Kultur und Medien / Reportage

Nur ein Spielzeug?

Der Diorama Artist Oliver Schaffner baute im Stadtmuseum die Geschichte Münsters aus tausenden Playmobilfiguren auf.
| Jolanda Saal |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Jolanda Saal

Playmobil – jeder von uns kennt es. Die meisten haben als Kinder wahrscheinlich das ein oder andere Pony zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekommen. Doch habt ihr schonmal eine ganze Stadtgeschichte rekonstruiert aus Playmobil gesehen? – Ich auch nicht. Deshalb war ich umso erstaunter und beeindruckter, als ich im Stadtmuseum Münster mehr als 1.200 Jahre unserer Stadtgeschichte in der wahrscheinlich aufwändigsten aller Visualisierungen gesehen habe.

In der Ausstellung erwartete mich ein Zeitstrahl, beginnend mit den Dinosauriern der Steinzeit bis hin zum heutigen Münsterischen Prinzipalmarkt, der nicht nur mich, sondern auch andere Besucherinnen und Besucher direkt dazu einlud, Teil der Geschichte zu werden. Um das zu erreichen, entschied sich das Stadtmuseum für eine ganz besondere Form der Darstellung, die sie in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Diorama Artist Oliver Schaffer umsetzte. In mühevoller Detailarbeit positionierte Schaffer Zehntausende seiner, teilweise sogar sonderangefertigten, Playmobilfiguren – und das gerade mal in zwei Wochen und zehn Stunden, wie mir eine Aufsicht erzählte. Das zeugt bei so vielen Kleinteilen von Routine! Bereits in 49 Ausstellungen zeigte und gestaltete Schaffer Teile seiner Sammlung, nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Schon 2009 präsentierte er eine Schausammlung im Westflügel des weltberühmten Pariser Louvre. Leider hatten die Ausstellungsmacherinnen bei uns in Münster totales Pech. Nachdem alle Einzelteile pünktlich in Szene gesetzt worden waren, durfte das Stadtmuseum aufgrund der Corona-Pandemie für mehrere Monate nicht wieder öffnen. Jedoch: seitdem die Türen wieder geöffnet sind, haben sich bisher bereits tausende Besucherinnen auf diese ganz besondere Zeitreise begeben. Die Reaktionen derer, die ich vor Ort getroffen habe, bestätigen auch meinen Eindruck: Diese Art von Ausstellung zieht Besucher an! Hierfür kann ich mir drei primäre Gründe vorstellen:

Das Playmobil

Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass der Gegenstand dieser Ausstellung etwas Besonderes ist. Bis dahin dachte ich immer, Playmobil sei nur ein Kinderspielzeug. Die seit 1974 offizielle Marke ‚Playmobil‘, die in einem Maßstab von 1:22,5 zunächst nur Figuren, mittlerweile auch ganze Häuser und Bauernhöfe aus Kunststoff herstellt, wird hier abgewandelt für eine auffallende Art der Inszenierung. Aber wie kommt man eigentlich auf die Idee so viel Playmobil zu besitzen? Als Oliver Schaffer als Kind 1981 seine ersten Playmobil-Figuren zu Weihnachten bekam, war er direkt mit vollem Enthusiasmus dabei. Aus seiner stetig wachsenden Sammlung entwickelte sich ein richtiger Zirkus, für den sein Vater bald ein eigenes Zelt baute. Nachdem Schaffer mit 14 zunächst die Lust daran verloren hatte, verweilte ‘Circus Oliver‘ einige Jahre auf dem Dachboden, bis eines Tages eine Anfrage von Playmobil kam, ob er seinen Zirkus nicht noch einmal aufbauen und der Öffentlichkeit zeigen wolle. So erwachte nicht nur die Freude des Erwachsenen Schaffer an den Figuren, sondern auch die der Besucher*innen. So nahm alles seinen Lauf.

Historisches Interesse und die Ortsbezogenheit

Die Einblicke in die Historie Münsters, die die Mitarbeiterinnen des Stadtmuseums ausgewählt haben, baute Schaffer in akribischer Detailliertheit auf. Alles hat seinen Platz, keine Blickrichtung ist ein Versehen. Doch warum der ganze Aufwand? Für Schaffer – aus Leidenschaft! Er betonte in mehreren Interviews, dass er schon immer Spaß am Positionieren, Aufbauen und Ausdenken hatte, und so heute für die Besucherinnen eine tolle Ausstellung kreieren will. Für das Museum – Wissensvermittlungstransfer, denn so viele kleine grinsende Figuren können die Menschen ja nur anlocken. Aber nicht nur die Liebe zum Detail, sondern besonders die Liebe zur Geschichte prägen diese Ausstellung. Sie zeigt einen komprimierten Überblick über die Entstehung und Entwicklung Münsters. Einschlägige Ereignisse wie die Errichtung der Stadtmauer Ende des 12. Jahrhunderts, die radikale Bewegung der Reformatoren und ihrem Kampf gegen die katholische Kirche, anhand der Taufen auf dem Prinzipalmarkt um 1534 oder der Einzug des Gesandten Adrian Pauw 1646 zu den Verhandlungen des Westfälischen Friedenskongresses werden chronologisch auf dem Zeitstrahl entlang des Raumes im ersten Obergeschoss dargestellt. Aber auch Anfänge und Vorläufer unserer beliebten Freizeitorte habe ich entdeckt. So werden das Leben und der Handel des Stadthafens seit den 1920er Jahren, sowie der Aufbau des Zoologischen Gartens 1875, als Vorläufer des Allwetterzoos, spielerisch durch kleine Figürchen, Tiere, Bäume und andere Hilfsmittel wie Granulat inszeniert. Die Münsteraner unter den Besucher*innen erkennen direkt in der Mitte des Raumes einzelne Wahrzeichen und typische Bilder der Gegenwart, wie beispielsweise der Dreh des berühmten Münster Tatorts – vielleicht ist es auch doch Wilsberg? – oder das Schwanen-Tretboot auf dem Aasee inklusive seines Verehrers.

Die andere Art der Vermittlung

Wenn ich mich an meine frühe Schulzeit zurückerinnere, weiß ich noch ganz genau, dass wir im Rahmen zahlreicher Exkursionen viele Ausstellungen besucht haben und wir Kinder uns nach einiger Zeit einfach nur noch dachten: „meine Füße tun weh, ich habe keine Lust mehr“. Bei der Playmobil Ausstellung sieht das sicherlich anders aus. Besonders Kinder, die noch kein Gefühl für Vergangenes entwickelt haben, werden angesprochen und dazu eingeladen, Teil der Geschichte zu werden. Wie von selbst tauchen sie in dieser fantasievollen Welt aus bekanntem Spielzeug in die Historie ein. Durch die elegante Verknüpfung der Playmobilszenen mit den Hinweisen auf die Originale, die die Mitarbeiter*innen des Museums auf den Informationstafeln angebracht haben, schlendert man gerne im Anschluss noch durch die restliche Dauerausstellung des Museums oder guckt sich anschließend im LWL-Naturkundemuseum auch echte Dinosaurierknochen an.
Spielerisch wird – für Groß und Klein – durch das Zusammenspiel der historischen Aufarbeitung und den sieben Zentimeter hohen Figürchen eine Vorstellung vermittelt, wie unsere Heimatstadt so schön geworden ist. Also nein – Playmobil ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Spielzeug. Wer sich das nicht entgehen lassen möchte, kann noch bis zum 12. September 2021 kostenfrei das Stadtmuseum besuchen. Als kleine Einstimmung zeigt beispielsweise auch der Reclam-Verlag auf dem Kanal ‘Sommers Weltliteratur to go’ in kompakten Videos Szenen literarischer Werke durch Playmobilensembles.

Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Jolanda Saal

Hallo zusammen, ich studiere hier in Münster Geschichte und Kunstgeschichte – kurzum: ich bin ein kleiner Kultur-Nerd. Daher verbringe ich meine freie Zeit auch gerne in Museen oder mit spannenden Büchern über unsere Zeitgeschichte mit einem Kaffee auf dem Balkon.

unbekannt

„Kein Gott, kein Herr, kein Ehemann“ – feministischer Anarchismus anno 1896

Jp Valery | Unsplash

Wie viel darf Wissenschaft kosten?

Das Logo des Podcasts "Die drei Meerjungfrauen" - Das Symbol für "Frau" und darin drei Wellen sowie der Titel des Formats.Die drei Meerjungfrauen

#diedreimjf – Adventskalender 2020 Türchen 14: Petermännchen

Merve Sehirli | Unsplash

Ungewöhnliche Berufe 3: Bonbonmacher

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.