Bildung und Karriere / Meinung

Die Handschrift ist tot, es lebe die Handschrift

Und wie schreibst du so?
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Seit Jahren ist es ein Horrorszenario von Lehrern und Bildungsreformlern: Die heutige Jugend lernt nicht mehr, richtig zu schreiben. Es geht ihnen dabei aber nicht um eine korrekte Rechtschreibung oder die Verwendung der deutschen Sprache, sondern um eine saubere und leserliche Handschrift.

Wenn wir eine Erhebung machen würden, wie viele der über 20-Jährigen noch regelmäßig mit der Hand schreiben, würde das Ergebnis nicht wundern. Nach der Schule oder einem anschließenden Studium kommt man kaum noch in Gelegenheiten, in denen man etwas mit der Hand schreiben müsste – von gelegentlichen Notizen einmal abgesehen. Aber Texte, lange Texte, werden seit der Erfindung der Schreibmaschine nur noch getippt und „in die Tasten gehauen“. Warum sollte man sich auch mit Stift und Papier abmühen, wenn die maschinellen Texte lesbarer sind und die Vorteile digitaler Technik genießen: Man kann sie nachträglich bearbeiten, kopieren und durchsuchen. Automatische Rechtschreibprüfer machen uns das Leben einfacher und langsame Kommunikationsmethoden, etwa Briefe, die zudem auch noch Geld kosten, scheinen uns steinzeitlich. Warum sollte man überhaupt noch die Mühen auf sich nehmen, mit der Hand schreiben zu lernen?

Die Debatte bleibt nicht vor dieser Frage stehen. Das Schreiben mit Stift und Papier ist notwendig, da sind sich scheinbar alle einig. Man kann diese Position durchaus verstehen, schließlich geht ein solches Schreiben schnell, man benötigt nicht viel, ist nicht auf die Technik angewiesen und die Ergebnisse können nicht aus Versehen gelöscht werden. Aber deshalb per Hand schreiben?
Weitere Gründe, die regelmäßig angeführt werden sind da hilfreicher. Beim Schreiben mit der Hand arbeitet man langsamer und denkt mehr über das Geschriebene nach. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Am Computer gewöhnt man sich ein so schnelles Tippen an, dass man in einem Fluss denkt und nicht mehr darauf wartet, dass die Hand endlich alle Worte niedergeschrieben hat. Man verliert die eigenen Gedanken, daher schreiben viele Schriftsteller gerne per Hand um den Vorgang etwas zu entschleunigen. Ein weiterer Grund, der gerade von Pädagogen gerne angeführt wird, ist, dass ein Schreiben per Hand die motorische Entwicklung der Schüler fördert. Hier halte ich mich mit einer Bewertung zurück. Es kann sein, dass dem so ist, aber mir stellt sich die Frage, ob man das Ganze nicht überbewertet. Kunstunterricht müsste dann ja eine ähnliche Wirkung haben. In den Naturwissenschaften ist es allerdings derzeit noch notwendig, per Hand schreiben zu können, zumindest wenn es um Formeln geht und man keine Lust hat, diese erst umständlich in irgendwelche Eingabegeräte einzuprogrammieren. Touchscreens ersetzen das Papier hier jedoch schon auf dankbare Weise und erlauben nachträgliche Korrekturen.

Die zweite große Debatte, die fast noch lieber geführt wird, als die der Handschrift an sich, ist die Frage nach der Druck- oder Schreibschrift. Ich habe, wie viele Menschen meiner Generation, zuerst die Druckschrift gelernt und dann später die Schreibschrift. Andere Generationen erlernten diesen Vorgang genau andersherum und neuere Ansätze möchten die Schreibschrift gleich abschaffen, damit die Schüler nicht zu verwirrt vom ständigen neulernen der Schrift sind, sondern von Beginn an eine lesbare Schrift entwickeln können. Das Thema Lesbarkeit steht stetig im Vordergrund und betrachtet man so manche Handschrift, fragt man sich, ob die Person das Schreiben überhaupt einmal gelernt hat. Ich frage mich, warum wir so sehr an dieser Debatte festhalten. Die Druckschrift ist lesbar und sie begegnet uns überall im Alltag. Die Schreibschrift ist lediglich ein Versuch, die Schrift durch eine flüssige Verbindung der Buchstaben schneller zu machen. Jahrzehnte lang tradierten sich Wege, wie man einfach schneller und einfacher schreiben konnte, anstatt jeden Buchstaben aufzumalen und dafür ewig zu brauchen.

Mir begegnete an der Schule das Phänomen, dass viele Schüler – oft durch Zwang seitens der Lehrer – von der zweiten Klasse an, bis in die Mittelstufe hinein, an der Schreibschrift festhielten, mit teilweise absolut unleserlichen Ergebnissen. Schüler, die feinmotorisch nicht so gut waren oder einfach keinen Sinn für Schrift und ihre visuelle Umsetzung hatten, besaßen die sprichwörtliche „Sauklaue“ und waren eine Qual für viele Lehrer, die stetig aufforderten, „sauber“ zu schreiben. Spätestens ab der Oberstufe jedoch fielen sehr viele Mitschüler wieder in eine Art Druckschrift zurück, die sie jedoch in Teilen mit der Schreibschrift verbanden. Sie pickten sich aus beiden Systemen die für sie passenden Buchstaben heraus, um zugleich zügig und einigermaßen leserlich zu schreiben. Oft waren diese „Hybridschriften“ auch genau das: Man konnte sie lesen und der Schüler konnte sie locker und weitaus weniger verkrampft schreiben, als es die offizielle Schreibschrift ermöglichte. Man hatte eine individuelle Handschrift ausgebildet, auch wenn dieser Vorgang Jahre gebraucht hatte.

Viele Schüler haben Probleme mit der Handschrift“ ist die aktuelle Horror-Headline. Aber warum die Panik? Noch schreiben die Schüler ja handschriftlich und in meinen Augen ist es dabei egal, ob sie die Druck- oder Schreibschrift benutzen, solange sie dabei einigermaßen lesbar und unverkrampft schreiben können. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Schrift ein von Menschen gemachtes Hilfsmittel darstellt, mit dem wir uns verständigen und Gedanken auf ein Medium bannen können. Sie ist nichts weiter als ein Werkzeug. Dabei hat die Schrift schon unzählige Entwicklungsstufen durchlaufen und unterliegt, ebenso wie die Sprache, einem steten Wandel.

Sollte der aktuelle Wandel darin bestehen, die Handschrift nach und nach zugunsten eines schnellen Tippens am Computer zu verlieren und dessen Vorteile zu nutzen, dann müssen wir uns dieses neuen Werkzeuges ebenso gut wie möglich bedienen. Sicher ist es schön, einen handschriftlichen Brief zu bekommen und wir seufzen oft, wie viel Gehalt doch in etwas selbst geschriebenen steckt – aber hat mal jemand versucht die berüchtigten Handschriften von Ärzten oder Juristen zu entziffern, die sie sich während des Zeitdrucks ihrer Prüfungen an der Uni angeeignet haben, dann freut man sich immer über eine Mail, die sich sogar lesen lässt. Ich kann es hier nur anreißen, aber man glaubt gar nicht, wie präzise und perfekt Computerschriften heutzutage für eine optimale Lesbarkeit gestaltet werden.

Wieso sich der „Verlust der Handschrift“ auf heutige Schüler beziehen soll, verstehe ich hingegen nicht. Ist es nicht an den Lehrern, den Schülern die Handschrift beizubringen? Mangelt es an Feinmotorik in der jungen Generation? Letzteres ist kaum vorstellbar, wer ein Smartphone bedient, der muss eine gewisse Feinmotorik mitbringen. Ist es, weil sie viel mehr und lieber am Computer schreiben?

Mein Fazit zur Debatte

Es schadet sicher nicht, den Schülern die Möglichkeit zu vermitteln, mit der Hand zu schreiben! Kurze Notizen, Mitschriften etc. sind ja noch immer einfacher mit Stift und Papier zu erledigen und viele Menschen schreiben sehr gern mit der Hand und genießen ihre eigene Schrift. Aber da auch die Schulen immer digitaler werden, man viele Prüfungsarbeiten bereits in getippter Form abgeben muss und man sich vorstellen kann, dass Schüler später viel mehr mit Computern zu tun haben werden, ist es auch sinnvoll, sich nicht zu sehr daran zu klammern und zumindest auch zu lehren, wie man Texte gut und fehlerfrei tippt. Man muss sich letztenendes wohl eingestehen, dass diese Art des Schreibens wohl in Zukunft die Regel sein wird – sofern sie es nicht schon längst ist.

Wie schreibt Ihr am liebsten? Macht es einen Unterschied, ob Ihr längere Texte schreibt, oder kurze Notizen? Lasst einen Kommentar da!


Quellen:
http://www.n-tv.de/panorama/Kinder-muessen-experimentieren-article14322636.html
http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2016-02/didacta-schueler-schreiben-motorik-schwierigkeiten
http://www.sueddeutsche.de/bildung/grundschrift-versus-schreibschrift-lasst-die-schnoerkel-leben-1.1228434

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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Eine Antwort zu “Die Handschrift ist tot, es lebe die Handschrift”

  1. Ein kurzes Hallo und Danke aus der Steiermark. Ich als etwas älteres Semester aus der Prä- Computer- Zeit -1974 geboren- habe mich in deinem Artikel als Schreibschriftliebhaberin wiedergefunden. Heute bin ich in Ausbildung und Lehre tätig und arbeite mit jugendlichen Berufseinsteigern nach der Pflichtschulzeit. Tja, was soll ich sagen- da liegen wahrhaft Jahrzehnte dazwischen. Durch den technischen Fortschritt und die Rechtschreibreform musste ich persönlich viel Gewohntes und Vertrautes ablegen und mich immer wieder neu anpassen. Meine Lehrlinge etwa schreiben beinahe alle mit PC und Handschriftliches ist für sie mühsam und unzweckmäßig geworden. Das führt des Öfteren zu Missverständnissen auf beiden Seiten. Trotzdem lege ich Wert auf das Können und Anwenden von Schreib/Druck- und PC Schrift- was wir nicht üben, verlernen wir und das wäre wirklich schade.

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