Gesellschaft / Studium

Zwischen Pflicht und Vertrautheit – Das Leben in einer Studentenverbindung

Interview mit einem aktiven Mitglied
| Patrick Schuster |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Studentenverbindungen haben einen gewissen Ruf: Die einen brennen für das Verbindungsleben, die anderen halten möglichst großen Abstand davon. Verbindungen seien konservativ, manipulativ und getrunken werde auch zu viel. Wir haben uns mit einem aktiven Verbindungsmitglied unterhalten und möchten erfahren, was an den Vorurteilen der Wahrheit entspricht und was das Verbindungsleben heutzutage bedeutet.  

Was zeichnet nach deinem Verständnis eine Studentenverbindung aus, beziehungsweise was ist eine Studentenverbindung?

Eine gute Gemeinschaft von Freunden, die einen im Studium und darüber hinaus begleiten.

Wodurch zeichnet sich deine Studentenverbindung speziell aus? Wie hebt sie sich von anderen ab?

Ich bin in einer nicht-schlagenden, farbenführenden Verbindung im KV-Dachverband (Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine). Wir haben ein großes Wohnheim für ca. 40 Leute, in dem unsere aktiven Mitglieder sowie die aktiven Mitgliederinnen einer auch dort ansässigen Damenverbindung wohnen.

Worin können sich Studentenverbindungen voneinander unterscheiden?

Es gibt Dachverbände, die mehrere Verbindungen unter gemeinsamen Prinzipien vereinen und somit eine Interessengruppe bündeln sowie eine Art Grundregelwerk für die teilnehmenden Verbindungen aufstellen. So entstehen einige grundlegende Unterscheidungsmerkmale:

Ist eine Verbindung „farbentragend“ heißt das, dass von den Mitgliedern zu offiziellen Anlässen neben ihrem Zipfelbund ein schärpenartiges Band und gegebenenfalls eine Mütze mit den Vereinsfarben getragen wird.  Bei „farbenführenden“ Vereinen wird auf das Tragen von Band und Mütze verzichtet.

Mit dem Begriff „schlagend“ bzw. „fakultativ schlagend“ wird angezeigt, dass eine Verbindung sogenannte “Mensuren” fechtet (bei fakultativ fechtenden Verbindungen ist das Fechten angeboten, aber optional).

Eine „gemischte“ Verbindung nimmt als Mitglieder sowohl Damen als auch Herren auf. Der überwiegende Teil der Verbindungen besteht nur aus Männern, einige sind gemischt, es gibt allerdings auch reine Damenverbindungen.

Wie tritt man deiner/einer Studentenverbindung bei? Gibt es bestimmte Voraussetzungen, die man erfüllen muss?

Vorab: Studentenverbindungen betrachten sich in den meisten Fällen nicht als „geschlossene Gesellschaft“. Auch ohne offizielles Vereinsmitglied zu sein, sind Besucher zu Festen und öffentlichen Veranstaltungen gerne Willkommen und können so auch einen guten Eindruck vom Verbindungsleben bekommen.

Möchte man dann beitreten, muss ein Antrag auf Beitritt eingereicht werden. Das geschieht meistens auf einer Feier, indem ein formloser Antrag nach dem Modell „Ich, Max Mustermann, möchte dem Verein XYZ beitreten“ auf einen Bierdeckel geschrieben wird.

Dann wird auf dem nächsten Convent (Mitgliederversammlung) über den Antrag entschieden. Bei Aufnahme hat man dann in der Regel etwa ein Jahr den Status „Fuchs“, also Mitglied auf Probezeit, das zeigen soll, dass man in die Gemeinschaft passt und in der Regel noch kein Stimmrecht hat.

Was sind die Vorteile deiner/einer Studentenverbindung? Gibt es Nachteile?

Die Tatsache, dass es auf dem Verbindungshaus Ansprechpartner für alle Belange, sowohl fachlich füs Studium, als auch privat für die Freizeit gibt, und man durch regelmäßige Pflichtveranstaltungen sowie andere Freizeitangebote gut beschäftigt ist, stellt Fluch und Segen zugleich dar.

Einerseits muss man für fast nichts mehr das Haus verlassen. Auf der anderen Seite verlässt man vielleicht auch nicht mehr das Haus. In meiner Studienzeit habe ich dadurch feststellen müssen, dass ich außerhalb von Verbindungen kaum neue Leute kennengelernt habe.

Was für Verpflichtungen kommen mit der Mitgliedschaft in deiner/einer Studentenverbindung?

Als Verbindungsmitglied hat man die Verpflichtung, am Convent und anderen Pflichtveranstaltungen teilzunehmen und sich zu offiziellen Anlässen, in denen man die Verbindung nach außen hin repräsentiert, entsprechend zu verhalten.

Wie unterscheidet sich der Alltag im Haus deiner/einer Studentenverbindung von einer normalen Wohngemeinschaft?

Im Grunde ist der Alltag wie bei einer WG von engen Freunden. Es herrscht ein engeres Vertrauensverhältnis und man kann die Leute zu fast jeder Zeit ansprechen, wenn sie nicht gerade am Lernen sind. Das ist für mich darauf zurückzuführen, dass man die Leute von den gemeinsam erlebten Verbindungsveranstaltungen her kennt. Jeder geht zwar im Alltag seinen eigenen Weg, die Wege kreuzen sich aber häufig.

Bist du/ist deine Studentenverbindung mit anderen Verbindungen befreundet?

Ja, in unserer Heimatstadt haben wir viele befreundete Verbindungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Dachverbandes. Wir haben häufig Gäste von anderen Verbindungen auf dem Haus, die über Nacht oder auf ein paar Bier vorbeikommen. Bei offiziellen Veranstaltungen und Festen laden sich die Verbindungen immer gegenseitig ein.

Wem würdest du den Eintritt in deine/eine Studentenverbindung empfehlen, wem eher davon abraten?

Ich würde es jedem empfehlen, mal bei einer Verbindung vorbei zu schauen, der zum Studieren in eine neue Stadt zieht und dort noch keine Leute kennt. Für mich war es eine ähnliche Situation und für mich ist es ein großer Vorteil gewesen, dort im Zuge der Gemeinschaft sofort Anschluss zu finden.

Wenn man allerdings zum Beispiel aus Zeitgründen von vornherein ausschließt, zu mehr als dem Minimum an Pflichtveranstaltungen zu erscheinen oder mit den anderen Mitgliedern etwas im Alltag zu machen, kann das dazu führen, dass man innerhalb der fester zusammenwachsenden Gemeinschaft an Mitgliedern eher „nebendran“ steht und sich unwohl fühlt.

Was denkst du von dem Bild, was oft durch die Medien von Studentenverbindungen vermittelt wird?

Die Medien haben ein Interesse daran, aufmerksamkeitswirksam Bericht zu erstatten. Wenn sich aus einer Gruppe von 100 Menschen drei daneben benehmen, zeigt der Artikel dazu auf einem Bild genau diese drei Leute, betitelt  ist er mit dem Namen der Gruppe und befasst sich inhaltlich mit deren Fehlverhalten.

Diese Berichterstattung ist inhaltlich nicht direkt falsch, es benehmen sich Leute daneben, sie verfälscht aber den Kontext, polarisiert stark und stellt damit die gesamte Gruppe in Verruf.

Bei meinem ersten Besuch meiner jetzigen Verbindung hatte ich genau so ein Bild als einzigen Anhaltspunkt zum Thema „Verbindung“ im Hinterkopf, welches dann aber in keiner Weise bestätigt wurde, auch nicht, als ich dann Mitglied geworden bin und meine weiteren Erfahrungen im Umfeld von anderen Verbindungen gesammelt habe.

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Patrick Schuster

Schönen guten Abend meine Damen und Herren, ich bin Patrick und mittlerweile seit ein paar Jahren im seitenwaelzer.de-Team. Ich bin aktives Mitglied unseres Spontan-Spontan-Podcasts und schreibe sonst viel im Bereich Technik und Innovation.

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