Kultur und Medien

Der Studislam in Paderborn

Amateur-Poeten kämpfen mit ihren Texten
| David Neite |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

David Neite

Ein Seminar der besonderen Art, ein hochmotivierter Dozent und fast 40 Studenten – schon vor der eigentlichen Veranstaltung war der diesjährige Paderborner „Studislam“ ein voller Erfolg, denn so viele Teilnehmer hatte Projektleiter Karsten Strack noch nie zuvor verzeichnet. Doch was genau hatte es mit diesem Event auf sich? Und was für ein Seminar ging dem voraus?

Poetry Slam – Was ist das eigentlich?

Bei dem „Studislam“ handelte es sich um einen klassischen Poetry Slam in kleinem Rahmen. Um das Ganze besser zu verstehen, sei das Grundkonzept eines solchen kurz erklärt:

Auf einer Bühne treten bis zu zehn Wortakrobaten gegeneinander an. Nacheinander tragen sie ihre eigens verfassten Texte vor, um nachfolgend vom Publikum oder einer Jury bewertet zu werten. Textsorte, Genre und Thematik sind in den meisten Fällen frei wählbar, beurteilt werden sowohl die Qualität des Textes als auch die Performance des Verfassers. Dieser hat sich dabei an vier Regeln zu halten:

1. Der Text muss aus der Feder des Vortragenden stammen. Zitate müssen gekennzeichnet werden und dürfen den Text nicht dominieren.

2. Es dürfen keine Requisiten wie Musikinstrumente benutzt werden. Außerdem muss die Kleidung dem normalen Stil des Poeten entsprechen – Verkleidungen sind nicht erlaubt.

3. Singen ist nicht oder nur zitathaft erlaubt. Sprechgesang bildet eine Ausnahme.

4. Der Vortrag darf maximal fünf Minuten dauern (bei den meisten Slams).

Eine fünfte Regel betrifft das Publikum: „Respect the poet!“ Lasst den Künstler in Ruhe vortragen und macht seine Performance nicht durch Zwischenrufe oder dergleichen zunichte. Nach dem Auftritt sind Kommentare allerdings ausdrücklich erwünscht.

Diese Form des Dichterwettstreits entwickelte sich übrigens in den 80er Jahren in den USA. Mittlerweile ist sie aber auch in Deutschland weit verbreitet und es findet bundesweit eine große Anzahl kleiner oder größerer Slams in regelmäßigen Abständen statt, zum Beispiel auch in der Uni Münster.

Das Seminar

Im Laufe des Wintersemesters 2016/2017 fand an der Universität Paderborn ein Seminar mit dem simplen Titel „Poetry Slam“ statt. Karsten Strack, Geschäftsführer des auf Slam-Literatur spezialisierten Verlags „Lektora“, führte Studenten aller Fachbereiche in die Geschichte und das Konzept des Poetry Slams ein und erklärte, wie ein eigener Slam organisiert und durchgeführt wird.

Der Abschluss des Seminars: Ein eigener Slam, in dessen Rahmen jeder Teilnehmer einen eigenen Text vorträgt.

Der Studislam

seitenwaelzer-Autor Lukas Schuster (r.) moderierte gemeinsam mit Karsten Strack (l.)

Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl in diesem Jahr musste der Abschluss-Slam an drei Terminen durchgeführt werden. Am 23., 24. und 25. Januar also traten die Neulinge gegeneinander an. seitenwaelzer-Redakteur Lukas moderierte die Veranstaltung an zwei dieser Tage, Ich (David) trat mit einem eigenen Text an.

Jeder der drei Abende wurde durch einen Gastauftritt eines Musikers eingeleitet. Den Anfang machte dabei am Montag Bad Temper Joe, der zwei Blues-Songs aus seinem weiten Repertoire präsentierte und damit den ersten Poeten der Slam-Serie vom allgemein verhassten Schicksal des ersten Auftritts erlöste.

In den Dienstag führte Florian Wintels ein, der bereits seit einigen Jahren erfolgreich als Slam Poet und Musiker die Bühnen Deutschlands betritt und auch an diesem Abend das Publikum durch seinen unverwechelbaren Stil, schlicht gute und mitreißende Musik sowie eine gehörige Portion Witz begeistern konnte.

Der Mittwoch und damit der abschließende Abend wurde durch den Singer-Songwriter Moe aus Bielefeld begonnen und bereichert. Alle drei Musiker hatten ebenfalls am Seminar teilgenommen und boten daher zusätzlich einen gesprochenen Text dar.

Schade, dass man auf dem Foto kein Zittern erkennen kann.

Den Kern der Veranstaltung machten aber natürlich die von den absoluten Slam-Neulingen vorgetragenen Texte aus. Und diese konnten durchaus mit der ein oder anderen Überraschung aufwarten. Knisternde Anspannung füllte das Sputnik an allen drei Tagen, die Aufregung der Poeten war förmlich zu spüren. Vor allem jedoch das Publikum garantierte eine ausgelassene Stimmung und trug somit zum allgemeinen Spaßfaktor bei. Während sich Lukas am Montag und Dienstag als Moderator beweisen konnte, trugen etwa 30 Studenten Texte jeglicher Art vor.  Ob witzig, sozialkritisch, tiefsinnig oder einfach komplett sinnbefreit (letzteres stellt das Konzept meines Vortrags dar) – jede Thematik und Stimmung wurde bedient. Mithilfe von Wertungstafeln urteilte das Publikum über Performance und Qualität des Niedergeschriebenen oder frei Vorgetragenen und kürte somit für jeden Abend einen Sieger, der sich mit der Ehre, den Sieg errungen zu haben, zufrieden geben musste. Der eigentlich stets einen Sachpreis zur Verfügung stellende Sponsor war kurz zuvor leider abgesprungen. Dies trübte die ausgesprochen große Freude der Sieger, zu denen auch ich mich überraschenderweise zählen durfte, aber in keiner Weise.

So kam es, dass an jenen drei Tagen nicht nur viel gezittert, sondern auch mindestens so viel gelacht und nicht gerade wenig getrunken und gefeiert wurde. Es war eine gelungene Veranstaltung, die für alle Beteiligten einen vollen Erfolg darstellte  (und wenn es nur um den heiß begehrten Teilnahmeschein ging) und  möglicherweise den ein oder anderen künftigen Slam Poeten hervorbringen konnte!

Meinen Auftritt könnt ihr übrigens hier nachhören:

 

 

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David Neite

Hey Leute! Ich bin David, lese und schreibe gerne, veranstalte Poetry Slams, bin bekennender Fan guter Fantasyliteratur sowie (alter) Videospiele und habe vor, künftig viel zu reisen. Bei all dem könnt ihr mich, solltet ihr daran Interesse haben, hier auf seitenwaelzer begleiten.

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