Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Das Gespenst von Canterville (Oscar Wilde)

Kurz vor der Sommerpause versucht sich Dominik an einer alten Gespenstergeschichte. Wird sie schrecklich gut sein oder nur schrecklich?
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

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Es gibt ja manchmal Zeiten, in denen man partout nicht dazu kommt, das zu lesen, was man eigentlich lesen möchte. Sei es, weil die Uni dazwischenkommt oder weil man gerade eine große Recherche für die Ecke Hansaring machen muss. Daher habe ich es mir kurz vor der jährlichen Sommerpause von „Tatsächlich gelesen“ noch einmal leicht gemacht, indem ich mich auf eine Kurzgeschichte gestürzt habe.

Der Name Oscar Wilde (1854-1900) dürfte den meisten ein Begriff sein, jedoch vor allem durch seine Theaterstücke wie beispielsweise The Importance of Being Earnest. Daneben schrieb er einige Kurzgeschichten und mit Das Bildnis des Dorian Grey seinen einzigen Roman. In seiner Zeit fiel er zudem durch seinen Lebensstil und seine Selbstinszenierung als Dandy auf. Seine Erzählung The Canterville Ghost erschien 1887. Sie wurde seitdem mehrfach sowohl für das Theater als auch für das Kino adaptiert. Die Fernsehversion mit Patrick Stewart und Neve Campbell ist unter diesen sicher empfehlenswert, auch wenn sie sich einige Freiheiten erlaubt.

Eine etwas andere Gespenstergeschichte

Ende des 19. Jahrhunderts kauft der neue amerikanische Botschafter in England, Hiram B. Otis, das Schloss Canterville, das er mit seiner Familie bezieht. Der gegenwärtige Lord Canterville gibt ihm beim Verkauf jedoch mehrfach die Warnung mit, im Sinne seiner Frau und seiner Kinder doch lieber ein anderes Anwesen zu erwerben, da in Canterville ein Gespenst umgehen soll. Otis schlägt diese Warnungen jedoch in den Wind, sind sie für einen aufgeklärten, modernen Amerikaner doch nichts anderes als Aberglaube. Doch das Gespenst, Sir Simon Canterville, geht tatsächlich im Haus um und hat über die letzten Jahrhunderte schon viele Schlossbewohner in den Wahnsinn oder ins Grab getrieben. So will es sich auch dieses Mal ans Werk machen. Doch es muss feststellen: Gegen die abgebrühten Amerikaner ist kein Kraut gewachsen. Während der Botschafter und seine Frau es schlichtweg mit Nichtachtung strafen, spielen ihm die jüngsten Zwillinge Streiche und der älteste Sohn ist in keiner Weise bereit, seine Existenz überhaupt anzuerkennen. Nur die Tochter der Otis‘ hat Mitleid mit dem Gespenst. Doch gerade sie ist es, die eines Tages spurlos verschwindet…

„We have not cared to live in the place ourselves,“ said Lord Canterville, „since my grandaunt, the Dowager Duchess of Bolton, was frightened into a fit, from which she never really recovered, by two skeleton hands being placed on her shoulders as she was dressing for dinner, and I feel bound to tell you, Mr. Otis, that the ghost has been seen by several living members of my family, as well as by the rector of the parish, the Rev. Augustus Dampier, who is a Fellow of King’s College, Cambridge. After the unfortunate accident to the Duchess, none of our younger servants would stay with us, and Lady Canterville often got very little sleep at night, in consequence of the mysterious noises that came from the corridor and the library.“

Oscar Wilde: The Canterville Ghost, John W. Luce and Company, 1906, S. 1

Große Themen auf wenig Raum

Auch wenn die Erzählung sehr kurz ist (mutmaßlich unter einer Stunde Lesezeit), steckt sie voller großer Themen und wunderbarer Einfälle. Einmal ist da das Zusammentreffen von Alter und Neuer Welt, moderne Technik gegenüber dem Übernatürlichen, die Frage nach Schuld, Sühne und Vergebung, der Blick auf die High Society sowie auch eine Art dunkle Romantik, wie sie im ausgehenden viktorianischen England typisch war. Dass dies alles in sieben relativ kurzen Abschnitten Platz findet, liegt nicht zuletzt am gleichzeitig sehr präzisen, wie auch humorvollen Stil, den Wilde hier gewählt hat. Gerade die ersten vier Kapitel sprühen vor bitterbösen Seitenhieben gegenüber den ignoranten Amerikanern, aber auch die durch Aberglauben tatenlos gewordenen britischen Diener kriegen ihr Fett weg. Auch das Gespenst muss teilweise zu ihm sehr peinlichen Methoden greifen, um seinen Mythos am Leben zu halten. Dann wird der Tonfall elegischer, was den Lesespaß aber nicht schmälert. Zudem sei gesagt, dass sowohl die englische wie auch die deutsche Version sehr gut lesbar sind.

„When a golden girl can win
Prayer from out the lips of sin,
When the barren almond bears,
And a little child gives away its tears,
Then shall all the house be still
And peace come to Canterville.

Oscar Wilde: The Canterville Ghost, John W. Luce and Company, 1906, S. 83

Fazit

Für mich als Mitglied der „Kassettenkindergeneration“ war es ein besonderes Vergnügen, an die alten Hui-Buh-Hörspiele von Eberhardt Alexander Burgh erinnert zu werden, für die diese Geschichte eine unverkennbare Inspiration war. Wer sich also auf einer Zugfahrt einen amüsanten Literaturklassiker zu Gemüte führen möchte, dem sei Das Gespenst von Canterville wärmstens empfohlen.

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Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

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