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Berufsziel: Taxifahrer – Oder: Das Studium der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie in Münster

Und was wird man dann damit? Das ist die Frage, die gestellt wird, studiert man, Archäologie-Geschichte-Landschaft und Geschichte. Die Antwort: „Mal sehen.“
| Michael Cremann |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

„Und was wird man dann damit?“ Das ist die erste und meist einzige Frage, die man gestellt bekommt, wenn man, wie ich, Archäologie-Geschichte-Landschaft (so heißt der Bachelorstudiengang der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie in Münster) und Geschichte im Zweifachbachelor studiert. Die beste Antwort, die man darauf geben kann: „Mal sehen.“ Denn genau das wird man im Studium die meiste Zeit lang machen.

Ich persönlich bin mit dem festen Ziel ins Studium gegangen, irgendwann an der Universität zu lehren, nur um mich dann nach einem halben Semester auf Hilfswissenschaftler oder Archivar, beides in der Geschichte, zu versteifen und zwei Semester später wiederum zu überlegen, ob nicht die Arbeit im Museum, egal ob als Historiker oder Archäologe, das Richtige für mich sein könnte. Die Möglichkeiten sind vielfältig und eine wirkliche Festlegung macht man sowieso erst im Master, deshalb setzt euch nicht schon vor dem Studium ein steifes Ziel, sondern bleibt entspannt!
„Bleibt entspannt” ist sowieso das Wichtigste, was man über das Studium der Archäologie sagen kann. Etwas Anderes bleibt einem auch gar nicht übrig, wenn schon in der Einführungsveranstaltung ein Tortendiagramm zu sehen ist, in dem die Chancen später Taxi zu fahren oder arbeitslos zu werden (sowohl für den Bachelor, als auch für den Master) als höher dargestellt werden, als die Chance auch nur als Grabungshelfer – also als Typ, der den Sand schleppen darf – eingestellt zu werden. Neben dem Wissenserwerb ist es deshalb im Studium besonders wichtig, irgendwo „einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Ob man sich beim Praktikum mit dem Leiter eines Museums anfreundet, um dann später dort eine Stelle als Volontär zu bekommen, oder  beim Seminar dem örtlichen Grabungstechniker unauffällig seine Nummer zukommen lässt, um dort berücksichtigt zu werden; Völlig egal! Wichtig ist nur, dass man etwas tut.
Sonst steht man nämlich am Ende mit einem Abschluss da, der sich zwar wunderschön im Lebenslauf macht, aber bei der Bewerbung nichts bringt, da derjenige, der einen einstellen möchte, niemanden anrufen kann, um von diesem zu hören, dass er einen riesigen Fehler macht, wenn er nicht genau DICH einstellt.

Nun aber zum Studium an sich. „Hast du denn auch schon mal Dinosaurier gefunden?“ ist noch so eine beliebte Frage, wenn man irgendwie von Archäologie erzählt. „NEIN!“ ist die einzig richtige Antwort. Der Archäologe beschäftigt sich nur mit vormenschlichen und menschlichen Zeugnissen, in Münster sogar ausschließlich mit Zeugnissen des „Jetzt-Menschen“, für Dinosaurier fragt man bitte Paläontologen. Wer also lieber nach Dinos, Riesenfaultieren oder vielleicht sogar Urzeitkrebsen graben will, der lese nicht weiter und wende sich bitte an die entsprechende Fachrichtung der Biologie.

In den ersten Semestern werden die Grundlagen gelegt
Da wären eine Übung zum wissenschaftlichen Arbeiten: Wie recherchiere ich richtig? Wie spreche ich einen Fund an? Wie schreibe ich einen wissenschaftlichen Text? Wie halte ich einen wissenschaftlichen Vortrag?
Gefolgt von einem Überblicksseminar zu einer Epoche der Vor- oder Frühgeschichte: Ob es nun die Linearbandkeramik, die Merowingerzeit, die Altsteinzeit oder die nichtrömische Eisenzeit behandelt, liegt daran, worauf der Dozent gerade Lust hat. Wichtig ist, dass man die Art des Vortrags kennenlernt und, dass man schon mal einen Überblick über eine Epoche bekommt. Außerdem gibt es die allseits beliebte „Einführung in die physische Geographie“: Eine Vorlesung mit einer im folgenden Semester anschließenden Geländeübung. Das ist zwar vielleicht nicht der Traum, wegen dem man dieses Studium anfängt, aber sicherlich eine sehr wichtige Grundlage durch die man einfach durch muss. Man bekommt wichtige Einblicke in die Bodenkunde und damit die Möglichkeit, schon an der Bodenschicht zu erkennen wie alt ein Fund sein könnte. Des Weiteren werden einem allerdings auch für den Archäologen nutzlose Kenntnisse zur heutigen Klima- und Pflanzenkunde vermittelt, die man zwar für die Klausur benötigt, danach aber in der Regel schnell wieder vergisst.

Im zweiten Semester geht es dann schon ans Eingemachte. Seminare zur Wirtschafts- und Siedlungsarchäologie trainieren zum einen das Halten von Vorträgen, zum anderen das Schreiben von Hausarbeiten, außerdem bieten sie aber auch eine vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen Themenkomplexen anhand von Fundbeispielen. Dies sind die letzten beiden Veranstaltungen der “Einführungsphase”, die aus den ersten drei Modulen besteht.
In der zweiten Hälfte des Studiums, der “Vertiefungsphase” muss man sich dann das erste Mal im Studium entscheiden: Urgeschichte oder Frühgeschichte: Faustkeile und Speerspitzen, ohne irgendwelche schriftlichen Quellen, oder feste Häuser und Schwerter? Einen römischen Autor oder christlichen Mönch, der einem einen Anhaltspunkt gibt, wo man zu graben hat? Ich persönlich habe mich für die Frühgeschichte – also für die Spätantike und das Mittelalter – entschieden, da jemandem, der nebenbei Geschichte studiert, Faustkeil schwingende, Fell tragende, Steinzeitmenschen einfach zu weit entfernt sind.
Die Beschäftigung hiermit erfolgt wiederum vor allem über Hausarbeiten und Referate. Archäologie ist keinesfalls ein Lernfach, in dem man Jahreszahlen paukt und in Klausuren Fragen wie „Wann datiert die erste Linearbandkeramische Scherbe und wo wurde sie gefunden?“ beantwortet. Vielmehr liest man sich in „sein“ Thema ein und referiert dann darüber. In den Seminaren schreibt man weiterhin eine Hausarbeit, also 10-30 Seiten Fließtext, die sich tiefgehend mit dem Thema auseinandersetzen. Ferner bekommt man in Übungen mit praktischen Anteilen und in drei Praktika die Grundlagen der Grabungstechnik (wie lege ich einen Schnitt (archäologisches Fachwort für Loch)? Wie berge ich etwas ohne es zu zerstören?) und der Dokumentation (wie bestimme ich eine Scherbe? Wie zeige ich meinen Fund auf einer Fundkarte?) beigebracht.

Packlagenfundament
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Ein sog. Packlagenfundament (Bild aus Privatbesitz)

Wie man vielleicht schon merkt, ist das Studium der Archäologie nicht einfach ein Lernen der Geschichte von vorschriftlichen Völkern, sondern vielmehr eine Ausbildung, die einem das Rüstzeug gibt, selbst „im Dreck zu wühlen“ und zu forschen. Es werden sowohl Kenntnissen in Geographie, Geoinformatik, sogar Geophysik, als auch über Vor- und Frühgeschichtliche Völker, ja sogar im Zeichnen vermittelt. Aus dieser vielfältigen Ausbildung erwachsen auch die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die man am Ende des Studiums hat und auch wahrnehmen muss. Dennoch muss man sich keine Sorgen machen, wenn man Geographie, Physik, oder sogar Geschichte in der 9. Klasse abgewählt hat. Jede Vermittlung fängt bei null an und die meisten Themen treffen sowieso nicht das, was jemals in der Schule gelehrt wurde.

Hiermit sind wir auch schon wieder mit meiner Lieblingsantwort auf die dritte Frage, die mir auf jeder Party gestellt wird, wenn ich erzähle, dass ich Archäologie und Geschichte studiere: „Auf Lehramt?“ „Wann hattest du deine letze Stunde Archäologie in der Schule?“ Denn das ist der Beruf, den man mit diesem Studium auf keinen Fall ergreift: Lehrer. Das Studium der Archäologie zielt auf die Forschung und die museale Vermittlung der Inhalte. Wer sich also nach seinem Studium am liebsten mit der Nase im Dreck, in einem Buch oder einem Fundmagazin sehen will, der ist hier genau richtig!

 

Titelbild aus Privatbesitz

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Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Hängt hinter der Kinokasse herum oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

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