Meinung / Reportage

Allein in Marokko – Bekloppt?

Wie ich allein und als Frau durch Marokko gereist bin
| Amelie Haupt |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

„You’ve got some balls!“ Eine 46-jährige Frau aus Singapur, Mutter von zwei Töchtern, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich habe ihr gerade erzählt, dass ich allein in Marokko reise und bei meiner Fahrt nach Chefchaouen 2,5 Stunden lang mitten in der Nacht an einer Raststätte warten musste, bis ein Taxi mich in die Stadt fahren würde.
Ja, zugegeben, das war nicht die klügste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe, aber so bekloppt war das nun auch wieder nicht. Sie starrt mich noch immer an, als ob es ein Wunder von babylonischem Ausmaße wäre, dass ich noch am Leben bin. Doch zu ihrer großen Überraschung erzähle ich statt einer dramatischen Geschichte, wie ich in einer dunklen Gasse bedroht und ausgeraubt werde, eine Geschichte von herzerwärmender Gastfreundschaft.

Es ist 4:20 Uhr in der Nacht und wir sind gerade an einer Raststätte in Dardara angekommen. Von hier aus fehlt nur noch die letzte Etappe mit dem Grandtaxi und schon sind wir – also die anderen Fahrgäste und ich – in Chefchaouen. Ich warte. Ich warte und warte. Ich werde ungeduldig und versuche herauszufinden, wie lange wir noch auf das Taxi warten müssen.
Zwei Jungs in meinem Alter haben sich auf Plastikstühle gesetzt und spielen auf ihren Handys. Ich tippe einen von ihnen an, zeige auf die Uhr seines Smartphones und frage, wann das Taxi nach Chefchaouen fährt. Er spricht kein Englisch und ich kein Französisch, aber irgendwann versteht er mich. „Sept“ sagt er und hält sieben Finger hoch. Ah, 7 Minuten noch. Na das geht ja. Die 7 Minuten gehen um. Kein Taxi. „Naja, in Marokko laufen die Uhren ja ein wenig anders“, denke ich mir und warte noch ein bisschen. Nach einer halben Stunde dämmert es mir: 7 Uhr. Um 7 Uhr wird das Taxi kommen. Jetzt ist es 5 Uhr. Na, großartig.
Der ältere Herr auf dem Platz links von mir schiebt mir einen Plastikstuhl entgegen. Ich dachte, ich nutze die vermeintlich kurze Wartezeit, um ein paar Dehnübungen zu machen und mich warm zu halten. Jetzt lasse ich mich resigniert auf den Stuhl fallen und versuche, die 2 Stunden in der Kälte mit eine bisschen Schlaf zu vertreiben. Es gelingt mir eher weniger.
Es dämmert. Aus der Moschee gegenüber knistert es statisch aus den Lautsprechern und die Stimme des Muezzin, der Gebetsauffrufer, erschallt. Unsere Bustruppe rührt sich nicht. Doch die Raststätte um uns herum erwacht langsam zum Leben. Nach dem Gebet öffnet der Besitzer den Laden, vor dem wir warten, und einige der Männer gehen ins Innere des Cafés. Die beiden Frauen, die mit uns warteten, bleiben draußen sitzen. Ich flüchte ins Innere, weil es dort ein wenig wärmer ist und ich mich mit einem frischen Minztee aufwärmen möchte.
Die beiden Jungs haben sich mit Frühstück eingedeckt: Mehrere Brote mit Öl und Spiegelei stapeln sich vor ihnen. Sie winken mir zu, ich solle mich doch zu ihnen setzen und bieten mir Brot an. Ich bedanke mich immer wieder auf arabisch – wenigstens das habe ich gelernt – und bekomme sogleich noch einen Fruchtdrink im pinken Plastikbecher gereicht. Ich will den Jungs eigentlich nicht ihr Brot wegessen, aber ich habe schon Hunger. Sie fodern mich wiederholt auf, mir Brot zu nehmen. Mich beschleicht ein schlechtes Gewissen, dass ich die beiden einfach so um ihr Frühstück bringe, aber in der marokkanischen Kultur steht Gastfreundschaft über Ressourcenkampf. Ich greife zu und das Brot schmeckt dank der unerwarteten Nächstenliebe hervorragend.
Es ist mittlerweile hell – 7 Uhr. Endlich kommt ein Grandtaxi und bringt uns nach Chefchaouen, wo sich unsere Wege trennen.

Es sind Geschichten voller Gastfreundschaft und Abenteuer, die ich aus Marokko mitgebracht habe. Ich wurde nicht beklaut, nicht überfallen und auch nicht vergewaltigt und das, obwohl ich allein als Frau gereist bin. Okay, zugegeben, auch in Marokko sind nicht alle Menschen so herzallerliebst, wie die zwei Jungs aus meiner Geschichte. Natürlich habe ich auf meine Wertsachen Acht gegeben und jeden Verkaufspreis hinterfragt. Denn wie überall, hört auch in Marokko die Freundschaft beim Geld auf. Die Straßenverkäufer (alles Männer) können sprachlich ganz schön aggressiv werden, so als ob du es ihnen schulden würdest bei ihnen zu kaufen. Ebenso häufig wurde ich um Wechselgeld betuppt. Aber soll ich wirklich wegen eines Euros ein Fass aufmachen? “Allah sieht dich”, habe ich mir nur gedacht und ob ich nun für die Übernachtung im Einzelzimmer inklusive Frühstück 11 € oder 10 € zahle, kann mir an meinem weißen, privilegierten Arsch vorbeigehen.

Wirklich unsicher habe ich mich nur ein einziges Mal gefühlt, als der Typ, den ich nach dem Weg zu einem Hostel fragte, mir nicht mehr von der Seite wich. Er sagte immer wieder, er wolle kein Geld von mir und ich habe ihn weitestgehend ignoriert. Doch als mir beim Hostel, in dem ich nach einem freien Bett fragen wollte, ziemlich unfreundlich mitgeteilt wurde, dass kein Bett frei sei und ich alleine mit dem Typen in der engen Seitengasse stand, überkam mich ein wenig Panik. Ein anderes Hostel ein paar Meter weiter war ausgeschildert und er folgte mir auch dorthin. Auch dieses Hostel war anscheinend ausgebucht, doch bevor der ebenfalls kühl antwortende Wirt mir die Tür vor der Nase zumachen konnte, drängte ich mich ins Hausinnere und bat ihn um Hilfe, meinen Schatten loszuwerden. Sein Englisch war nicht das beste, aber mein panischer Gesichtsausdruck war wohl in jeder Sprache zu verstehen und er erbarmte sich zu helfen. Er brachte mich ein paar Meter weiter zu einem Gasthaus und schickte den komischen Verfolger weg.
Am nächsten Tag erfuhr ich von einem Couchsurfer namens Saed, der gebürtig aus Fes stammt: Der zwielichtige junge Mann wollte tatsächlich kein Geld von mir und hätte mir gewiss auch nichts Böses getan. Er habe versucht, eine Kommission von dem Hostel abzustauben in dem ich unterkommen wollte. Da die Hostels aber natürlich keine Kommission bezahlen wollen, wurde ich so schroff abgewiesen.
“Fes ist eine absolut sichere Stadt”, erklärte mir Saed weiterhin,”wir sind abhängig vom Tourismus und können uns Kriminalität gegen Touristen nicht erlauben. Die ganze Medina, also die Altstadt, wird von der Polizei bewacht. An zentralen Punkten wird Polizeipräsenz gezeigt und es gibt ebenfalls Zivilpolizisten auf den Straßen. Vermutlich bist du hier sogar sicherer als in Deutschland, weil du als Touristin wichtig für uns bist.”

Das Gespräch stimmte mich nachdenklich und ich erinnere mich daran, dass in der vergangenen Woche in Köln wieder der absolute Notstand ausgebrochen war, vor dem ich nun schon seit drei Jahren immer wieder fliehe: Karneval.
Plötzlich fällt mir eine grenzenlose Ironie auf. Immer wieder höre ich „Du bist ja mutig! Ist Marokko nicht gefährlich?“ Jetzt frage ich zurück: „Du bist ja mutig! Ist Karneval nicht gefährlich?“ Mal abgesehen von selbstverschuldeten Alkoholvergiftungen und Blasenentzündungen, ist die Kriminalitätsrate zur 5. Jahreszeit nicht gerade unerheblich. Köln liegt „mit 14.590 Straftaten pro 100.000 Einwohner bundesweit auf dem drittschlechtesten Platz.”  Begründet wird dies mit der hohen Kriminalitätsrate an Karneval und bei anderen großen Events. Laut FAZ sind in 2016 sind 22 Sexualdelikte begangen worden und damit mehr als doppelt so viele, wie noch in 2015.
Spätestens zur Karnevalszeit erscheint mir Marokko definitiv der sichere Ort. Und die Musik ist auch besser!

Man muss also nicht außerordentlich mutig oder bekloppt sein, um allein nach Marokko zu reisen. Es ist ein ganz normales Land, mit ganz normalen Menschen und ganz normalen Gesetzen. Wie überall gibt es Menschen, die gut und freundlich sind und Menschen, die es nicht sind. Wer bekloppt genug ist, Karneval in Köln zu feiern, kann auch nach Marokko reisen!

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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