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Von Kabinetten und anderen Kuriositäten

… viel mehr als nur Klugscheißern! Ein abgedunkelter Hörsaal mitten in einem alten Unigebäude ist überschaubar mit Studierenden verschiedener Altersgruppen […]
| Gastbeitrag |

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Yves Klein | Wikipedia

Yves Klein, monochrom blau,

… viel mehr als nur Klugscheißern!

Ein abgedunkelter Hörsaal mitten in einem alten Unigebäude ist überschaubar mit Studierenden verschiedener Altersgruppen besetzt. Das spärliche Licht vereinzelter Laptops wird von einigen grauen Schöpfen gestreut, die in fast gleichen Anteilen künstliche oder natürliche Lebenserfahrung ausstrahlen. Einzig der Kleidungsstil gibt Hinweise auf das biologische Alter, da auch der Umgang mit technischen Geräten sehr unterschiedlich versiert ist. So individuell und ausdrucksstark jede*r von ihnen auch ist, sie alle blicken gebannt auf die einzige wirkliche Lichtquelle des Raumes: Der Beamer taucht den Saal und die meist bebrillten Gesichter in kühles Licht, da seit nunmehr 25 Minuten eine einzige blaue Fläche an die Wand projiziert wird. Sie alle wissen, dass es sich nicht etwa um eine technische Störung handelt, sondern um ein ganz großes Kunstwerk, das durch die Bildunterschrift als solches gekennzeichnet wird. Zurückhaltend begeistert referiert die Dozentin in ihrer wöchentlichen Sitzung über verschiedene Werke nahmhafter Künstler*innen. Es werden Persönlichkeiten beleuchtet, historische Entwicklungen skizziert und soziale Faktoren erörtert, die verschiedene Strömungen auszeichnen. All dies wird von den Studierenden möglichst genau mitgeschrieben, um es für die drohende Klausur zu lernen. Einst war ich eine von ihnen und habe versucht, bei 90 Minuten schlechter Luft aufmerksam zu bleiben, um im Dämmerlicht auch später noch lesbare Notizen zu machen, da die Folien weder explizite Inhalte noch konkrete Hinweise enthalten, wo Informationen zum Nachbereiten zu finden sind…

Fernab von solch schwammigem Geschwafel berichte ich nun rückblickend – aber in Farbe – von acht Semestern Kunstgeschichtsstudium in Münster. Wahrscheinlich sind viele Beobachtungen vom Anfang auch auf andere Unis und Studienfächer übertragbar, aber ab hier lauern nicht nur subjektive Wahrnehmungen, sondern auch organisatorische Eigenarten der WWU, die bei den meisten Unis anders gehandhabt werden!

Zum Beispiel kann in Münster Kunstgeschichte nur im Zwei-Fach-Bachelor, also in Kombination mit einem anderen Fach studiert werden. Offiziell sind diese beiden Fächer vollkommen gleichwertig, der tatsächliche Arbeitsaufwand kann sich aber unterscheiden. Wie bei den meisten Geisteswissenschaften gibt es nach einem Studienabschluss nicht DEN Beruf, denn Stellen in Museen oder in Forschung und Lehre sind rar gesät. Vielmehr eröffnet eine solche Qualifikation viele Türen in verschiedenste Bereiche, in denen strukturiert gearbeitet wird und sich schnell in neuen Themengebieten zurechtgefunden werden muss; um nur eine kleine Auswahl der erworbenen Soft Skills zu nennen.

Jetzt und hier geht es aber um: Was genau macht eigentlich eine Studentin der Kunstgeschichte?
Kurz gesagt beschäftigt sie sich mit mehr oder weniger brotbringender Kunst.

Auch wenn einige Kommiliton*innen sehr gut zeichnen oder gestalten können, geht es nicht darum, selbst künstlerisch tätig zu sein (außer vielleicht bei Grafiken für Präsentationen), sondern sich mit bestehenden Werken auseinanderzusetzen. Dabei verbringt ein*e Kunsthistoriker*in relativ viel Zeit in Bibliotheken oder im Internet auf der Suche nach Forschungsliteratur und nach hoch aufgelösten Scans teilweise kaum bekannter Werke. Es reicht tatsächlich nicht, durch ein Museum zu schlendern, lange vor einem alten Ölschinken zu verharren und versonnen zu nicken.

Das Studium selbst ist dabei chronologisch und thematisch sortiert aufgebaut. Idealerweise lernt ihr in den ersten beiden Semestern das Handwerkszeug für Quellenarbeit in Veranstaltungen, die sich hinter Bezeichnungen wie „Propädeutika“ – oder singular „Propädeutikum“ –verbergen. Dabei wird zwischen Malerei und Grafik und zwischen Architektur und Skulptur unterschieden. Diese Trennung kann im Verlauf des Studiums immer mal wieder auftauchen.
Grundlagen vermittelt auch die sogenannte „Epochen-Vorlesung“, die von einem Tutorium begleitet wird. In dieser werden innerhalb von vier Semestern verschiedene Zeitabschnitte der Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart behandelt. Eigentlich wollte ich das „Bologna-Fass“ nicht aufmachen, aber mein persönlich größter Kritikpunkt am Aufbau des Studienganges ist eine klare Auswirkung der Bachelor-Master-Reform. Obwohl wirklich Wissenswertes und Spannendes in der Vorlesung thematisiert wird, ist die Klausur – der Leistungsnachweis – auf lückenloses Boulemielernen angelegt. Diese Art der Prüfung hat sicherlich irgendwo seine Gründe, jedoch bezweifle ich stark, dass die sehr simple Korrigierbarkeit das stupide Auswendiglernen von Namen und Daten rechtfertigt. Aber immerhin lernt man so, wo in den späteren Semestern solche Angaben nachgeschlagen werden können.
Nach den ersten vier Semestern (dem Grundstudium, denn hier werden fachliche und formale Grundlagen erlernt) gibt es zwei weitere Vorlesungen, die der Vertiefung dienen und nicht mit einer solchen Klausur abgeschlossen werden müssen.

Wer schnell rechnen kann weiß jetzt, dass ein Kunstgeschichtsstudium nicht primär aus Vorlesungen bestehen kann.
Die meiste Zeit und tatsächlich die meisten Inhalte werden in Seminaren behandelt. Zunächst heißen sie Proseminare und später Hauptseminare, sind aber ähnlich aufgebaut wie in anderen Geisteswissenschaften: Pro Sitzung werden Referate von Studierenden gehalten, während die Lehrperson mehr oder weniger interessiert lauscht. Auch bei dieser Vorgehensweise ließe sich wieder das Bachelor-System ankreiden, aber das erspare ich dir und mir. Fest steht: Kunstgeschichte zu studieren heißt, über Kunst zu referieren. Das kann besonders in Gruppenarbeiten zu tollen Herausforderungen führen!
Besonders im Vergleich mit anderen Fächern habe ich die Seminarplatzvergabe stets als fair und unkompliziert erlebt (first come, first served mit einem ausreichenden Angebot).
Wer schon zu Schulzeiten solche Referat-Situationen gerne gemieden hat, sollte deswegen nicht vor diesem Studiengang zurückschrecken, denn die meisten Professor*innen achten nicht nur nicht auf die Vortragsweise, sondern begrüßen es anteilig sogar, wenn ein vorher ausformulierter Text vorgelesen wird. (Ja, ihr habt richtig gelesen – ich habe auch ein paar Semester gebraucht, um mich damit abzufinden.) Aber genug zum Stil, die Referate sind nämlich eine Vorarbeit oder Diskussionsgrundlage für die eigentliche Leistung eines Seminars: Die Hausarbeit. Davon wird jedes Semester ungefähr eine verlangt. Zusammen mit den Leistungen aus dem jeweiligen Zweitfach könnt ihr euch vorstellen, dass in den Semesterferien – ähm, der vorlesungsfreien Zeit – viele Stunden in Bücher und Laptop geschaut wird. Auf diese Weise wird das wissenschaftliche Arbeiten gut vermittelt, sodass für die Abschlussarbeit kein separater Kurs besucht werden muss, in dem Zitieren geübt wird. (Solche Fächer gibt es auch!)

Wieviele solcher Hausarbeiten auf euch zukommen, könnt ihr aber schon vorher im sogenannten Modulplan oder in der Studienordnung nachschauen.

Nach diesen kleinen Kritteleien muss ich der WWU zugute halten, dass die Themenauswahl der Seminare immer recht breit gefächert ist, spannende Exkursionen ermöglicht werden und regelmäßig renommierte Kunsthistoriker*innen von anderen Institutionen Seminare anbieten. Dadurch kann jede*r persönliche Schwerpunkte setzen und sich mit den Künstler*innen und Strömungen beschäftigen, die sie*ihn wirklich interessieren.
Diese Art der Vertiefung ermöglicht es außerdem, die eigenen Fremdsprachenkenntnisse zu erweitern, um beispielsweise italienische Quellen im Original lesen zu können.

Ein weiters Kompliment geht an die Uni Münster für ihre sogenannten „Praxisseminare“. Diese Veranstaltungen finden meist im Semester statt und können eine beliebige Anzahl der zwei Pflichtpraktika ersetzen. Sie werden überwiegend von externen Menschen geleitet, die verschiedene Einblicke in Berufsfelder der Kunstgeschichte geben können. Mit diesen Kursen hat die Uni meiner Meinung nach einen wichtigen Schritt in Richtung Chancengleichheit unter den Studierenden getan, weil es oft sehr schwierig bis nahezu unmöglich ist, einen geeigneten Praktikumsplatz unter Bachelorniveau zu ergattern – besonders wenn nebenbei noch gearbeitet werden muss, um das Studium zu finanzieren!

Wenn ich also auf die letzten Semester zurückblicke, gibt es zwar einige Verbesserungsmöglichkeiten, aber auch viele positive Aspekte – allen voran die Professor*innen, Mitarbeiter*innen und Hilfskräfte, die ausnahmslos Begeisterung für ihr Fach und Faszination für die Kunst verbreiten.

Noch eine letzte Anmerkung: So schade es auch ist, Kunstgeschichte lässt sich nicht auf Lehramt studieren!

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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