Gesellschaft / Kolumne / Meinung

Catch Me Random: Tinder, Tinder, Chickendinner

| Janna Meyer |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Links. links. links. rechts. links. rechts. rechts. links. links. links.
It’s a match.
Weiterswipen.
Links. rechts. links. links. rechts.

Ich sitze mit mir nur flüchtig bekannten Leuten in einer Dachterassenbar in Neukölln und beobachte das Swipeverhalten von Männern und Frauen. Unter meinen Probanden befinden sich zwei Männer und zwei Frauen.
Was ich erwarte: Alle Parteien swipen nach Aussehen und Interessen gleichermaßen. Was ich sehe: Frauen befassen sich im Schnitt 5-10 Sekunden pro potentiellem Match. Während hier Fotos und Biografie studiert werden, hält sich Gruppe B durch einen schnelleren Swipefinger auf Trab. Man will ja keine Zeit verlieren.

Links, rechts, links, links, links, rechts.
Während Frauen eher dazu neigen, wählerischer zu sein und evolutionär unterbewusst noch nach dem besten Samenspender für die potentiellen Kinder suchen, neigt der hier geistig primitiv erscheinende Mann dazu, Frauen in die Kategorien „fickbar“ und „nicht fickbar“ einzuteilen. Egal, wie du swipest, wir sind uns alle klar darüber, warum du da bist. Tinder, Bumble oder Lovoo. Nenn es, wie du willst. Tarn dich als „nein, ich bin nicht so eine“, die heimlich aber doch ihre schlampige Art rauslässt, wenn keiner hinguckt. Nur bloß keinen wissen lassen, dass man als Frau genauso triebgesteuert durchs Leben laufen kann. Unter der Prämisse, dass man ja sonst nicht so ist, aber jetzt eine Phase hat, leben sich Frauen aus. Im Dunkeln. Im Geheimen. Es sollen möglichst wenig Leute mitbekommen, wie viel Spaß man mit fremden Personen haben kann. Während Mann hingegen offen über seine Eroberungen prahlt und kommuniziert, wann er welches Date hat, wird er als toller Stecher gefeiert.

Tinder ist und bleibt eine Sex-App, machen wir uns nichts vor. Alle wissen, warum man dort angemeldet ist. Und so erscheint es auch als nichts Ungewöhnliches, dass Frauen hinter vorgehaltener Hand über ihr Sexleben reden, als würden sie den Standort der Illuminaten verraten. Mittelalterliche Theorien vom Schlüssel-Schloss-Prinzip, die die Frau noch weiter degradieren, eignen sich natürlich Eins A für einen Spasten wie dich, der die Emanzipation für Kokolores hält. Andere klein halten, damit man selber groß da steht, ist die simpelste Form der Diktatur. Aber so läuft das hier nicht. Nicht mit mir. Ich nehme mir, was ich will. Da lass ich mit mir gar nicht über rückständige gesellschaftliche Moralvorstellungen diskutieren, die der Aktualität der frühen Steinzeit entsprechen. Vor allem nicht mit einem minderbemittelten Grottenolm wie dir, für den die Frau ab einer gewissen Anzahl an Sexualpartnern an Wert verliert. Und so kommt es, dass ich mich in einem Café in Berlin Mitte wiederfinde und mir mein Gegenüber allen Ernstes klar machen will, dass ein Match doch eine klare Zusage für Sex wäre.

Von so viel Dummheit wird mir regelrecht schlecht. Mit wem ich wann wie schlafe, würde ich dann gerne noch selbst entscheiden. Und wenn du dich wie der letzte Vollhonk benimmst, mir nur sexistische Scheiße an den Kopf wirfst, ja dann tut sich da absolut nichts. Zum besseren Verständnis: Hier Bild einer vertrockneten Wüste einfügen. Er versteht nur Bahnhof. Aber das macht nichts. Ich bezahle meinen Kaffee und stehe auf. Mir wird das alles zu blöd. Ich bin selbstbestimmt und gebe keinen Fick auf Männer, die das nicht verstehen. Und wer sich jetzt denkt, aber das sollte doch kein Thema mehr sein, sie übertreibt doch, dann muss ich dich leider enttäuschen.

Ich laufe die Spree entlang, setze meine Kopfhörer auf und rekapituliere. Wenn das Swipeverhalten zum einen nach Kopulationmaterial und zum anderen nach Aussehen, Interessen und Charakter gesteuert wird, wird es schwierig, dort einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und weil Tinder so schnelllebig ist, finde ich mich kurze Zeit später in meiner Wohnung wieder, Handy auf dem Schoß, Musik auf den Ohren und swipe. Für mich. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für mich allein. Denn auf Diskussion und doofe Blicke hab ich keine Lust.

Also von vorne.
Links. Rechts. Rechts. Rechts. Links.
It’s a Match.
Lasset die Spiele von Neuem beginnen.

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Janna Meyer

Ich bin Janna, 23, geboren in Ostfriesland, gestrandet in Berlin. Zwischen Mate und Jute spiele ich die rasende Reporterin, die sich mit den Themen der Quarterlifecrisisjägern auseinander setzt. Auf catchmerandom.de und auch für seitenwaelzer.de veröffentliche ich regelmäßig meine Beiträge für die Allgemeinheit. Nebenbei studiere ich Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der FU Berlin.

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