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Spiel mir das Lied vom Brot

Über Lebensmittelverschwendung und Foodsharing

Die Kartoffel ist nicht mehr die schönste? Weg damit. Die Banane bekommt braune stellen? Ih, ab in den Müll! Schon wieder irgendwas vor dem Urlaub im Kühlschrank vergessen? Wir leben in Deutschland in einer klaren Wegwerfgesellschaft.
Wie ernst die Lage ist und was man dagegen tun kann erfahrt ihr hier.

Ein Drittel der Lebensmittel, die ein Deutscher im Schnitt kauft, werden weggeworfen. Im Jahr sind das um die 6,6 Millionen Tonnen, vor allem Obst und Gemüse, aber auch Backwaren und Ähnliches landen im Müll. Bei Bäckereien, die beispielsweise in einem Supermarkt integriert sind, werden 10% der Tagesproduktion weggeworfen; das sind über 500 000 Tonnen Brötchen im Jahr – Lebensmittel, mit denen man ganz Niedersachsen ernähren könnte.

Warum werfen wir so viele Lebensmittel weg?

Ein relativ einfaches Beispiel: Man gehe zehn Minuten vor Ladenschluss in einer Supermarktkette seiner Wahl in Richtung Fleischtheke oder gleich zum Bäcker am Eingang. Die Regale sind rappelvoll mit frischem Fleisch, Wurst, Brötchen. Von jeder Sorte ist was dabei. Noch fünf Minuten bis Ladenschluss: Das gleiche Bild. Der Familienvater von nebenan sprintet zur Brötchenausgabe und sucht verzweifelt nach dem Quarkbrötchen, welches seine Tochter so gerne mag. Als er es nicht findet, regt er sich wahnsinnig auf und lässt seine Wut an der Verkäuferin auf der anderen Seite der Theke aus.
Leider ist dieses Spektakel kein Hirngespinst: Die Kunden, vor allem von großen Ketten, erwarten, dass sie auch zu später Stunde ihre Lieblingsprodukte noch finden und kaufen können. Der Supermarkt reagiert und hat auch kurz vor Ladenschluss die Theken voll. Falls etwas nicht mehr vorrätig ist, sucht sich der Kunde einen anderen Markt und lässt sein Geld dort. Was mit all den frischen Lebensmitteln nach Ladenschluss passiert, interessiert niemanden mehr.

Bleiben wir im Supermarkt. Eine beliebige Zeit, Gemüse- und Obstabteilung:
Das Pärchen von gegenüber möchte seinen Vorrat wieder aufstocken und kauft Möhren, Bananen und Kartoffeln. Hier wird genau inspiziert: Wenn die Kartoffel zu klein ist, bleibt sie liegen. Krumme Möhren lassen sich sowieso so schlecht schälen (wieso schält man eigentlich Möhren?) und die Banane hat auch schon ein paar dunkle Flecken. Perfekte Exemplare landen im Einkaufskorb, die B-Ware bleibt bis zum Abend liegen, weil die Kunden nach ihnen genauso denken. Dass die kleine Kartoffel oder die krumme Möhre eigentlich so gut sind wie ihre schöneren Nachbarn, ist egal, weil sie optisch nicht dem Ideal entsprechen.
Für Äpfel und Birnen gibt es sogar eine Vermarktungsnorm der EU, in der geregelt ist, wie das Obst auszusehen hat, damit es verkauft werden darf.

Zu Hause angekommen ergibt sich unbewusst das nächste Problem: Die Lagerung. Unser Pärchen legt die Kartoffeln in die Vorratsecke, die Bananen zu den Äpfeln in den Obstkorb (Wie man Lebensmittel richtig lagert, liste ich unten auf!)  Joghurt gab es heute auch noch dazu, weil sie nicht mehr wussten, wie viel zu Hause noch da ist. Im Kühlschrank finden sich fünf weitere Becher, der neue wird davor gestellt. Nach ein paar Tagen keimen die Kartoffeln nach ein paar Tagen und die Bananen werden schnell braun. Der neue Joghurt wird zuerst gegessen, ganz hinten steht einer, der mittlerweile schon weit über dem Mindeshaltbarkeitsdatum ist. Na und? Dann wird es eben neu gekauft und weggeworfen. Kostet ja nicht die Welt. Und gesunde Ernährung beinhaltet sowieso nur frische Lebensmittel! Oder nicht?

Stop.

Verliert der Mensch völlig den Bezug zum Lebensmittel? Sonderaktionen, Rabatte (Nimm 3, zahl 2) und Familienpackungen vereinfachen nicht wirklich das Gefühl: Man kauft das, worauf man Lust hat oder wo man denkt, man könnte es gebrauchen. Die Schokolade lächelt einen nett an, die schmeckt bestimmt gut. Gefährlich wird es, wenn der Käufer denkt, er habe es nicht mehr vorrätig oder es sei nicht mehr so frisch, wie er es erwartet: Ehe er sich versieht, hat er viel zu viel von dem Lebensmittel zu Hause, als er überhaupt verbraucht.
Vor allem das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) macht den Menschen zu schaffen. Leider wird dies völlig missinterptretiert und so landen noch haltbare Lebensmittel im Müll.
Das MHD gibt an, bis wann das verschlossene Lebensmittel noch mindestens seine frischen Eigenschaften des Packdatums hat. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird ein Puffer eingeplant, damit die Kriterien zu besagtem Datum auf jeden Fall erreicht werden. Heißt: Man kann die meisten Lebensmittel noch locker nach Ablauf des MHD essen. Im Gegensatz dazu tritt ein Verfallsdatum in Kraft, wenn die Lebensmittel leicht verderblich sind, was zum Beispiel bei Hackfleisch oder Fisch der Fall ist. Nach Ablauf des Datums entsteht eine Gefahr der Gesundheit durch Keime: Man sollte die Lebensmittel nicht mehr essen!

Zurück zum MHD.
Wenn das MHD abgelaufen ist, kann man zum Beispiel Eier durchaus noch zwei Wochen essen, wenn man sie im Kühlschrank lagert und vor dem Verzehr backt oder hartkocht.
Milch lässt sich noch zwei bis drei Tage nach Ablauf des Datums trinken, es sei denn, sie ist flockig.
Milchprodukte wie Joghurt, Käse und Co. sind noch viel länger verzehrbar: Der optische Zustand, die Geruchsprobe und ggf. ein kleines angetestetes Stück geben Auskunft über die Verzehrfrage.

Vorratslebensmittel wie Mehl, Reis, Nudeln und Kaffee, aber auch Saft, Marmelade und Bier können noch mehrere Monate nach dem Ablauf des MHD gegessen werden, wenn sie trocken gelagert werden. Bei Marmelade kann man sogar bereits entstandenen Schimmel einfach großzügig abkratzen.
Selbst wenn Kartoffeln anfangen zu keimen, kann man in den meisten Fällen den Keim herausschneiden und den Rest der Kartoffel trotzdem verwenden. Wenn man Pürree macht, sieht man die Macken auch gar nicht.
Produkte wie Salz, Zucker und Essig sind so gut wie nicht verderblich. Nach EU-Verordnung muss trotzdem ein Datum draufstehen. Die Sprecherin des Bundesagrarministeriums versucht aktuell dagegen anzugehen, dass auf das Datum in Zukunft verzichtet wird.

Ein paar Tipps zum besseren Umgang mit Lebensmitteln

1. Besser einkaufen:
– (sinnvoller) planen: Überblick verschaffen, was man im Kühlschrank hat, bevor man einkaufen geht
– Wochenplan erstellen, falls möglich
– Grundbedarf an Lebensmitteln ermitteln: Wie viel Pakete Nudeln esse ich in der Woche?
– Einkaufszettel schreiben

2. Besser lagern:
– Vorratsregal o.ä.: verschlossene Milch, Nudeln, Reis, Mehl, Eier
– getrennte Aufbewahrung: Obst, Bananen und Äpfel unbedingt getrennt voneinander lagern (Äpfel stoßen Gase aus, welche die Bananen schneller reif und dann auch überreif werden lassen)
– im Dunkel, abgedeckt: Kartoffeln
– Kühlschrank: Milchprodukte, geöffnete Milch, etc.
– Gefrierschrank: selbsterklärend. Außerdem Brot, Fleisch und zubereitete Speisen, die nicht am Folgetag gegessen werden.

3. Besser organisieren:
– Grundausstattung zulegen (Dosen, Gefrierbeutel, Klipper zum Verschließen, Frischhaltefolie, getrennte Obstschalen)
– angebrochene Lebensmittel immer sofort umfüllen (Joghurt, Aufschnitt, zubereitete Speisen)
– Lebensmittel nach MHD sortieren: ältere Produkte zuerst essen

Achtet man auf diese Punkte, lassen sich in einem normalen Haushalt im Schnitt ca. 235€ sparen!

Foodsharing – ein Licht am Horizont

Glücklicherweise gibt es mittlerweile viele Organisationen und Einzelpersonen, die darauf achten, dass Lebensmittel weiterverwendet und nicht weggeworfen werden.
Die größten Unterthemen hier sind Foodsharing und Spenden. Großbetriebe geben ihre nicht verkauften Lebensmitteln an Viehhöfe, die daraus Tierfutter machen.
Einige Bäcker haben Verträge mit der gemeinnützigen Organisation „Tafel“ für Bedürftige.
Mittlerweile existieren Internetseiten, wie zum Beispiel www.iss-guenstiger.de – hier lassen sich bereits abgelaufene, aber noch haltbare Lebensmittel zu einem enorm günstigen Preis kaufen.
In Münster gibt es seit neustem ein Restaurant, welches die Kunden zahlen lässt, wenn sie die Speisen auf ihrem Teller nicht aufessen und die Reste nicht mitnehmen möchten.

Am schönsten und einfachsten ist jedoch das Miteinander der Menschen, wenn es um Essen geht.
In vielen großen Städten boomt die Foodsharing-Geschichte: Nach weitlaufenden Recherchen meinerseits nutze ich hier die Menschen und meine Erfahrungen aus dem Bereich Ostwestfalen-Lippe und Bielefeld.

In der entsprechenden Facebook-Gruppe ploppt ungefähr einmal am Tag ein neuer Beitrag auf. Ein Foto, ein kurzer Kommentar: „Hallo, nach unserem Familienessen ist massig Auflauf übrig geblieben, ich möchte das nicht alles einfrieren. Noch heute und morgen essbar, wer möchte sich etwas abholen?“ – „Mir schmeckt dieser Kaffe nicht, habe aber 3 Pakete gekauft, abzuholen in Schildesche.“ – „War heute meine Johannisbeersträucher ernten und habe trotz Safthersstellung mehrere Kilos übrig, bitte eigene Dose mitbringen. Eimer steht in der Garage, einfach mitnehmen.“ – „Habe meinen Vorrat ausgeräumt und diese Konserven gefunden, alle noch haltbar bis auf den Eintopf, den kann man aber trotzdem noch essen. Gerne zusammen abzugeben.“
Das nenne ich mal bewusst essen und leben!

Der Recherche wegen erstellte ich eine Umfrage zum Thema Foodsharing.
Das Phänomen des Teilens ist daraus zu schließen nicht überall vertreten, 1/3 der Teilnehmer haben noch nie Lebensmittel an bekannte oder fremde Mitmenschen abgegeben. Die Annahme hingegen ist mehr verbreitet.
Die Gründe lassen sich unter einem Stichpunkt zusammenfassen: Es soll vermieden werden, dass die Nahrung weggeworfen wird. Sobald etwas Aufwand betrieben werden muss, schrumpft die Bereitschaft jedoch enorm. „Da kann man die Sachen einfacher im Supermarkt um die Ecke kaufen“, so die Aussage.
Es wird nicht nur des Überflusses wegen geteilt: Menschlichkeit zeigt sich hier in kleinen, aber wichtigen Momenten: Manchmal kann eine berührende Geste erkannt werden, wenn Menschen im Alltag Hilfe brauchen. Ich rede hier nicht von Leuten auf der Straße, mit denen man sein Brötchen teilt (was auch wundervoll ist!) sondern beispielsweise davon, dass Getränke abgegeben werden, weil andere ihre vergessen haben. Oft mit der (vielleicht nur vorgeschobenen) Begründung, man hätte sowieso zwei Flaschen gehabt. Es geht um die Zusammenarbeit zur Verbesserung der Welt durch Menschlichkeit und Umweltbewusstsein.
Wenn man Menschen auf der Straße nach ihrer Meinung zu Foodsharing fragt, ist diese durchgehend positiv. Die Menschen wollen teilen und sind bereit, etwas abzugeben. Oft hapert es aber an der Umsetzung: Wie mache ich auf mich aufmerksam, wenn ich etwas über habe? Wie kann ich anderen Menschen helfen, die Lebensmittel abzugeben haben?
Wenn ihr bei Facebook angemeldet seid, ist das immer eine gute Lösung. Neben den Flohmarktgruppen der Stadt haben  einige auch Gruppen zum Thema Lebensmittel und Foodsharing. Einige Gemeinden bieten einen kostenlosen Dienst mit Zusammenkünften an, zu denen jeder kommen und Lebensmittel mitbringen kann.
Wenn alles nichts hilft, gibt es noch die gute alte Mundpropaganda auf dem Wochenmarkt.

Fröhliches Sharing und guten Appetit!

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Titelbild: https://c1.staticflickr.com/3/2843/12881395933_5e55e19cb2_b. jpg
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/umwelt/wegwerfgesellschaft-die-grosse-verschwendung-11130879-p2.html
https://www.zugutfuerdietonne.de/warum-werfen-wir-lebensmittel-weg/warum-werfen-wir-so-viel-weg/
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.lebensmittel-auf-den-spuren-der-wegwerfgesellschaft.007fbdac-0280-4994-a9fc-6b4de1f4ec74.html
http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/mindesthaltbarkeitsdatum-so-lange-sind-lebensmittel-wirklich-haltbar-a-1129560.html
http://www.lebensmittelklarheit.de/informationen/das-mindesthaltbarkeitsdatum-ist-kein-verfallsdatum
http://www.wn.de/Muenster/2937258-Nicht-aufessen-kostet-Strafzoll-auf-nichtverzehrte-Speisen-im-Lokal

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ein Beitrag von

Tamara Ossege-Fischer
...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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