Tatsächlich gelesen: Pnin (Vladimir Nabokov)
Zum Jahresauftakt hat Dominik sich einem Klassiker des letzten Jahrhunderts angenommen. Wird Pnin ihn überzeugen?
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
ChatGPTDas neue Jahr beginnt und bis auf Weiteres sparen wir uns ein Oberthema. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, mal wieder in ein ganz anderes Subgenre zu springen, nämlich in die Migranten- beziehungsweise interkulturelle Literatur. Häufig sind Erzählungen aus dieser Literaturgattung von den schweren Vorgeschichten ihrer Protagonisten überschattet, umso mehr, wenn es sich um autobiografisch inspirierte Werke handelt. Dies ist, bedenkt man solche Schicksale, nur allzu verständlich.
Jedoch gibt es auch eine augenzwinkernde Form, einer solchen Thematik gerecht zu werden. Hierfür ist der aus Russland in die USA emigrierte Schriftsteller Vladimir Nabokov (1899–1977) ein gutes Beispiel. Nabokov schrieb seine Romane zunächst auf Russisch, erst später in englischer Sprache. Sein Durchbruch gelang ihm mit dem weltweit durch die beschriebene pädophile Beziehung für Aufsehen sorgenden Roman Lolita aus dem Jahr 1955. Gleichzeitig arbeitete er jedoch schon an einem Werk, das ebenfalls zu seinen Besten gerechnet wird. Es stellt eine Art Antwort Nabokovs auf Cervantes’ Don Quijote dar. Nabokov störte sich an Cervantes’ Ansatz, seine Leser zu einem höhnischen und verächtlichen Blick auf den Ritter von der traurigen Gestalt bewegen zu wollen. Darum schuf Nabokov schließlich seinen eigenen Don Quijote, einen russischen Gelehrten namens Pnin.
Eine russische Seele in Amerika
Die Handlung des Romans, der eher aus lose zusammenhängenden Erzählungen als aus einer zusammenhängenden Handlung besteht, spielt in den 1950er Jahren am Waindell-College im Staat New York. Dort lehrt der eigentümliche Professor Timofey Pnin russische Sprache und Literatur. Er selbst ist ein Einwanderer, der zunächst vor den Bolschewisten und später vor den Nazis durch Europa geflüchtet ist, um in den USA eine neue Heimat zu finden. Doch der schrullige Gelehrte hat so seine Probleme, sowohl was die Kultur als auch die Sprache angeht. Seine Kurse sind in dieser Zeit des Kalten Krieges nur spärlich besucht. Auch im Privatleben ist ihm kein großer Erfolg beschieden, wird er doch meist aus Verpflichtungsgefühl zu sozialen Anlässen geladen, oder weil man in ihm ein Kuriosum sieht. Die Geschichten handeln von den Widrigkeiten, denen sich Professor Pnin stellen muss. Dazu gehören die Wohnungssuche, die Vorbereitung auf seine Fahrprüfung oder ein Treffen mit seiner manipulativen Ex-Frau. Zudem wird von seinen Versuchen berichtet, endlich in den USA Fuß zu fassen. In jeder dieser Episoden scheitert er zwar meist – vor allem weil er absolut weltfremd ist –, gibt jedoch die Hoffnung nie auf, doch noch sein Glück zu finden.
Hier muss nun ein Geheimnis verraten werden. Professor Pnin befand sich im falschen Zug. Er wusste es nicht, und ahnungslos war auch der Schaffner, der den Zug entlang Pnins Wagen bereits näher und näher kam. Pnin war im Moment sogar durchaus mit sich zufrieden. Als sie ihn eingeladen hatte, in Cremona – etwa zweihundert Werst westlich von Waindell, Pnins universitärem Unterschlupf seit 1945 – einen Freitagabend-Vortrag zu halten, hatte die stellvertretende Vorsitzende des Frauenclubs von Cremona, eine gewisse Miss Judith Clyde, unseren Freund darauf aufmerksam gemacht, dass der günstigste Zug in Waindell um 13 Uhr 52 abfuhr und um 16 Uhr 17 in Cremona eintraf; doch Pnin – der wie so viele Russen eine ungemeine Schwäche für Fahrpläne, Landkarten, Kataloge hatte, sie sammelte, sie in dem erhebenden Gefühl, etwas umsonst zu bekommen, reichlich an sich nahm und besonders stolz darauf war, selber Verbindungen zusammenzupuzzeln – hatte nach einigem Studium einen unauffälligen Hinweis auf einen noch günstigeren Zug entdeckt (ab Waindell 14.19 Uhr, an Cremona 16.32 Uhr); die Fußnote tat kund, dass der um vierzehn neunzehn auf dem Weg in eine ferne und sehr viel größere Stadt, die ebenfalls von einem weichen italienischen Namen geschmückt war, freitags, und nur freitags, in Cremona hielt. Zu Pnins Pech war sein Fahrplan fünf Jahre alt und in Teilen seit langem überholt.
Vladimir Nabokov: Pnin, 11. Auflage, 2017, S. 9
Einblick in den Elfenbeinturm
Ich vermute, dass jeder Student schon einmal einen Professor Pnin kennengelernt hat. Einen schrulligen Akademiker, der irgendwie fern der Realität in der Welt seines eigenen Forschungsbereichs zu leben scheint. Kein großer Forschergeist, jedoch mit einer tiefen Liebe für sein Fach. Sozial manchmal ungeschickt, jedoch freundlich und auch irgendwie ein wenig rührend. Genau dieses Gefühl von „Den kenne ich, der hieß hier an der Uni nur anders“ macht Nabokovs Roman so zeitlos. Auch wenn Timofey Pnin immer wieder in Situationen verwickelt wird, die ihn lächerlich erscheinen lassen, ist der Ton des Erzählers nie abwertend. Er erzählt vielmehr sehr warm und empathisch. Zudem ist der ganze Roman mit seinen sieben Kapiteln sehr leicht zu lesen, auch wenn die eigentliche Handlung der Kapitel manchmal für eine längere Rückblende aus Pnins Leben in den Hintergrund tritt.
Diese wunderbare Mischung aus der feinen Komik der um ihre Würde bemühten Hauptfigur, die nie in Slapstick abrutscht, sowie der genauen Beschreibung der US-Gesellschaft zu der Zeit (McCarthy-Ära, Russlandfeindlichkeit et cetera) aus Sicht eines Migranten, macht den Reiz dieses Romans aus. Hinzu kommt die große Sympathie, mit der die Hauptfigur angelegt ist. Trotz aller Verluste, die er in den Erzählungen hinnehmen muss, bewahrt sich Professor Pnin stets seinen Optimismus. Zum Schluss wagt er sogar einen weiteren Neuanfang. Ein Buch, das uns eine bestimmte Art von Mensch besser kennenlernen lässt und eines der besten Bücher, die ich hier bislang rezensieren durfte. Dringend lesen!
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Dominik Schiffer
Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.
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