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Buchkritik / Meinung

Buchrezension: „Papa ruft an“ von Sebastian Bielendorfer

Ein Comedy-Buch unter der Lupe

Vor kurzem verlosten wir das Buch „Papa ruft an – Standleitung zum Lehrerkind“. Eine unserer Autorinnen hat sich selbst mit einem Exemplar auseinandergesetzt und rezensiert im Folgenden ausführlich.

„Papa ruft an – Standleitung zum Lehrerkind“ ist ein Comedy-Buch von Sebastian Bielendorfer, Anfang Oktober 2017 im Piper Verlag erschienen.

Inhalt

Die Handlung bezieht sich auf die aktuellen Gegebenheiten zwischen dem Autor und seinen Eltern: Der Protagonist wohnt mit seiner Frau und dem Hund Otto allein, wohingegen seine Eltern natürlich noch in seinem alten Heimatort zu Hause sind. Im Buch geht es um Anrufe und  Auseinandersetzungen mit der Familie, insbesondere dem Vater bzw. der Mutter, da diese sich gerne öfter melden und irgendwelche Dinge spontan von ihrem Sohn verlangen, er „doch mal kurz“ vorbeikommen oder auf das mehr oder weniger schwierige Kind der Cousine aufpassen solle. Seine Frau fällt ihm dabei regelmäßig in den Rücken und die Welt ist manchmal nicht wirklich auf seiner Seite. Alltägliche Probleme, Sarkasmusausbrüche und Momente, in denen man es einfach nicht glauben kann, wurden aufgenommen und zu Papier gebracht.

Das Buch besteht aus einzelnen Kurzgeschichten, die jeweils eine Situation darstellen und über ein paar Seiten gehen. Ab und an gibt es eine oder zwei Seiten Textdiskussion zwischen dem Autor und seiner Frau. Im Mittelteil findet man eine Art „Reisetagebuch“ aus Kinderzeiten mit den Highlights von verschiedenen Urlauben.

Inhaltlich gefällt mir das Buch am Anfang sehr, da schon echt blöde Situationen aufkommen, die manchmal zum schießen sind, wie man so schön sagt, wenn man sich die Aktionen bildlich vorstellt. Zum Ende hin frage ich mich aber leider des Öfteren, wieso so eine Situation niedergeschrieben wird und was daran lustig war.

Anfangs folgt der Autor einem roten Faden, sodass man das Gefühl bekommt, die Zeit würde chronologisch vergehen, zum Ende hin ist es jedoch mehr eine Aneinanderreihung von zufällig passierten Geschehnissen, die eine Struktur vermissen lassen.

Stil und Sprache

Bielendorfer schreibt sehr angenehm zu lesen, man muss sich nicht genau konzentrieren und der Text lässt sich „so runterlesen“. Er benutzt kaum Fachausdrücke oder ähnliches, was das Buch einfach lesbar macht. Sprachlich bleibt er im Alltagsjargon, als würde er sich mit dem Leser direkt unterhalten.  Vor allem weil es sich hier um Comedy handelt, lockert der Stil das Ganze auf, sodass die Witze besser wirken, weniger erzwungen sind und aus der beschriebenen Situation heraus kommen. Ab und an nimmt er gerne die Westfalen ran, was mich als einen solchen natürlich schmunzeln lässt.

Mich stört von Anfang an, wie der Protagonist teilweise mit seinen Eltern oder seiner Frau umgeht bzw. spricht. Klar, es soll lustig und schlagfertig sein, jedoch finde ich so manche Stellen respektlos und einfach gemein. Je weiter sich das Buch dem Ende zuneigt, desto zwanghafter versucht Bielendorfer, lustig zu sein, was durchaus mal unter die Gürtellinie geht. Ich verstehe schwarzen Humor und mag derbe Witze, jedoch sind die vom Autor teilweise arg beleidigend.  Er nimmt sich ab und zu selbst „auf die Schüppe“, was die Witzigkeit jedoch nicht wirklich erhöht.  Hier zu erwähnen ist, dass er im Nachwort vor allem eben diesen Personen voller Liebe dankt, was bei mir leider das Phänomen des „Zwanghaft lustig sein, egal wie“ verstärkt.

Gesamteindruck

Unterm Strich war das Buch ganz nett. Ja, richtig, nett.
Gut gestartet hat es Lust geweckt, ganze Nachmittage damit zu verbringen, jedoch wurde es zum Ende hin immer erzwungener und unlustiger. Je mehr ich gelesen hatte, desto mehr musste  ich mich zwingen, das Ding nicht in die Ecke zu werfen. Leider habe ich vorweg keine Stand-Up-Show des Comedian gesehen, sodass ich nicht bewerten kann, ob nur das Buch ein „Griff ins Klo“ war, oder der Herr einfach nicht meinen Geschmack trifft. Wegen des doch lustigen Anfangs gehe ich aber davon aus, dass die Shows besser sind als das Niedergeschriebene.

Ich persönlich würde das Buch niemandem wirklich empfehlen. Für zwischendurch, wenn es im Arztzimmer herumliegt, kann man es durchaus in die Hand nehmen um den Kopf frei zu kriegen, richtig Spaß hat man damit aber nicht. Mehr als ein bis zweimal schmunzeln hat es bei mir nicht ausgelöst, und diese Gefühle waren auch nur bei den Westfalen-Beschreibungen akut.
Falls man beleidigenden Humor mag und seine Liebsten nicht ganz ernst nimmt, kann man jedoch durchaus Gefallen an dem Buch finden. Wenn ihr euch nicht sicher seid, versucht, es irgendwo auszuleihen, damit ihr im negativen Fall die 10€ Buchpreis nicht umsonst ausgebt.

 

Ich habe vom Piper Verlag ein Exemplar zur Rezension bekommen, meine ehrliche Meinung zum Buch wird dadurch aber nicht beeinflusst.

__________________________
https://www.piper.de/buecher/papa-ruft-an-isbn-978-3-492-30978-3

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Tamara Ossege-Fischer

...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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