Inga Nelges |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Das Bild zeigt eine Straße auf der mit Kreide "'Mach mir ein Baby, Süße!' #stopptBelästigung @CatcallsOfBielefeld" geschrieben stehtCatcalls of Bielefeld

„Hey Süße, wo geht’s denn hin?“, „Geiler Arsch!“ oder „Wie viel kostest du?“

Sprüche wie diese, hupende Autos, Hinterherpfeifen oder obszöne Gesten sind nur wenige von vielen Beispielen, die zu Belästigung auf der Straße zählen. Diese Vorfälle werden unter dem Begriff „Catcalling“ zusammengefasst, welcher verschiedene Arten der sexuellen Belästigung ohne Körperkontakt beschreibt.

Bild zeigt eine Straße auf der mit Kreide "Guck dich an, was bist du? Ein scheiß Objekt und nur zum Ficken gut!" geschrieben steht.
Catcalls of Bielefeld

Catcalling greift nicht nur die persönliche Würde der Betroffenen an, sondern wirft auch ein Licht auf die tief verwurzelten Probleme von Geschlechterungleichheit und Respektlosigkeit. Trotzdem wird dieses Phänomen oftmals nicht ernst genommen und Betroffenen wird eingeredet, dass es doch nur ein Kompliment wäre. Doch den Täter*innen geht es nicht um eine respektvolle und wohlwollende Kontaktaufnahme mit einer fremden Person. Durch die aufgezwungene Interaktion werden Betroffene vielmehr belästigt, bloßgestellt und erniedrigt. Catcalling ist kein Kompliment, sondern vor allem eins: eine Machtdemonstration.

Das Bild zeigt eine Straße auf der "Mein Kumpel und ich würden dich vergewaltigen, wenn wir könnten" geschrieben steht.
Catcalls of Bielefeld

Um auf dieses grenzüberschreitende Verhalten aufmerksam zu machen, bringen die Aktivist*innen von „Catcalls of Bielefeld“ das Thema auf die Straße. Denn obwohl Catcalling ständig passiert, wird viel zu wenig darüber gesprochen. Wie genau ihre Arbeit aussieht und wie man sich gegen Catcalling wehren kann, erfahrt ihr in dem folgenden Interview mit Pia Brauneis, der Gründerin des Instagram-Accounts @CatcallsOfBielefeld.

Wie lange seid ihr schon aktiv?

„Seit Frühling 2020. Dieses Jahr ist also schon 4-Jähriges! Die Idee kommt aus New York und ist noch ein paar Jahre älter.“

Wie sieht euer Arbeitsablauf aus?

„‚Catcalls of Bielefeld‘ gehört zu der Non-Profit-Organisation Chalkback. Ein großer Teil der Arbeit findet auf Instagram statt. Für mittlerweile sehr viele Städte in Deutschland, aber auch verteilt auf der ganzen Welt, existieren die Instagramseiten für die jeweilige Stadt. Wenn Belästigung stattfindet, dann kann uns die betroffene Person eine Nachricht schreiben. Wir gehen dann ‚Ankreiden‘. Das bedeutet, dass wir mit Kreide an den Ort gehen, an dem die Person belästigt wurde, und den Spruch oder die Situation der Belästigung dort auf den Boden schreiben. Davon machen wir ein Foto und posten es auf unserer Instagramseite.“

Was ist euer Ziel?

„Sichtbarkeit. Dafür, dass sexuelle Belästigung täglich, jedes Alter und soziale Schicht betreffend, ein großes und ernstzunehmendes Problem unserer Gesellschaft ist, gegen das vorgegangen werden muss – Catcalling darf nicht einfach so hingenommen werden, „weil das eben so passiert, wenn man eine Frau ist“. Und das Gefühl von gemeinsamer Stärke. Denn es ist ganz wichtig klarzustellen, dass niemals die Person, die belästigt wird, Schuld an der Belästigung hat! Die Kleidung ist egal, das Lächeln oder das Gespräch vorher sind egal. Bei den Catcalls-Seiten geht es darum, zu fühlen und zu sehen, dass wir mit Belästigung, die uns passiert ist, nicht alleine sind.“

Habt ihr das Gefühl, mit eurer Arbeit etwas zu verändern?

„Auf jeden Fall! Jeden Catcall, den wir ankreiden, ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt, um auf Belästigung aufmerksam zu machen. Und wenn man ein Problem beim Namen nennt, ist es zwar nicht direkt verschwunden, aber man macht etwas greifbarer, um dagegen vorgehen zu können.“

Was für Reaktionen erhaltet ihr, während ihr ankreidet?

„Ganz unterschiedlich. Wir freuen uns auch, wenn wir mit Kreide unterwegs sind, über viele sehr bestärkende Gespräche. Unangenehme Situationen sind aber leider auch dabei – unsere Catcalls wurden mit Wasser direkt wieder zerstört oder manchmal werden wir auch beleidigt. Das Positive überwiegt aber auf jeden Fall.“

Empfindet ihr die Arbeit als belastend?

„Insgesamt nicht. Auch hier überwiegt alles Positive, was die Arbeit mit sich bringt. Ich persönlich kann aber zum Beispiel nicht zu viele Catcall-Nachrichten auf einmal lesen. Dann werde ich einfach nur wütend und traurig, dass den Personen so etwas passiert ist.“

Habt ihr abschließend Tipps, wie man reagieren kann, wenn man von Catcalling betroffen ist?

„Darüber sprechen und sich anderen anzuvertrauen, kann helfen. Und je nachdem, was passiert ist, kann sexuelle Belästigung auch angezeigt werden. In der Situation selbst ist es wirklich unterschiedlich: manchmal kann laut werden und sich aktiv verbal wehren bestärkend sein und helfen, manchmal ist es gut, andere Leute um Hilfe zu bitten, und manchmal ist es am besten, einfach möglichst schnell von dem Ort und dem Belästiger wegzukommen. Da gibt es kein Falsch. Und ganz generell: Immer daran denken, dass es nichts mit einem selbst zu tun hat, wenn man belästigt wird.“

Falls du selbst Catcalling erlebt hast und deine Erfahrung teilen möchtest, wende dich gerne an @CatcallsOfBieleld oder an einen Catcalls-Account deiner Stadt.

Quelle: „Kein Kompliment“ – Kampagne gegen sexuelle Belästigung

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Inga Nelges

…kommt aus dem schönen Baden-Württemberg und studiert seit 2021 Kommunikationswissenschaft in Münster. Sie begeistert sich für alle Bereiche der Popkultur: Sei es Musik, Filme, Serien oder Internet-Trends. Was ihr aber besonders am Herzen liegt, sind feministische Themen und soziale Gerechtigkeit.

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