Ernährung

Wie praktisch es ist, kein Gourmet zu sein

Von den alltäglichen Herausforderungen eines Menschen ohne nennenswerten Geschmackssinn
| Lotta Krüger |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

“Das Essen in der Mensa war mal wieder nicht so geil…” – diesen Satz würde man aus meinem Mund niemals hören. Ich habe wohl das Gegenteil von dem, was man einen feinen Geschmackssinn nennt. Neben meinen Ohren, denen nichts entgeht, und meinen Augen, die zu meinem Leidwesen bestens funktionieren – ich finde Brillen super, aber um eine mit Fensterglas zu tragen, bin ich zu wenig Hipster – leisten meine Geschmacksnerven eher semi-gute Arbeit.

Nicht, dass ich darunter leiden würde. Im Gegenteil! Mir schmeckt alles. Mir schmeckt es nicht nur, mir schmeckt es richtig gut. In der Mensa stehe ich regelmäßig minutenlang vor der Anzeige und kann mich nicht entscheiden, welches der Menüs am überzeugendsten klingt. Mir läuft bei jedem einzelnen Gericht das Wasser im Mund zusammen! Überlegen meine Freunde und ich, was wir essen wollen, wissen sie stets, sich darauf verlassen zu können, dass ich mit jedem Vorschlag einverstanden bin. „Du bist so schön unkompliziert!“ sind Worte, die ich häufig zu hören bekomme.

Meine Anspruchslosigkeit hat aber nicht nur Fans. Mein Freund, ein wesentlich besserer Koch als ich (wie soll ich wissen, wie man richtig kocht, wenn es mir auch “falsch” super schmeckt?) rollt regelmäßig mit den Augen, wenn ich mal wieder keine Ideen für ein Abendessen habe. Mir hat nun mal alles, was er mir bisher vorgesetzt hat, überragend geschmeckt – wie soll ich mich dann für etwas entscheiden? Ein bisschen Differenziertheit wäre da schon wirklich hilfreich und angebracht, liebe Geschmacksnerven!

Nichtsdestotrotz bringt meine Lässigkeit im Mund auch Vorteile: Ob fettarme, Voll- oder sogar H-Milch, Butter oder Margarine, Cola, Cola light oder zero – ich schmecke keinen Unterschied. Ich kann mich also immer für die gesündeste Alternative entscheiden. Nicht, dass ich deswegen einen besonders bewussten Ernährungsstil hätte. Dadurch, dass mir ausnahmslos alles bestens schmeckt, und manche Dinge tatsächlich ganz besonders gut – ha, ich kann also doch differenzieren, bei Schokolade hört die Gleichgültigkeit auf! – esse ich nicht gerade wenig. Aber ähnlich wie meinen Mund scheint auch meinen Körper ziemlich wenig zu interessieren, was ich mir zu Leibe führe. Mein Gewicht hat sich, seit ich ausgewachsen bin, nicht verändert und befindet sich im geradezu unheimlich exakt durchschnittlichen Bereich.

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Die fehlende Leistung meiner Geschmacksnerven kann aber auch zu durchaus peinlichen Situationen führen. Als ich eines Tages während der Abi-Zeit, während der ich noch bei meiner Familie wohnte, von der Schule kam, freute ich mich zu sehen, dass meine Mama mir einen Salat zum Mittag bereitgestellt hatte. Eine große Schüssel mit knackigem Feldsalat erwartete mich, und ein Dressing stand auch schon bereit. „Danke, Mama!“, dachte ich mir, und futterte los. Meine erste Portion schmeckte mir so gut, dass ich den Rest direkt auch noch vernichtete – der Schultag war lang gewesen. Am späteren Nachmittag kam Mama dann von der Arbeit, ging in die Küche und rief: „Lotta, wo hast du das Basilikum versteckt? Ich wollte heute Abend Pesto machen!“ Ich versuchte, währenddessen in meinem Zimmer im Erdboden zu versinken. Aus unerfindlichen Gründen hat sich diese Geschichte inzwischen so weit verbreitet, dass selbst die Eltern von meinen Freunden mich auf Geburtstagen noch immer damit aufziehen, eine ganze Schüssel Basilikumblätter gegessen zu haben, die meine Mutter extra fürs Pesto am Abend vom Balkon gezupft hatte, während ich dachte, es handele sich um Feldsalat. Dabei ist das inzwischen fünf Jahre her! Das Gras wird gebeten, über die Sache zu wachsen. Das Gras, bitte!

Wenig später leistete ich mir meinen nächsten Fauxpas. Meine beiden besten Freundinnen und ich kellnerten auf einer Party unserer Eltern. Es gab ein leckeres Buffet, und als wir eine Pause hinter der Theke hatten, durften wir uns an diesem natürlich auch bedienen. Wir luden uns also zu dritt einen großen Pappteller voll, erst mit deftiger Hauptspeise, anschließend mit Brownies, Früchten und einer genialen Torte. Der Teller wurde leerer, unsere Bäuche voller, und so standen wir bloß noch ein bisschen an der frischen Luft, verdauten, und ich pickte die letzten Schokoflocken vom Teller, die von der Torte oder den Brownies übriggeblieben sein mussten. Wir waren so ins Gespräch vertieft, dass ich gar nicht mitbekam, dass die kleinen Schokolinsen auf meinem Teller gar nicht weniger wurden. Bis meine Freundin Hannah plötzlich für einige Sekunden mit großen Augen zwischen meiner anderen Freundin Valeria und mir und und her starrte und anschließend in schallendes Gelächter ausbrach. Während ich meine vermeintlichen niemals enden wollenden Schokostückchen gemümmelt hatte, hatte Valeria sich noch ein paar Weintrauben auf die Hand genommen. Die Kerne mochte sie allerdings nicht. Da ich immer noch mit unserem leeren Teller in der Hand neben ihr stand, hatte sie diesen als Abfall-Ablage für ihre abgelutschten Traubenkerne genutzt – wo ich sie, zuverlässig wie ein Müllschlucker und im Glauben, es sei meine geliebte Schokolade, nach und nach aufgepickt und vernascht hatte. Auch diese Geschichte zog weite Kreise, sodass inzwischen in meinem ganzen Heimatort bekannt ist, dass mein Essen für mich immer nach dem schmeckt, was es meiner Meinung nach ist.

Auch, wenn ich wegen dieser Fehltritte ziemlich oft aufs Korn genommen werde, bin ich im Großen und Ganzen froh über meine flexiblen Geschmacksnerven. Gerade als Studentin ist das eigentlich ziemlich praktisch. Ich brauche keine teuren Restaurants oder aufwändigen 3-Gänge-Menüs, häufig reicht mir das einfachste Gericht der Welt: Nudeln mit Pesto.

Oder eben mit Feldsalat.

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Lotta Krüger

Neu bei seitenwaelzer und 22jährige Kommunikationswissenschaft- und Germanistik-Studentin in Münster, die nicht ohne Serien, Reisen, Festivals, Schokolade, Surfen, guten Ouzo und Sonne kann und zu diesen Dingen auch gerne ihre Erfahrungen teilt!

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