Gesellschaft und Lifestyle

Von verlorenen Portemonnaies und trotzdem ziemlich viel Glück

Wie mich ein blödes Erlebnis in der Silvesternacht Dankbarkeit lehrte
| Lotta Krüger |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Ich wache auf. Es ist der 1. Januar 2019. Abgesehen davon, dass ich die zahlreichen Flaschen Bier und Gläser Sekt ein bisschen im Kopf spüre, geht es mir super. Das war mal ein gelungenes Silvester!

Mein Freund hatte ein paar Kumpels aus der Heimat eingeladen, mit denen wir ab Nachmittags gemütlich ein paar Bier bei uns getrunken haben. Um 7 dann ging es zum Italiener, wo noch eine meiner Freundinnen zu uns stieß, und haben es uns mit Pizza und Wein gut gehen lassen. Einen Absacker noch und ab zur WG-Party meiner Freundin. Natürlich nicht, ohne vorher noch beim Kiosk anzuhalten und ein paar Sixer Bier mitzubringen. Alles andere wäre ja unhöflich gewesen und die Bierpong-Becher füllen sich schließlich nicht von selbst. Nach ein paar erfolgreichen Runden und zwei Stunden auf der Party machten wir uns wieder auf den Weg, diesmal Richtung Cuba Nova – für die dortige Silvesterparty hatten wir uns Tickets im Vorverkauf besorgt. Als wir auf dem Weg allerdings zufällig an der Wohnung einer anderen Freundin vorbeikamen, sahen wir dort Leute auf dem Balkon und hörten Musik herausschallen – das war natürlich der Aufruf zu einem weiteren spontanen Zwischenstopp. Dieser war so erfolgreich, dass wir Mitternacht am Fenster der Küche ebendieser Party verbrachten und von dort aus die Feuerwerke der Stadt bestaunten. Der Sekt floss, die Laune stieg. Gegen eins kamen wir dann aber tatsächlich im Cuba an und verbrachten dort eine tolle Party-Nacht. Es war genau richtig voll, die Musik war gut und alle waren bester Stimmung – eine gelungene Feier zum Abschluss eines gelungenen Jahres.

Während ich im Bett liegend ein paar Schlucke Wasser trinke und die Nacht Revue passieren lasse, klingelt irgendwo in meinem Hinterkopf eine Glocke. Und zwar kein schönes, zartes, helles Glöckchen, sondern eher eine beunruhigende, schrille Alarmglocke. Irgendwas war da doch… Verdammt! Die Erinnerung kommt zurück. Als wir gestern Nacht schließlich gegen halb 7 ins Bett gefallen waren, wurde mir kurz vorm Einschlafen noch bewusst, dass ich im Club meinen Geldbeutel nicht hatte finden können. Das war aufgrund des Freiverzehrs auch nicht weiter schlimm gewesen, aber wo war er? Die Müdigkeit hatte mich dann aber doch so übermannt, dass ich mich nicht weiter damit auseinander gesetzt hatte. Das tat ich aber jetzt – und wie. Nachdem ich Hand- Hosen- und Jackentaschen doppelt und dreifach durchsucht hatte, stand fest: Ich habe mein Portemonnaie verloren.

Dann ging das große Grübeln los. Gemeinsam mit den Kumpels meines Freundes saßen wir verkatert in der Küche, tranken Kaffee und versuchten, zu rekonstruieren, wo mein Geldbeutel mir abhanden gekommen sein konnte. Im Restaurant hatte ich definitiv noch damit gezahlt, im Kiosk ebenfalls. Hatte ich ihn dort auf dem Tresen liegen lassen? Oder hatte ich ihn, weil ich beide Hände zum Biertragen brauchte, nur unter den Arm geklemmt und dabei auf der Straße fallen gelassen? Oder ihn statt in die Handtasche in die Jackentasche gesteckt und war er aus dieser herausgefallen, als ich die Jacke auf der ersten WG-Party in die Ecke geschmissen hatte? Nach einiger Analyse kamen wir zu dem Schluss, dass das Portemonnaie schon verschwunden gewesen war, als wir im Cuba angekommen waren – schon die Garderobe hatte jemand für mich mit gezahlt, und kurze Zeit später war mir der Verlust das erste Mal aufgefallen.

Als Erstes schrieb ich natürlich den beiden Freundinnen, ob in ihren Wohnungen etwas gefunden wurde. Fehlanzeige. Auch der Kioskbetreiber wusste nichts. Das Cuba war natürlich noch geschlossen, aber als ich am nächsten Abend dort auftauchte, zeigte der Barkeeper mir zwar mehrere liegen gebliebene Geldbeutel, jedoch nicht den, den ich suchte. Auch beim Fundbüro der Stadt war nichts abgegeben worden.

Langsam wurde es mir bewusst. Mein Portemonnaie würde wahrscheinlich nicht wieder auftauchen. Neben dem Bargeld – was noch das geringste Übel war – hatte ich damit meinen Perso, Führerschein, sämtliche Bankkarten, meine Krankenkassenkarte, den Studentenausweis und damit auch die aufgeladene Mensakarte und den Bibliotheksausweis sowie mein Semesterticket und einen 80-Euro-Douglasgutschein verloren, den ich eine Woche zuvor zu Weihnachten bekommen hatte. Ich kam mir so dumm vor. Wieso hatte ich mir bei meiner Paddeligkeit, für die ich bekannt bin, nicht schon längst ein Party-Portemonnaie angelegt? Wieso nahm ich Depp zum Feiern denn jede verdammte Karte mit anstatt einfach nur Bargeld? Na ja, hinterher ist man immer schlauer

Neben all dem Aufwand, den es mich kosten würde, jede einzelne Karte neu beantragen zu müssen, würden eine Menge Gebühren für ebendiese auf mich warten. Beim Googeln einer Führerschein-Neubeantragung erfuhr ich zum Beispiel sogleich, dass es sich dabei um etwa 45 Euro handeln würde. Na frohes neues Jahr! Rechnete man dazu das Bargeld und den Wert des Portemonnaies selbst, würde ich insgesamt ein Minus von über 200 Euro machen. Ich konnte nicht verhindern, dass dieser Fakt – und der, dass wahrscheinlich auch noch meine eigene angetrunkene Dummheit daran schuld war – mich die ersten Januartage ziemlich herunterzog.

Lies auch: Lena wurde der schwäbische Dialekt in die Wiege gelegt. Das führt schon mal zu Verwirrungen…

Aber nachdem ich mich immer wieder innerlich selbst geohrfeigt und den Dieb verflucht hatte, der es mir eventuell doch aus der Tasche geklaut hat, kam ich irgendwann zu dem Schluss, dass es das auch nicht besser machen würde. Das Portemonnaie war weg. Life goes on!
Abgesehen davon, dass es auf der Welt deutlich Schlimmeres wie Krieg, Hunger und Krankheiten gibt, hatte ich bei derartigen Missgeschicken auch schon oft genug Glück gehabt. Gerade erst, als ich kurz vor Weihnachten in die Heimat gefahren war, hatte ich meinen Rucksack samt Laptop, Zug-Ticket und ebenfalls Geldbeutel fünf Minuten unbeaufsichtigt bei Starbucks am Bahnhof liegen lassen. Als mir das am Gleis stehend siedend heiß bewusst geworden und ich zurück gesprintet war, lag der Rucksack noch an Ort und Stelle. Und als wäre das nicht genug des unverdienten Glückes gewesen, bekam ich sogar noch meinen Zug. Als ich zu Hause meiner Mama davon erzählte und diese mich berechtigterweise für meine Verpeiltheit herunterputzte, antwortete ich abgeklärt: „Ist doch alles gut, Mama. Manchmal muss so etwas passieren, damit man die nächsten Monate wieder ganz besonders alarmiert und vorsichtig ist und extrem gut auf seine Sachen aufpasst. Das wird mir jetzt immerhin so schnell nicht wieder passieren!“
… Neun Tage. Genau neun Tage hatte diese Vorsicht und Alarmiertheit gehalten, bevor ich blöd genug gewesen war, mein Portemonnaie zu verlieren. Aber immerhin war es diesmal nur das Portemonnaie. Nicht auszudenken, was an Schaden zusammengekommen wäre, wäre an dem Rucksack bei Starbucks im falschen Moment die falsche Person vorbeigekommen.

Letztendlich war es neben dem Vergleich zu wertvolleren Gegenständen wie dem Rucksack aber doch viel mehr der zu meinen ganzen Lebenumständen, der mich schließlich gelassener stimmte. Ich habe so viel. Ich bin gesund, alle meine Liebsten sind es. Ich habe ein Dach überm Kopf, und dazu noch ein ziemlich schönes. Ich darf studieren, ein Fach meiner Wahl, und darf danach einen Beruf ausüben, den ich mir aussuche. In meinem Land herrscht Frieden. Ich muss nicht flüchten, nicht hungern, werde nicht von meiner Familie getrennt. Da kam mir so ein Portemonnaie plötzlich wie ein ziemliches First-World-Problem vor. 200 Euro taten zwar weh, aber mit einem Monatsgehalt meines Jobs als studentische Hilfskraft würde ich sie bald wieder raus haben.

Ich wünsche mir zwar trotzdem noch immer jedes Mal, wenn ich den Briefkasten öffne, dass ein ehrlicher Finder mir meinen Geldbeutel – wenn auch ohne Bargeld – zurückgebracht hat. Aber selbst, wenn das nicht passiert, blicke ich auf mein Jahr 2018 im Guten zurück. Ich habe so viel Schönes erlebt. Mir wurde so viel geschenkt: Liebe, Freude, Gesundheit, Sicherheit. Mein Leben meint es gut mit mir. Was ist da schon ein Portemonnaie?

Die Jagd nach meinen Daten: Wie schwer es ist, in Deutschland an seine privaten Daten zu kommen.

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Lotta Krüger

Neu bei seitenwaelzer und 22jährige Kommunikationswissenschaft- und Germanistik-Studentin in Münster, die nicht ohne Serien, Reisen, Festivals, Schokolade, Surfen, guten Ouzo und Sonne kann und zu diesen Dingen auch gerne ihre Erfahrungen teilt!

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