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Notes on a Nervous Planet: Überleben im Wirr-Warr des Internetzeitalters

Notes on a Nervous Planet war das erste Buch, das mich dazu gebracht hat, meinen Medienkonsum grundlegend zu hinterfragen.
| Laura Klöppinger |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Laura Klöppinger

An overloaded planet leads to an overloaded mind.

Matt Haig, Notes on a Nervous Planet

Als ich Notes on a Nervous Planet (dt. Mach mal halblang. Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten) an meinem 24. Geburtstag in den Händen hielt, war mir noch nicht bewusst, wie sehr auch ich Teil dieses “nervösen” Planeten bin. In dem Buch beschreibt der englische Bestseller Autor, Matt Haig, wie das Internet und besonders Social Media seiner psychischen Gesundheit immer mehr schadeten. Es sind Listen, kurze Gedichte, Zitate oder einfach nur Gedankengänge, die er auf Papier bringt – im Mittelpunkt die Frage: „How can we live in a mad world without ourselves going mad?

Der unbewusste Medienkonsum

Haig spricht hier natürlich kein brandneues Thema an und auch wissen wir in der Theorie, dass zu viel Internetnutzung uns schaden kann. Notes on a Nervous Planet war allerdings das erste Buch, das mich dazu gebracht hat, meinen Medienkonsum grundlegend zu hinterfragen. Das liegt daran, dass Haigs clevere Worte wirklich zu mir durchgedrungen sind und seine Beschreibungen von Situationen, in denen das Handy ihn wieder “gefangen hält”, mir so bekannt vorkamen. Kürzlich ärgerte ich mich zum Beispiel erst wieder darüber, wie ich vorm Schlafen gehen wie in Trance einen Instagram Post nach dem anderen auf mich einrieseln ließ. Und es ist wahr: Man fühlt sich von der ständigen Erreichbarkeit und der Masse an Nachrichten und Informationen gestresst.

1.Wake up.

2.Pick up phone.

3.Stare at phone for 72 minutes.

4.Sigh.

5.Get out of bed.

Alternatively, once in a while, try skipping stages two to four.

Matt Haig, Notes on a Nervous Planet

Verbannen, was uns nicht gut tut

Haig will das Internet natürlich nicht verteufeln und weist auch auf seine positiven Seiten hin. Denn auch er weiß: Niemand will komplett darauf verzichten. Es geht nur darum, das, was unserer Laune nicht gut tut, aus unserem Alltag zu verbannen. Seien es hitzige Twitter Diskussionen, das unendliche Scrollen durch unseren Instagram Feed oder das Konsumieren von zu vielen Nachrichten vor dem Schlafengehen. Die Wiederholungen und die Eindringlichkeit der angesprochenen Probleme führte bei mir gleich dazu, dass ich mein Handy öfter weglegte oder gar für mehrere Stunden ausschaltete.

I used to think social media was harmless. I used to think I was on it because I enjoyed it. But then I was still on it even when I wasn’t enjoying it. I remembered that feeling. It was the feeling you get at three in the morning in a bar after your friends have gone home.

Matt Haig, Notes on a Nervous Planet

Dass Haig das nötige Feingefühl hat, über die menschliche Psyche zu schreiben, hat er bereits einige Male bewiesen: Entweder mit Geschichten aus dem eigenen Leben in Reasons to Stay Alive, in dem er beschreibt, wie er gelernt hat, mit seinen Depressionen umzugehen, oder im komischen Roman The Humans (dt. Ich und die Menschen), in dem ein Menschen verachtender Alien auf die Erde kommt und mit der Zeit doch anfängt mit diesen, ihm zuvor rätselhaften, Wesen zu sympathisieren. Haig kann sowohl mit Witz als auch Ernst zeigen, was uns Menschen doch liebenswürdig macht.

Psychische Gesundheit

Matt Haig spricht viele gesellschaftliche Themen wie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, das Selbstwertgefühl oder die psychische Gesundheit an – alles Dinge, die von Social Media und Co beeinflusst werden. Viele kennen vielleicht das Gemälde von René Magritte mit der Pfeife, unter der steht „Ceci n’est pas une pipe.“ (Das ist keine Pfeife). Auf dieses bezieht sich Haig, um deutlich zu machen, dass das, was wir auf Social Media sehen, nicht immer die Wirklichkeit widerspiegelt. Dass es uns oft nur die Oberfläche der Dinge darlegt.

Er zeigt sich durch seinen eigenen Kampf mit Depressionen und Panikattacken damit auch sehr verletzlich, was für Menschen, die Ähnliches erlebt haben, Identifikation schafft. Haig gibt uns damit die Botschaft mit, dass wir vor allem mehr in uns selbst horchen sollten, was uns wirklich gut tut, wer wir sein wollen und worin wir unsere Zeit investieren.

You already know what is significant. The things that matter are obviously the things you would truly miss deeply if they were gone. These are the things you should spend your time on, when you can. People, places, books, food, experiences , whatever. And sometimes to enjoy these more you have to strip other things back. You need to break free.

Matt Haig, Notes on a Nervous Planet

Entschleunigen

Ich kann Notes on a Nervous Planet jedem ans Herz legen, der sich auch von Social Media gestresst fühlt und endlich entschleunigen will. Haig schafft direkt eine Brücke zu uns Leser*innen, sodass man beim Lesen das Gefühl bekommt “irgendwie sitzen wir doch alle im selben Boot”. Wir kennen alle Dinge, die wir eigentlich gerne mehr tun würden, doch das Handy ist nun mal eben oft schneller griffbereit. Doch man kann seine Zeit mit so viel anderen schönen Dingen verbringen, anstatt sich auf Social Media zu tummeln. Mittlerweile bin ich für jeden Moment dankbar, in dem ich statt meinem Handy meine Gitarre oder ein gutes Buch in die Hand genommen habe.

Quellen:
Haig, Matt: Notes on a Nervous Planet. Edinburgh: Canongate Books, 2018.

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Laura Klöppinger

… liebt die englische Sprache und Kultur, weshalb sie sich auch für das Anglistik (und Germanistik) Studium entschieden hat. Wenn sie nicht gerade liest oder Musik macht, diskutiert sie gerne über Doctor Who oder die neusten Indie-Rock Alben.

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