Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Ein Kampf um Rom (Felix Dahn)

... oder eher "Ein Kampf mit einem Buch", das unser Autor mit einem großen "Puh" beendet hat. Aber ist das schon die endgültige Antwort?
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

ChatGPT

Manchmal stolpert man in seinem eigenen Bücherregal über Werke, deren Besitz man bereits völlig vergessen hatte. So ging es mir mit „Ein Kampf um Rom“.

Ich hatte es von meiner Oma einst in die Hand gedrückt bekommen, als ich eine Phase hatte, in der ich Krimis rund um das antike Rom geradezu verschlang. Eine Uraltausgabe ohne Verlagsangabe, Auflage oder auch nur Jahr, in Stoff gebunden mit matten goldenen Lettern. Ich erinnerte mich noch, dass ich als Jugendlicher nach dem ersten Kapitel aufgegeben hatte, auch weil ich Literatur aus der Kaiserzeit mit ihren beginnenden völkischen Untertönen gar nicht gerne lesen wollte. Nun, über ein Vierteljahrhundert später, habe ich es mir aus einer Art sportlichem Ansporn doch noch einmal vorgenommen. Vielleicht auch, weil ich mich nach meinem Geschichtsstudium ein bisschen besser gewappnet für diese Art von Texten sah.

Felix Dahn (1834–1912) war Rechtswissenschaftler und Historiker, was man auch an der Auswahl seiner Stoffe für seine schriftstellerische Tätigkeit bemerkt. „Ein Kampf um Rom“ gilt als sein bedeutendstes Werk, in dem er aber nicht nur den damaligen Forschungsstand, sondern auch das aktuelle Tagesgeschehen der Gründerzeit einwob.

Game of Thrones in der Spätantike?

Rom in der Spätantike 526. Der Kaiser der Ostgoten, Theoderich der Große, liegt im Sterben. Was bei seinen ostgotischen Landsleuten für Bestürzung sorgt, ist indes ein Hoffnungsschimmer für die die Goten als Besatzer empfindenden Italiener. Um die Macht über Rom und ganz Italien zu behalten, kommt es bereits vor Theoderichs Tod zu informellen Treffen der Goten, die sich darüber abstimmen wollen, wer sein Nachfolger werden und wie man auf diesen oder diese Einfluss ausüben könnte. Doch auch der verschlagene Präfekt Cornelius Cetegus Caesarius von Rom, der ein Nachkomme Julius Cäsars ist, sieht seine Zeit für gekommen und ersinnt manche Intrige, um Rom in seine Gewalt zu bringen. Und dann ist da noch Justinian, Kaiser des mächtigen Byzanz, der seine Finger nach Rom ausstreckt, um West- und Ostrom wieder zu vereinen. So beginnt ein beinahe 30 Jahre andauernder Konflikt, in dem die Kontrahenten weder vor Krieg, Mord noch Intrige zurückschrecken, bis sich das Schicksal der Goten in Italien endgültig entscheidet …

Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von
der Stadt her dem Tempel näherte: man hörte schnelle, kräftige
Schritte und bald danach stiegen drei Männer die Stufen der
Treppe herauf.

»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der
voranschreitende Fackelträger, der jüngste von ihnen, in
gotischer Sprache mit auffallend melodischer Stimme, als er
die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der Vorhalle, erreicht.
Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische
Erzarbeit am Stiel, durchsichtiges Elfenbein bildete den
vierseitigen Schirm, und den gewölbten durchbrochnen Deckel
– und steckte es in den Erzring, der die geborstne Mittelsäule
zusammenhielt.


Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit
lachenden, hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich
das lichtblonde Haar in zwei lang fließende Lockenwellen, die
rechts und links bis auf seine Schultern wallten; Mund und Nase,
fein, fast weich geschnitten, waren von vollendeter Form, ein
leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die freundlichen Lippen
und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weiße Kleider: einen
Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in
Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine
römische Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif
durchwirkt; weiße Lederriemen festigten die Sandalen an den
Füßen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee; die
nackten, glänzendweißen Arme umzirkten zwei breite Goldreife:
und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze geschlungen, die ihm
zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in die Hüfte
gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine
jugendliche Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder
eingekehrt.

Dahn, Felix: Ein Kampf um Rom, 48. Auflage, Leipzig 1906, S. 3f.

Ein anstrengendes Lese-Erlebnis

Es mag sein, dass in mir eine Art protestantisches Arbeitsethos erwacht ist, das mich über die ersten 200 Seiten getragen hat. Dass dieses nötig war, liegt weniger an der Handlung an sich als vielmehr am Schreibstil. Das etwas altertümliche Deutsch ist dabei kein großes Problem, es trägt sogar sehr gut zu einem auf gewisse Weise entrückten Ton bei, wie man ihn aus Heldenepen früherer Jahrhunderte kennt. Dabei wirkt die dem damaligen Zeitgeist geschuldete, völkische und sozialdarwinistische Metaebene des Buches, die von einer Art vergangenem goldenen Heldenzeitalter deutscher Vorfahren handelt, heute befremdlich bis unangenehm. Andere Zeitgeisterscheinungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wie ein latenter Antisemitismus, fehlen in dem Werk hingegen. So wirkt es vor allem etwas verstaubt und weit mehr aus der Zeit gefallen als deutlich ältere Werke.

Schwierig ist jedoch vor allem, dass Dahn immer bemüht zu sein scheint, möglichst viele Informationen in einem Satz unterzubringen, was zu recht komplexen Satzkonstruktionen inklusive Verlaufsformen und Passivsätzen führt. Außerdem werden Äußerlichkeiten von Figuren und Szenen in höchster Detailverliebtheit, teilweise bis zu den Verzierungen der Gabeln auf dem Banketttisch, beschrieben. Zwar hat das wohl mit der Freude eines Historikers an seinem Forschungsgegenstand zu tun, jedoch wirkt es auch manchmal so, als habe er dies nun alles recherchiert, nun müsse er es auch auf Biegen und Brechen unterbringen.

Leider wird diese Detailverliebtheit nicht bei der Ausformung der Figuren angewendet. Was das Buch für heutige Lesegewohnheiten etwas anstrengend macht, ist, dass die Figuren oft so sprechen und sich verhalten, als wüssten sie, dass sie in einer Erzählung vorkommen. Einerseits trägt das zum erwähnten Erzählton bei, andererseits rückt es die Figuren aber auch in eine gewisse Ferne, was eine Identifikation mit ihnen stark erschwert. Lediglich die Figur des Antagonisten Cetegus erhält so viel Innenleben, dass sie verhältnismäßig zugänglich wirkt. Bei allen anderen kommt man sich so vor, als würde man durch einen düsteren Korridor halb verwitterter Steinstatuen wandeln, die vor allem als Archetypen, nicht aber als echte Figuren fassbar sind.

Fazit

Nachdem ich mich aber an diese Eigenheiten gewöhnt hatte, bin ich dem Buch allerdings mit mehr und mehr Spannung gefolgt. Denn das Intrigenspiel zwischen Römern, Goten und Byzantinern wartet mit einigen Wendungen auf und spart auch nicht an Grausamkeiten, jedoch ohne in obszöne oder effekthascherische Tiefen herabzusteigen (und ich blicke hier sehr eindeutig in die Richtung eines gewissen Fantasy-Autors).

Trotzdem ist das Buch vor allem ein Tipp für jene Hardcore-Fans quasihistorisch-mythischer Literatur, denen der Herr der Ringe noch zu atemlos erzählt ist. Man wird sicherlich nicht ärmer dadurch, es gelesen zu haben, aber ob man reicher wird, wage ich sehr zu bezweifeln. Und selbst, wenn man es einmal lesen sollte: Ich glaube kaum, dass man dieses Unterfangen ein zweites Mal im Leben auf sich nehmen wird. Dann sollte man lieber warten, bis der Stoff vielleicht als Serienadaption entdeckt wird. Denn dafür eignet er sich sicherlich besser als zum Lesen.

Unterstützen

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, würden wir uns über eine kleine Spende freuen.



Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

Kaboompics.com | Pexels

Lese-Lust im Sommer – Empfehlungen der Redaktion

Dino springt auf Mensch zu, der mit Pistole schießt© Primitive War

T-Rex in Vietnam – Review „Primitive War“

ChatGPT

Tatsächlich gelesen: Das Gespenst von Canterville (Oscar Wilde)

Informationsplakat des queeren Improtheater-Abends im Fluid BochumZeichenelster

Improvisation als Werkzeug queerer Kultur

Tags:

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.