Kino & Serie

“SPLIT” Kinokritik – Eine klare Filmempfehlung von uns?

M. Night Shyamalans Psychothriller unter der Lupe
| Tamara Ossege-Fischer |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Split. Gespalten. DIS, Dissoziative Identitätsstörung. 23 Persönlichkeiten von einem Schauspieler gespielt. Kidnapping, Therapeuten. Wissenschaft. Weiterbildung. Aufklärung. Anders. Besonders. Und dann noch Anya Taylor-Joy.

Filme, in denen die reale Welt miteinbezogen wird, sind immer interessant und schwierig zugleich. Ich habe lange gewartet, bis ich diesen Film gesehen habe, obwohl mich der Trailer sehr angesprochen hat. Ich stehe absolut nicht auf Horror und Angstmache, jedoch hat mich hier das Wissenschaftliche und Psychologische gereizt.
Man erwartet Horror und stumpfe Jump Scares, bekommt aber einen ausgetüftelten Thriller mit natürlichem Psycho-Effekt, ohne, dass er abgedroschen wirkt. Zwischendurch werden wissenschaftliche Elemente eingebracht und das ganze Gebilde “DIS” analysiert. Ein bisschen gruselig, ein bisschen krank, aber ein Wahnsinnsfilm.
Als der Abspann schon fast vorbei war, saß ich noch eine ganze Weile dort und dachte darüber nach.

Die Story

Die drei Teenager Claire (Haley Lu Richardson), Martha (Jessica Sula) und Casey (Anya Taylor-Joy) werden auf dem Heimweg von einem Unbekannten (James McAvoy) entführt, an einen fremden Ort gebracht und in einem Keller eingesperrt. Die Mädchen lernen verschiedene Persönlichkeiten ihres Entführers kennen, jedoch handelt es sich immer um den gleichen Menschen. Schnell wird ihnen klar, dass er krank ist: Eine Persönlichkeit befiehlt, dass sie Röcke und Blusen ausziehen, die andere verlangt neurotisch, dass sie das Badezimmer putzen, während eine ganz andere eher wie ein junges Kind wirkt. Die Mädchen suchen ununterbrochen nach einer Fluchtmöglichkeit und stehen sich damit selber im Weg, während eine andere Persönlichkeit, die unter „dem Licht“ die Kontrolle hat, immer wieder bei der Psychaterin Dr. Fletcher (Bettly Buckley) vorbei schaut. Aufgrund mehrerer panischer E-Mails von einer schwächeren Persönlichkeit des Patienten versteht sie schnell, dass ihr irgendwas verheimlicht wird. Als dann noch von einer 24., sehr gefährlichen Persönlichkeit berichtet wird, droht die Gefahr…

Der Aufbau

Der Anfang des Films ähnelt dem typischen Horrorfilm oder Thriller: Es gibt zwei beliebte Mädchen und eine Außenseiterin, die mit den anderen zusammengestoßen wird. In wenigen Szenen wird eine unangenehme Situation erzeugt, die Entführung gelingt ohne Probleme, das „Gefängnis“ ist fensterlos, der Entführer unberechenbar. Es scheint auswegslos.

Im Laufe der Geschichte lernt der Zuschauer die verschiedenen Persönlichkeiten und die Hierachie unter ihnen immer besser kennen und versteht das Mysterium „Kevin“, wie der Mann eigentlich heißt. Bis zum Ende zieht sich aber eine Unsicherheit durch den Film, weil man als Zuschauer nicht weiß, in welcher Situation welche Persönlichkeit zu Tage kommt, da dies meist überraschend vonstattengeht. Man fiebert in jeder angespannten Szene mit, welche Persönlichkeit “das Licht” ergreift und wie darauf reagiert wird.

Raffinesse

Im Verlauf des Films erweist sich Casey als klüger und wichtiger als die anderen beiden Mädchen, einige Einschübe von Momenten aus ihrer Kindheit bestätigen das. Taylor-Joy agiert auf Augenhöhe mit verschiedenen Persönlichkeiten und sucht nach einem Ausweg. Die Schauspielerin wurde schon in „The Witch“ gelobt und gebührt in dieser Rolle ihrem Ruf alle Ehre.

McAvoy hat mich komplett umgehauen. Er spielt die verschiedenen Persönlichkeiten mit einer grandiosen Überzeugung. Jede ist anders gekleidet und hat bestimmte Merkmale, wie zum Beispiel ein lispeln oder ein Augenbrauenheben, abgesehen von unterschiedlichsten Stimmlagen. Die Schauspielkunst ist hier einfach nur wahnsinnig gut. Die manchmal schnellen Übergänge meistert er perfekt und spielt jede Persönlichkeit, als wäre sie eine ganz andere Rolle mit eigenem Charakter und eigener Vorgeschichte.

Den ganzen Film über herrscht eine dunkle, unangenehme Atmosphäre in dem Gebäude. Verschiedene Zimmer und Flure werden mehrfach gezeigt, sodass der Zuschauer sich orientieren kann und schnell versteht, wo was ist. Als Kontrast dazu ist das Therapiezimmer von Dr. Fletcher freudig und offen gestaltet; es drückt fast Hoffnung und Gesundheit aus. Nur das Treppenhaus, der Weg dorthin, erscheint unendlich lang….

Das Ende

Ohne viel spoilern zu wollen, war ich am Ende echt baff. Alles scheint auswegslos, man findet sich schon mit dem erwarteten Ende ab, und dann findet man über Casey Dinge heraus, die man sich eigentlich schon hätte denken können, hätte man Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Die Menschlichkeit in Kevin wird angesprochen, die beiden verbindet mehr, als man den ganzen Film über denkt.
Das Wichtigste des Filmes ist aber: Der anfänglich maue Ansatz funktioniert. Regisseur Shymalan erzeugt mit dem gewohnten Sinn für die Atmosphäre und für das Unsichtbare einen phantastischen Thriller, und zudem noch einen Film über das Anderssein – sowohl in Hinsicht auf Kevin als auch auf Casey.

Leider schreit auch dieser Film nach einem zweiten Teil, als in der letzten Szene auf einmal Bruce Willis auftaucht und einen Namen eines ähnlichen Falls nennt, den eine zufällige Restaurant-Kundin erfragt.

Man munkelt, es würde ein Mix aus „Unbreakable“ (aus dem Jahre 2000, eher Mystery, jedoch vom gleichen Regisseur) und „Split“, jedoch steht das noch in den Sternen.

Meine Empfehlung
Lasst alles stehen und liegen und schaut euch diesen Film an.
Horror-Liebhaber kommen wegen der Atmosphäre und des Keller-Labyrinths am Ende auf ihre Kosten, Angsthasen bibbern nur wenig und sind trotzdem gefesselt und Deep-Shit-Liebhaber werden begeistert sein.

Angucken!

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Quellen
Titelbild: http://www.eyeslovetosee.de/split/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=1VqWDr2ldPI

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Tamara Ossege-Fischer

...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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