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Hilfe, ich kann nicht prokrastinieren!

Von den Leiden einer Nicht-Aufschieberin
| Lotta Krüger |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ich bin die uncoolste Studentin der Welt. Bin ich überhaupt eine? Daran muss ich gelegentlich zweifeln, wenn meine Kommilitonen sich mal wieder darüber unterhalten, zwei Tage vor Abgabe der Hausarbeit noch keine Seite geschrieben oder eine Woche vor der Klausur noch keine Minute gelernt zu haben. Ständig markieren sie sich gegenseitig auf Memes, in denen es um das ewige Aufschieben von Unikram geht, bis man alles auf den letzten Drücker erledigen muss. Die Kommentare und Gespräche übers Prokrastinieren reichen von selbstironisch bis verzweifelt, aber irgendwie sind sie auch immer witzig. Es tut scheinbar gut, zu hören, dass man nicht die einzige ist, die mal wieder nicht in die Pötte kommt. Prokrastinieren verbindet.
Aber es schließt auch aus, und zwar mich!

Ich bin das Gegenteil einer Prokrastiniererin. Schon beim Zuhören darüber, wie jemand für das Essay, den Vortrag und die Klausur in der nächsten Woche noch nichts getan hat, stellen sich mir die Nackenhaare auf vor Stress. Wenn ich den Termin für ein Referat zugeteilt bekomme, gehe ich noch am gleichen Tag in die Bib, erstelle die Powerpointpräsentation und habe meine Karteikarten quasi schon geschrieben, während meine Mitstudenten sich den noch weit entfernt liegenden Referatstermin noch nicht einmal eingetragen haben. Manche würden mich als Streber bezeichnen, ich würde es schlicht und einfach ungeduldig nennen. Der Gedanke, später vielleicht Stress zu haben, wenn man sich zu viel Zeit lässt, stresst mich so sehr, dass ich lieber alles sofort erledige, um den Kopf frei zu haben. Nicht, dass ich das gerne mache. Ich finde Vorträge, Hausarbeiten und Klausuren genauso nervig und anstrengend wie alle Anderen, aber gerade deswegen will ich sie schnell vom Tisch haben.

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Im letzten Wintersemester musste ich eine Hausarbeit schreiben, die bis Anfang Februar, also zu Beginn der nächsten Semesterferien abgegeben werden sollte. Das bedeutete volle vier Monate Zeit. Direkt am Anfang des Semesters schaute ich in meinen Kalender und mir brach der Schweiß aus. Im Januar konnte ich sie nicht schreiben. Da musste ich 3 Tage Kater von Silvester einkalkulieren und ich würde für die Klausuren lernen. Nebenbei eine Hausarbeit? Nicht mit mir. Mein Finger wanderte im Kalender zum Dezember, einer meiner Lieblingsmonate. Die Weihnachtszeit war immer vollgepackt mit Glühwein und Terminen, da konnte und wollte ich nebenher auf gar keinen Fall an einer Hausarbeit sitzen. Blieb also der November. Aber was, wenn ich sie nicht in einem Monat fertig bekommen würde? Am Schreibtisch sitzen am ersten Advent – diese Gefahr durfte ich nicht in Kauf nehmen. Ende des Liedes war, dass ich noch in der gleichen Woche mit der Arbeit begann und sie bis Ende Oktober fertig hatte. Das bescherte mir zwar ein paar lange Tage in der Bib und damit einhergehend einen verspannten Rücken, aber immerhin blieb mir Ende des Semesters der Stress erspart. Und ich wusste: Selbst wenn ich für die Hausarbeit kurioserweise plötzlich vier Monate statt vier Wochen brauchen würde – es wäre immer noch genug Zeit. Bekommt derartige Aktionen jemand mit, ernte ich stets halb entsetzte, halb neidische, aber vor allem verständnislose Blicke. Die schiebt nichts auf? Ist die noch ganz richtig im Kopf? Hat die nichts Besseres zu tun?

Doch, in der Tat, und dafür habe ich dann das ganze Semester lang Zeit, auch kurz vor Abgabe. Davon habe ich aber nicht viel, weil in den letzten Semesterwochen alle meine Freunde vor ihren Laptops festwachsen und sich unter ihren Büchern begraben, um endlich ihre aufgeschobenen Aufgaben zu erledigen und sich gegenseitig unter lustig-verzweifelten Memes übers Prokrastinieren zu markieren.

In den kommenden Semesterferien kommt wieder eine Hausarbeit auf mich zu. Das Problem: Es gibt kein Abgabedatum, der Dozent ist nämlich einer von den ganz Entspannten. Als ich ihn bittend gefragt habe, wann die Hausarbeit denn spätestens vorliegen müsste, meinte er bloß: „Wenn du unbedingt eine Deadline brauchst – April 2045, da gehe ich in Pension.“ Jeder normale Student würde wohl Luftsprünge machen, ich dagegen frage mich, wann und vor allem mit welchem Grund ich mit der Arbeit anfangen soll. Die Intention, die mich sonst dazu treibt schnell loszutippen, ist ja gewöhnlich der drohende Stress kurz vor Abgabe. Aber jetzt? Die Semesterferien haben vor einer Woche begonnen und ich habe noch nicht einmal angefangen…

Vielleicht werde ich ja doch noch zur Prokrastiniererin!

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Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Lotta Krüger

Neu bei seitenwaelzer und 22jährige Kommunikationswissenschaft- und Germanistik-Studentin in Münster, die nicht ohne Serien, Reisen, Festivals, Schokolade, Surfen, guten Ouzo und Sonne kann und zu diesen Dingen auch gerne ihre Erfahrungen teilt!

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