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Meinung

Fitnesstracker, Schrittzähler & Co: Braucht der Mensch das wirklich?

Selbstversuch Schrittzähler

Im Fernsehen sieht, im Internet liest man es: Fitnessuhren. Pulsmesser. Schrittzähler. Die musst du haben, wenn du körperlich erfolgreich werden willst! Wenn du abnehmen willst! Wenn du stark werden willst! …Musst du wirklich? Ein Selbstversuch.

Das Thema Bewegung ist allgegenwärtig: Seit einiger Zeit werden Fitness und ein gesunder Lebensstil immer moderner. Man hört überall in den Medien, der Mensch wäre faul und bewege sich zu wenig.  Man sieht dutzende Werbespots mit Promis und ihren eigens erstellten 12-Wochen-Plänen, in denen man 30kg abnehmen und den Sixpack seines Lebens bekommen soll. Neben diesen Wunderplänen werden dem Otto-Normalverbraucher immer mehr teure Uhren oder Armbänder angedreht, welche alles mögliche messen und überwachen sollen. Ist dieser Trend einfach nur ein nettes Gadget für den vollen Geldbeutel oder bringen die kleinen Helferlein wirklich etwas?

Wenn man darüber nachdenkt; Das Problem kennt jeder. Ständig wird über Rücken- und Nackenschmerzen geklagt, man kann nicht ruhig schlafen oder fühlt sich den Tag über einfach nur schlapp. Die Überlegung, den Spiegel abzuhängen, kreist auch das ein oder andere Mal durch den Kopf.
Die Gründe hierfür liegen tatsächlich in unserer Bewegung: Sitzt man mehrere Stunden am Tag, verkürzen sich schnell mal Venen und Muskeln in Armen und Waden, die meisten sitzen zudem noch schief vor dem Schreibtisch, sodass  Rücken und Nacken sich hier sehr freuen. Bewegung? Fehl am Platz. Physiotherapeuten raten oft dazu, nach 1-2 Stunden Sitzerei aufzustehen und für ein paar Minuten einfach mal zu gehen. Das soll der Gesundheit und dem Rücken gut tun. Doch wer macht das schon?
Wer fit und vor allem gesund bleiben oder werden will, sollte mindestens 8.000-10.000 Schritte am Tag machen1. Aber wie viele Schritte läuft der Durchschnittsmensch eigentlich? Schenkt man den gleichen Studien Aufmerksamkeit, geht ein normaler Büroangestellter grade mal 1.500 Schritte – ein Briefträger hingegen 18.000. Wenn man über diese Zahlen nachdenkt, wundert man sich bestimmt, wie zur Hölle man als Normalo 10.000 Schritte am Tag schaffen soll; in Gedanken bei der Lauferei des Briefträgers.

Wie utopisch diese Zahlen wirklich sind, habe ich im Selbstversuch ausprobiert.

Schrittzähler gibt es schon für unter 20€ im Internet zu kaufen, ich persönlich brauche keine 200€-Uhr, da ich eine alte Pulsuhr für den Sport habe und mich in diesem Versuch nur die täglichen Schritte interessieren.
Getestet wurden die Schrittaktivität und zugleich der Schlafrhythmus im Verlauf einer Woche.

Tag 1: Montag
Schritte: 4.908
Schlaf: 10:37 Stunden (Tiefschlaf 2:59 Stunden)
Tagesbeschreibung:
Morgens hab ich ganz entspannt ausgeschlafen, danach 20 Minuten trainiert. Über den Tag verteilt bin ich nicht wirklich viel rumgelaufen. Gegen Abend ging es zum Training; vom Parkplatz bis zur Halle sind es ca. 5 Minuten zu Fuß.
An so einem eigentlich ruhigen Tag, habe ich nicht so „viele“ Schritte erwartet, ich bin gespannt, wie die aktiven Tage werden. Außerdem kommt mir die Tiefschlafphase etwas kurz vor, weil ich gut ausgeschlafen war.

Tag 2: Dienstag
Schritte: 4.548
Schlaf: 8:54 Stunden (Tiefschlaf 2:33 Stunden)
Tagesbeschreibung:
Wieder ein sehr ruhiger Tag, gegen Mittag eine Stunde Sport gemacht, danach Besuch gehabt und wieder nicht wirklich viel bewegt. Ab und zu im Haus rumgelaufen beim Kochen o.ä.
Wieder irritiert mich die Tiefschlafdauer.

Tag 3: Mittwoch
Schritte: 12.812
Schlaf: 9:55 Stunden (Tiefschlaf 2:16) Stunden
Tagesbeschreibung:
Nach einem entspannten Morgen ging es nachmittags 5 Stunden lang arbeiten, was mich nach 1 ½ Stunden auch direkt mein Schrittziel von 5.000 Schritten erreichen ließ. Ich arbeite im Einzelhandel und laufe somit sehr viel im Laden umher, alleine schon um von der Ware zur Kasse zu gelangen. Zudem habe ich Abends noch Wäsche gewaschen, darum musste ich öfter vom Dachboden bis in den Keller laufen.
Das erste mal in der Woche habe ich mein Ziel erreicht und selbst die 10.000-Schritt-Marke gesprengt. Anstrengend war es nicht, beim arbeiten läuft man umher und kriegt nicht wirklich mit, was man an Metern zurücklegt. Auch das Wäsche waschen ist für mich eine Alltagsaktivität, bei der man sich viel bewegt, ohne es aktiv zu bemerken.

Tag 4: Donnerstag
Schritte: 14.234
Schlaf: 6:44 Stunden (Tiefschlaf 1:38 Stunden)
Tagesbeschreibung:
Morgens hieß es nochmal 5 Stunden arbeiten, diesmal erreichte ich mein Ziel erst nach 2 ½ Stunden. Mittags habe ich mich noch eine Stunde hingelegt, was das Armband natürlich nicht erkannt hat. Somit wird also nur nächtlicher Schlaf gemessen. Nach 20min Sport am Nachmittag ging es abends wieder zum Training.
Diese Zahl hat mich am meisten verwundert, da ich trotz Schlaf am Tag und nicht viel Bewegung außerhalb der Arbeit trotzdem erneut die 10.000-Marke gesprengt habe. Viel Bewegung ist gar nicht so eine Hürde, wenn man sich kleinere Ziele steckt. Wege zwei mal zu laufen, anstatt vollbeladen einmal alles runterfallen zu lassen, bewirkt auch Wunder.

Tag 5: Freitag
Schritte: 5.806
Schlaf: 10:59 Stunden (Tiefschlaf 2:07 Stunden)
Tagesbeschreibung:
Über den Tag das Essen für morgen vorgekocht, Nachmittags eine halbe Stunde Sport gemacht und abends ein wenig aufgeräumt. Unterm Strich wieder ein eher ruhiger Tag, trotzdem habe ich mein Schrittziel erreicht. Ich habe heute sehr darauf geachtet, kleine Sachen sofort zu erledigen und somit sofort zu laufen, anstatt es aufzuschieben und ggf. mit anderen Vorhaben zu erledigen. Es macht sich bezahlt! Jedoch ist der Tiefschlaf wieder nicht der längste. Ich bin nachts auch mehrmals aufgewacht und z.B. ins Bad gegangen – die Grafik am morgen zeigte mir jedoch, ich hätte seelenruhig geschlafen

Tag 6: Samstag
Schritte: 16.792
Schlaf: 7:20 Stunden (Tiefschlaf 1:28)
Tagesbeschreibung:
Heute musste ich 8 Stunden arbeiten. Nach 2 ½ Stunden blinkte und vibierte das Armband wie wild: Schrittziel erreicht! Abends habe ich nurnoch ein wenig fern gesehen, nach so vielen Schritten auch völlig in Ordnung.

Tag 7: Sonntag
Schritte: 4.482
Schlaf: 9:59 Stunden (Tiefschlaf 1:52 Stunden)
Tagesbeschreibung:
Mittags habe ich kurz für 15 Minuten trainiert, danach nicht wirklich viel gemacht. Einige Zeit vor dem Computer, sonst auch eher sitzende Aktivitäten. Jedoch habe ich mir stündlich einen Wecker gestellt, dass ich aufstehe und mich bewege. Meistens war das dann bis zum Kühlschrank und zurück, aber Bewegung ist Bewegung, was man an der Schrittzahl gut erkennt.

In der Woche habe ich auch mehrmals die Weckfunktion des kleinen Helfers ausprobiert: Angeblich soll das erkennen, wenn man im Halbschlaf ist und einen maximal eine halbe Stunde vor der eingegebenen Zeit durch leichtes, kurzes vibrieren wecken, spätestens aber passend mit etwas mehr Vibration. Zuerst war ich empört, dass mir das kleine Teil einfach mal eben eine halbe Stunde Schlaf klauen will, jedoch habe ich vor allem beim früh morgens aufstehen oft das Problem, förmlich aus dem Schlaf gerissen zu werden, was die Halbschlaferkennung ja verhindern soll.
Ich muss sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin. Meistens hat es mich um die 20min vorher sanft geweckt, nach ein bisschen dösen meldete es sich dann zur angegebenen Weckzeit von allein nochmal. Ich war ausgeschlafen und konnte gut in den Tag starten.

Fazit:

Wie man sieht, muss man nicht viel Geld ausgeben, wenn man unbedingt so ein kleines Helferlein besitzen möchte. Für Leute, die viel vor dem Schreibtisch oder auf dem Sofa sitzen und sich mehr bewegen wollen, finde ich das Teil sogar empfehlenswert. Per Bluetooth und Handy-App kann es auch wirklich jeder bedienen, was der Anschaffung entgegen kommt: Man behält den Überblick und hat die Daten immer sofort vorliegen.
Wichtige Anmerkung hier: Überstürzt euch nicht und versucht, eure Schritte nach und nach zu steigern. Macht ihr normalerweise um die 2.000 Schritte am Tag, setzt euch bloß keine 10.000 als direktes Ziel! Versucht zum Beispiel erst auf 3.000 oder 4.000 zu kommen – schafft ihr das vermehrt hintereinander, setzt das Ziel wieder höher.

Wenn man es nicht so genau haben möchte, reicht aber auch einfach der Gedanke oder der Wecker, mal öfter aufzustehen oder auch mal das Fahrrad statt dem Auto zu benutzen; kurze Wege in die Stadt lassen sich sogar zu Fuß bewältigen.

Aktiven Sportlern sei eher eine Pulsuhr ans Herz gelegt – bewegen tut man sich sowieso genug, da ist die Herz-Kreislauf-Überwachung wichtiger.

Die Schlafanalyse ist eine nette Spielerei, der ich aber nicht völlig vertraue. Meine Schlafzeiten sind in der Test-Woche alle sehr lang, in den meisten fällen war ich aber vorher schon wach und habe einige Schritte gemacht, mich dann wieder hingelegt oder bin zum lesen im Bett geblieben. Ich denke, durch die fehlende Bewegung dabei, dachte das Band, dass ich noch schlafe.
Auch die geringen Tiefschlafzeiten irritieren mich etwas, weil ich dachte, dass man bei 10 Stunden schlaf ein bisschen mehr Tiefschlaf hat, als knappe 2 Stunden.

Also, braucht ein normal sterblicher Mensch so etwas?

Nein! Aber als kleines Helferlein, ist es nicht übel!

 

 

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1
https://www.haufe.de/arbeitsschutz/gesundheit-umwelt/kommen-sie-in-bewegung-so-viele-schritte-sollten-sie-gehen_94_231212.html
„Wie viele Schritte am Tag sollte man gehen“ Absatz 3 3. Zeile
verfasst 14.4.2014
Titelbild verändert nach https://i.ytimg.com/vi/ArV4m9JQzOU/hqdefault.jpg

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Tamara Ossege-Fischer

...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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