Gesellschaft und Lifestyle / Kultur und Medien

Lese-Lust im Sommer – Empfehlungen der Redaktion

Du suchst nach einem Buch, mit dem du in den warmen Monaten die Seele baumeln lassen kannst? Die seitenwaelzer-Redaktion hat einige Tipps zusammengestellt.
| Deike Terhorst, Michael Cremann, Dominik Schiffer, Annabell Klein-Heßling, Lena Hortian, Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Kaboompics.com | Pexels

Sommerferien oder Urlaub? Die perfekte Zeit, um einmal durchzuatmen und sich eine Verschnaufpause zu gönnen – idealerweise bei schönem Wetter. Und was kann man in der warmen Jahreszeit am besten tun, außer sich die Sonne auf den Pelz brennen zu lassen? Genau – lesen! Für diesen wunderbar entspannenden Zeitvertreib haben wir in der Redaktion einige Empfehlungen gesammelt.

Raum von Emma Donoghue (Deike)

„Raum“ aus dem Jahr 2010 erzählt die Geschichte des fünfjährigen Jack, der mit seiner Mutter Joy in einem 12 Quadratmeter großem Zimmer lebt, das er noch nie verlassen hat. Joy wurde mit 19 Jahren entführt und unter einem Gartenschuppen eingesperrt, Jack in dieser Gefangenschaft gezeugt und geboren. Joys Fluchtversuche sind stets gescheitert. Nun wagen Mutter und Sohn einen gemeinsamen Versuch, der auch gelingt. Für Jack eröffnet sich danach eine völlig neue Welt. Ängstlich erkundet er, was er bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Dabei sehnt er sich oft nach „Raum“, da ihm die Freiheit fremd und bedrohlich erscheint.

„Davor wusste ich noch nicht mal, dass man darüber wütend sein kann, dass wir Türe nicht aufkriegen. Mein Kopf war zu klein, das Draußen passte gar nicht rein. Als ich ein kleiner Junge war, habe ich auch wie ein kleiner Junge gedacht. Aber jetzt bin ich fünf und weiß alles.“

Emma Donoghue: Raum, 2. Auflage, München 2011, S. 136

Aufmerksam geworden bin ich auf „Raum“ durch die Verfilmung von 2016. Für ihre Darstellung der Joy wurde Brie Larson mit einem Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“ ausgezeichnet. Angelehnt hat die irische Autorin Emma Donoghue ihren rund 400 Seiten starken Roman an den Fall Josef Fritzl, der seine Tochter über zwei Jahrzehnte gefangen hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte. Statt einer reißerischen Darstellung wählt sie für ihre Geschichte jedoch Jacks kindliche Perspektive und Sprache. Dieses zunächst gewöhnungsbedürftige Konzept erweist sich bald als äußerst wirkungsvoll. Die Tragik des Geschehens offenbart sich so in aller Einfachheit und Naivität – und verstärkt sich dadurch ins Unermessliche.

Die Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew (Michael)

Sommer, Sonne, die große Reise. Das kann für jeden etwas anderes bedeuten. Die einen fliegen in die weite Welt, die anderen finden vor der heimischen Tür einen wundervollen Urlaub. Mein Sommerbuch handelt von einer Reise, die wohl nicht weiter geht als bis vor die eigene (?) Haustür. „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew ist die Beschreibung, wie der Autor – oder zumindest eine Figur mit seinem Namen – versucht, den Ort Petuschki zu erreichen, der unweit von Moskau liegt.

Das Buch entstand im Herbst 1969 und erschien erstmals 1973 in Israel, da es in der Sowjetunion, wo es laut Schlussnotiz während der Telefonkabelverlegung in Scheremetjewo geschrieben wurde, nicht veröffentlicht werden konnte – bis Gorbatschows Perestroika und Glasnost dies ermöglichten. Die deutsche Übersetzung folgte 1978. Der Protagonist dieser Geschichte bricht zu seinem Sehnsuchtsort auf, steigt in den Zug und will in Petuschki aussteigen, um die Frau seiner Träume zu treffen. Doch er ist das ganze Buch hindurch so betrunken, dass er Realität und eigene Fantasiegestalten nicht mehr unterscheiden kann. Außerdem tut er im Laufe der Handlung alles, um noch betrunkener zu werden.

Was auf den ersten Blick wie eine völlig wirre Geschichte wirkt, ohne richtigen Anfang, ohne richtiges Ende und mit wenig Spannung dazwischen, ist genau das. Doch durch die Gedanken und die Philosophie des Protagonisten wird es unglaublich lustig. Es passt perfekt an den Strand oder auf den Liegestuhl. An manchen Stellen regt es zum Nachdenken an, primär aber überlässt es die Lesenden der Absurdität des Erlebten: Jerofejew (oder Venja, wie er sich selbst nennt) diskutiert mit der griechischen Sphinx oder erklärt, wie man Cocktails aus Chemikalien und Lacken mixt. Er kommentiert das Sowjetsystem, indem er eine eigene Revolution fantasiert und beschwert sich gleichzeitig über die Arbeitsmoral und – wichtig! – das Trinkverhalten seine Kollegen bei der Telefonkabelverlegung. Es ist so lustig und zugleich so tragisch, dass es sich ideal als seichte, aber klug unterhaltende Reiselektüre eignet. Uneingeschränkte Empfehlung!

Die nackten Masken von Luigi Malerba (Dominik)

Rom 1521. Der letzte Medici-Papst ist gerade gestorben. Die Kurie ist auf dem Höhepunkt ihrer Dekadenz, Ämter werden gekauft oder einander mit kriminellen Mitteln abgejagt, wobei auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird. Ausschweifende Bälle und Orgien mit Prostituierten sind an der Tagesordnung. Die Beteiligten hoffen, dass dies auch unter dem neuen Papst so weitergeht. Doch sie werden in Angst und Schrecken versetzt, als ihnen ein Gerücht zu Ohren kommt: Der neue Papst glaubt an Gott! Schlimmer noch: Er will die Ämterkäuflichkeit beenden und einige Ämter sogar ganz abschaffen.

Da Hadrian VI. erst aus Spanien anreisen muss, wollen sich zwei Kardinäle unter Zeitdruck nun jeweils das unverzichtbare und lukrative Amt des Kardinalkämmerers unter den Nagel reißen. Um den jeweiligen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, bedienen sie sich unterschiedlicher Mittel. Während der eine einen Auftragskiller anheuert, versucht der andere, seinen Kammerdiener, einen frommen jungen Mönch, dazu anzustiften, den Mord zu begehen. Ein Mönch, der einen Kardinal umbringt? Da wird doch wohl der Teufel seine Hand im Spiel haben…

Was sich nach dieser Beschreibung vielleicht wie ein düsterer Kirchenthriller anhört, ist vielmehr ein hochunterhaltsamer und leicht zu lesender Roman. Insbesondere die raffinierten Dialoge, mit denen der Kardinal den Mönch zum Mord zu bewegen versucht, sind in ihrem Zynismus unschlagbar. Gleichzeitig beschäftigt sich der Roman ganz nebenbei mit der Frage nach der Sprache der Macht und der Ausweglosigkeit derjenigen, die einmal in ihre Fänge geraten. Trotzdem eine kurzweilige Lektüre für den Urlaub oder den Balkon.

25 letzte Sommer von Stephan Schäfer (Annabell)

Auf der Suche nach einer Lektüre für den Kurzurlaub fiel meine Wahl im lokalen Buchhandel spontan auf das hübsch in Farben getauchte Buch im Bestseller-Regal. Auf den 170 Seiten führt Schäfer mit seinem sympathischen Schreibstil durch ein Wochenende, bei dem der Erzähler auf den Kartoffelbauer Karl trifft und sich unverhofft gute Gespräche über das Leben und eine innige Freundschaft entwickeln. Auch wenn ich mir wahrscheinlich nie ein Buch freiwillig ausgewählt hätte, in dem zwei männliche Protagonisten in ihren 60ern auftreten, erwies sich dies als echter Glücksgriff.

Durch viele Anekdoten wird man daran erinnert, dass sich das Leben zu jeder Zeit wenden und man dem Alltagstrott entfliehen kann. Und zwar, indem man mehr zu sich selbst findet, statt den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Dabei kann man Leidenschaften aus der Jugend wie auch vernachlässigte Beziehungen wieder aufnehmen.

„Wenn man sich vierzig Jahre lang einmal pro Woche eine Stunde zum Kaffee trifft, entspreche das am Ende siebenundachtzig gemeinsamen Tagen. Wenn es nur ein Treffen pro Monat sei, käme man zusammengerechnet auf zwanzig, bei einmal im Jahr auf zwei Tage.“

Stephan Schäfer: 25 letzte Sommer, Berlin 2024, S. 40

Obwohl ich hoffentlich noch mehr als 25 Sommer erleben darf, regt das Werk zum Nachdenken an, wie wir im Alltag mit unserer Zeit und Mitmenschen umgehen und erinnert daran, einander mit mehr Offenheit sowie aufrichtiger Neugier zu begegnen. Wer die Welt von Petterson & Findus und „Das Café am Rande der Welt“ mag, wird auch Gefallen an diesem Buch des Genres „Healing Fiction“ finden. Für den Sommer eine gute Gelegenheit, das Glück nicht zwingend in weit entfernten Reisen, sondern in kleinen Momenten des Alltags direkt vor der Haustür zu suchen.

Wackelkontakt von Wolf Haas (Lena)

Obwohl das Buch ein Weihnachtsgeschenk war, hat es mir selbst im Januar beim Lesen ein wohlig-warmes Gefühl von Sommer und gewitzter Leichtigkeit beschert. Ich habe mir die knapp 240 Seiten des Romans, den ich immer mit seinem Gesicht nach unten auf den Tisch legen musste, eisern auf eine Woche aufgeteilt – er lässt sich aber auch locker an zweieinhalb Abenden wegatmen.

Kurzweilig und abwechslungsreich wirkt die Geschichte vor allem wegen der Art, wie die zwei Haupthandlungsstränge miteinander verwoben sind. Um nicht zu spoilern, muss ich hier den Klappentext zitieren: „Franz Escher wartet in seiner Wohnung auf den Elektriker. Um sich die Wartezeit zu vertreiben, liest er ein Buch. Es handelt von dem Mafia-Kronzeugen Ello Russo. Der sitzt im Gefängnis und wartet auf seine Entlassung. Um sich die Wartezeit zu vertreiben, liest er ein Buch. Es handelt von einem gewissen Franz Escher. Er wartet in seiner Wohnung auf den Elektriker. Seine Steckdose hat einen Wackelkontakt.“

Und es bleibt nicht bei dem einen Meta-Witz. Wolf Haas hat mit „Wackelkontakt“ ein leichtes und zugleich spannendes Werk geschaffen. Ganz nebenbei setzt Haas das, was ich salopp „Erzähl-Physik“ nennen würde, also die Art, wie er beispielsweise mit Zeit umgeht, außer Kraft: Indem er die beiden Handlungsstränge in unterschiedliche Richtungen verfolgt, war ich beim Lesen gleichermaßen fasziniert von der Technik wie hineingesogen in das Schicksal der Figuren. Weil Haas es schafft, gleichzeitig inhaltlich Spannung zu erzeugen und durch die Meta-Fiktion die Geschichte als ebensolche präsent zu halten, ist es für mich eine kleine Liebeserklärung an die deutsche Sprache mit ihren Eigenheiten und Möglichkeiten, die Haas durch die Zunge einer nicht-muttersprachlichen Figur angenehm nüchtern vorbringt. (Und genau deswegen bin ich nicht die Erste, die diesen Roman großartig findet und werde nicht die Letzte bleiben – vor allem nicht, wenn ihr ihn auch gelesen habt. Dann werdet ihr auch verstehen, warum das Cover nichts zum lange Ansehen ist.)

Hotel Ambrosia von Katie Kento (Robin)

Aktuell versuche ich, mehr deutschsprachige Autor*innen zu lesen, und obwohl Krimis und Thriller nicht oft zu meinen Favoriten zählen, hat mich „Hotel Ambrosia“ nicht losgelassen. Zwei Tage später hatte ich das Buch mit der ungewöhnlichen Erzählperspektive durch und bin ab jetzt Fan von Katie Kento und ihrem Schreiben.

Robyn lebt mit ihrer Großtante in den USA gegenüber eines Hotels. Da sie aufgrund einer chronischen Erkrankung ihr Zimmer nicht verlassen kann und innerhalb der Wohnung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, verbringt sie ihre Tage im Internet und damit, das Hotel gegenüber zu beobachten: das Ambrosia. Sie kennt die Dauergäste, das Personal und sieht alles, was rund um das Hotel passiert. Als True-Crime-Fan kennt sie jedoch auch die dunkle Vergangenheit des Gebäudes. Als sie Zeugin einer Entführung im Hotel wird, ist klar: Sie muss handeln. Doch wie? Durch einen Zufall trifft sie auf A.J., einen jungen Obdachlosen, den sie überzeugt, für sie im Hotel einzuchecken und als ihre Augen und Ohren dort zu ermitteln.

Schon die Prämisse der eingeschränkten, aber nicht handlungsunfähigen Protagonistin von „Hotel Ambrosia“ hat mich sofort angesprochen. Die Idee ist nicht neu: Wer Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954) oder den Film „Disturbia“ (2007) kennt, wird das Motiv erkennen. Die Hauptfigur ist zwar nur Beobachterin, doch gerade diese ganz besondere „Schlüssellochperspektive“ macht es so spannend. Robyn bekommt, abgesehen von Videos, Sprachmemos und Fotos aus dem Hotel, nur eingeschränkte Informationen. Als Fan von Kammerspielen, die nur an einem Ort stattfinden, habe ich diese Idee wirklich genossen. Außerdem nutzt die Autorin immer wieder das Stilmittel der Originaldokumente, wie E-Mail- oder Chatverläufe, die im Buch abgedruckt sind und einen beim Lesen noch mehr in die Geschichte ziehen. Natürlich hat das Buch, typisch für einen Thriller, auch ein paar überraschende Wendungen.

Wenn du auf der Suche nach einem spannenden Buch mit Pageturner-Garantie bist, dann ist „Hotel Ambrosia“ sicher etwas für dich. Obwohl das Buch als Jugendbuch vermarktet wird, kann man es auch als Erwachsener super lesen.

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Deike Terhorst

ist im berüchtigten Emsland aufgewachsen, wo man sich Moore mit Spezi (emsl. für Cola-Korn) schön trinkt. Hatte irgendwann einen klaren Moment und ist fürs Geschichtsstudium in die große Stadt aka Münster gezogen. Arbeitet mittlerweile im ostfriesischen Lokaljournalismus. Digitaler Dinosaurier mit Instagram-Allergie. Powert sich gerne beim Tischtennis aus. Verrückt nach Kreuzworträtseln. Spricht Albanisch. Wäre ohne Terminplaner komplett lost (hab gehört, das sagt man jetzt so).

Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Wirbt Geld für den Guten Zweck ein oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

Annabell Klein-Heßling

überführt ihr Harmoniebedürfnis in etwas Sinnvolles und kümmert sich daher darum, dass es allen Leuten im Verein gut geht. Sie beschäftigt sich seit Beginn des Studiums in Münster mit interner & externer Kommunikation und spielt ihren Zimmerpflanzen K-Pop vor.

Lena Hortian

Ich mag gutes Essen (wer tut das nicht?) und treibe tatsächlich gerne Sport, obwohl mein Schweinehund da auch noch ein Wörtchen mitzureden hat. Zeitgleich studiere ich Literatur und Medien. Meine Wahlheimat Münster ist für das alles und noch viel mehr zum Glück bestens geeignet, auch wenn ich mir als Rheinländerin hier noch ein paar Berge wünsche.

Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, lebt in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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