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„Auf unkonventionelle und kreative Art“ – Ein Interview mit der Gründerin von Refined Bohemia (Teil 1)

Von der Idee zur Gründung

Robin Thier

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Jessica Schäfer aus Netphen, einer kleinen Stadt in der Nähe von Siegen, hat im vergangenen Herbst ihr Unternehmen „Refined Bohemia“ gegründet. Wir haben uns mit ihr über ihren Onlineshop, das Gründen und alles was dazugehört, unterhalten. Neben dem Masterstudium im Bereich Literaturwissenschaften berichtet sie, wie es möglich ist, Uni, Unternehmergeist und Kreativität unter einen Hut zu bekommen.

Was genau ist deine Geschäftsidee?

Unter dem Namen „Refinded Bohemia“ fertige ich Schmuckstücke im Boho-Stil an und verkaufe sie anschließend. Vorwiegend über meinen Online-Shop, ich bin aber dabei, den stationären Handel durch Zusammenarbeit mit kleineren Boutiquen auszubauen, da omnichannel-Handel ein sehr wichtiger Faktor ist.

Woher kam die Idee? Bist du einfach morgens aufgewacht und hast gedacht: „Ich muss Schmuck verkaufen“?

Früher habe ich immer ganz viele Fotos gemacht – oft mit Freundinnen – und irgendwann gingen wir immer weiter und die Bilder wurden aufwendiger und ausgefallener. Plötzlich brauchten wir Requisiten wie Schmuck, Kronen etc. Und da war ich immer am Start und habe diese Dinge angefertigt. Irgendwann kam mir die Idee, ob ich diesen Bereich nicht ausbauen könnte. Dazu kann dann noch, dass ich ein Jahrespraktikum in einer Kreativagentur gemacht habe, wo ich ein Jahr lang mitbekommen habe, wie man Marken aufbaut, etabliert und wie man Inhalte, beispielsweise für Instagram, erstellt. So war der Entschluss gefasst und ich habe Wege gesucht und ausgebaut, die es mir ermöglichen, die Schmuckstücke so herzustellen, dass ihr Einzelstück-Charakter erhalten bleibt, ich sie aber in größeren Stückzahlen anfertigen kann. Diese Schmuckstücke vermarkte ich dann durch schöne Fotos und Videos.

Woher bekommst du den Schmuck? Machst du den selbst?

Das ist ein wenig kompliziert. Es ist keine Schmuckherstellung im Sinne eines Gold- oder Silberschmiedes, denn ich habe dahingehend keine Ausbildung gemacht. Die Anhänger, Kettenelemente und Verschlüsse bekomme ich aus Europa oder Amerika geliefert und dann bastle ich die Schmuckstücke nach meinen Vorstellungen zusammen. Somit steht am Anfang der Herstellung ein Kreativprozess, bei dem ich mir ein Design überlege. Im Anschluss schaue ich, was mir auf dem Markt zur Verfügung steht und fertige die Schmuckstücke je nach Thema der einzelnen Kollektion an.

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Hast du eine Art Botschaft oder Stil, den du vertrittst?

Die Marke basiert auf dem Boho-Stil. Naturverbundenheit steht im Fokus, was sich zum Beispiel in den verwendeten Materialien wiederspiegelt: Kristalle, Baumwollbänder, Perlen, Erdtöne, Muster und Formen aus der Natur. Diese verbinde ich mit Elementen aus der Bohéme, also aus der französischen Avantgarde. Man erkennt die Symbolik zum Beispiel in meinem aktuellen Logo.

Das „refinded“ steht für eine Reduzierung des sehr zum Überladenen neigenden Boho-Stils, der sonst mit viel zu großen Anhängern und dergleichen daherkommt. Ich überführe das Ganze auf eine schlichte, zeitlose und moderne Ebene.

Du importierst deine Materialien aus dem Ausland. Wie findet man die Händler?

Ich kann ja jetzt nicht meine ganzen Geheimnisse ausplaudern *lacht*. Aber so viel: Ich bin viel auf Marktplätzen wie DaWanda und Etsy unterwegs. Es lohnt sich bei der aktuellen Größe meines Unternehmens noch nicht, an große Händler heranzutreten. Ich bestelle eine kleine Anzahl an Materialien, sagen wir zum Beispiel 15 Stück eines bestimmten Edelsteines. Dann gibt es im Onlineshop 15 Ketten oder Armbänder mit diesem Stein und wenn sie dann ausverkauft sind, ist das Schmuckstück auch erstmal nicht mehr zu bekommen, da die Materialienhändler auch ein wechselndes Sortiment haben. So ist jedes Schmuckstück limitiert und etwas Besonderes.

Jetzt geht es ums Gründen. Bist du bei der Gründung auf besondere Hürden gestoßen? War der Prozess schwierig?

Ich komme aus dem Kreativbereich, auf der Ebene mit den Lookbooks oder Fotos gab es keine Probleme. Da wusste ich genau, wohin die Reise geht. Aber bei den BWL-Dingen sah das schon anders aus: zum Beispiel musste ich mich informieren, ob ich ein Kleingewerbe anmelden kann und was ich dafür tun muss. Mit diesen Fragen ging ich zum Gründerbüro der Uni und wurde dort beraten. Ich habe auch ein paar Kurse der Gründerakademie belegt, unter anderem einen Kurs über Steuergrundlagen. Wenn ich nicht weiterwusste, habe ich mir Hilfe geholt. Ein bisschen Tüftelei war das Anlegen von Webseite und Shop.

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Die mit Abstand größten Hürden waren in der Anfangsphase das Zeitmanagement und die Fähigkeit, alles unter einen Hut zu kriegen. Auch das Geld war zu Beginn ein Problem. Ich wollte niemanden sonst in der Firma haben. Kredit aufnehmen oder das Verwenden von Fremdkapital haben mir Angst gemacht und letztendlich wollte ich es ja alleine schaffen. Daher habe ich ganz klein angefangen und musste hin und wieder auf unkonventionelle und kreative Art handeln. Das Geld, das ich durch den Verkauf von Schmuckstücken einnehme, wird für Firmenausgaben weiterverwendet. Einen kleinen Geldsegen hab es dann im letzten Monat durch den Gründerwettbewerb, der mir einiges ermöglicht hat.

Gründerwettbewerb? Was hat es damit auf sich?

Wie gesagt, das Geld war anfangs ein bisschen knapp, da ich auf meine eigenen Geldmittel angewiesen bin. Aber ich hatte das Glück, dass es in meiner Gegend einen Gründerwettbewerb gab, bei dem ich mit meiner Firma den dritten Platz belegen konnte und damit einen kleinen Finanzzuschuss mein Eigen nennen. Das Geld kann ich jetzt natürlich super verwenden, um ein paar Dinge anzugehen, die ich mir vorgenommen habe – Investitionen, für die es langsam Zeit wurde.

Refined Bohemia basiert größtenteils darauf, dass du deine Produkte online vertreibst. Findest du, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Laden hat oder einen Webshop?

Genau, größtenteils läuft alles übers Netz. Obwohl ich auch ganz froh bin, dass ich einen stationären Händler habe – aber dazu erzähle ich gleich noch etwas. Fangen wir erstmal vorne an: Auf der einen Seite nutze ich Plattformen wie Instagram oder Facebook, wobei Facebook eher eine allgemeine Infoplattform ist und ich über das Instagram-Konto wesentlich mehr Menschen erreiche. Produktfotos kann ich da wunderbar vorstellen und in den „Storys“ einen Einblick hinter die Kulissen geben und zeigen, was ich so den ganzen Tag mache und wie ich Schmuckstücke anfertige. Damit kann ich die Leute ein bisschen in diese Welt mitnehmen.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich Kunden und Kundinnen, die Schmuckstücke vor dem Kauf gerne testen und anprobieren möchten. Die Frage, ob es auch einen Shop fernab des Onlinehandels gebe, taucht relativ oft auf. Und ja, ich arbeite mit einer Boutique zusammen, die meine Stücke in der Auslage hat. Interessanterweise verkaufen sich im stationären Handel übrigens ganz andere Produkte, als im Online-Handel.

Im Internet und in der Offline-Welt ist das Netzwerken sehr wichtig. Die Partnerin im Handel habe ich etwa über den erweiterten Bekanntenkreis gefunden und unsere Stile haben auf Anhieb zusammengepasst. Den ersten Schritt in die Richtung gab es aber schon früher: Meinen ersten Marktstand hatte ich bereits 2016 auf einem Kreativmarkt, auf den ich mit einem Bauchladen – einem kleinen Besteckkasten – hingegangen bin. Das war ganz zu Beginn meines Onlineshops und ich hatte erst meine Kollektion mit ca 15 Schmuckstücken dabei, mit denen ich niemals einen ganzen Stand hätte befüllen können. Trotzdem musste ich aber eine Standgebühr bezahlen – natürlich eine kleinere, als die großen Stände, das wurde dann auf meinen halben Quadratmeter umgerechnet. *lacht*

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Hier geht’s zu Teil 2 des Interviews. Dort sprechen wir über Kundenkontakt, Zielgruppen, Motivation und Tipps für andere junge GründerInnen.

 

Titelbild: Kira Stein Fotografie

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Robin Thier
Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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