Wissenschaft und Technik

Wie viel darf Wissenschaft kosten?

Nahezu täglich werden die Nachrichten mit Meldungen zu neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften überschwemmt. Das spricht für den Fortschritt in einer modernen […]
| Robin Thier |

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Jp Valery | Unsplash

Nahezu täglich werden die Nachrichten mit Meldungen zu neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften überschwemmt. Das spricht für den Fortschritt in einer modernen Gesellschaft, aber zu welchem Preis? Was steckt wirklich hinter so mancher Forschung, und was kommt am Ende dabei heraus?

Im Jahr 2011 stellte die EU rund 6,4 Milliarden Euro für die Wissenschaft bereit. Diese Gelder flossen an 16.000 Institute und Firmen zur Forschung in den Bereichen Klimawandel, Umweltschutz und Medizin. Das macht etwa 287.500€ pro Institution bzw. Firma. Eine riesige Summe, aber akzeptabel, wenn dadurch Hybridautos weiterentwickelt und Verfahren zur Emissionssenkung geliefert werden. Anders verhält es sich 2013. Die EU steckt zwei Milliarden Euro, allerdings über zehn Jahre, in Forschungsfelder, die zwar futuristisch sind, deren Anwendungsgebiete jedoch in eine fragliche Richtung zeigen.

Das erste finanziell unterstützte Projekt ist das „Graphen“-Projekt. Das Material Graphen, das aus einer einzelnen Schicht Kohlenstoffatome besteht, erwies sich als äußerst robust, flexibel und stromleitend. 2010 bekamen bereits zwei Physiker den Nobelpreis für die Entdeckung von Graphen, nun soll das Material weiter erforscht und dessen Anwendungsgebiete ergründet werden. Diese reichen vom Flugzeugbau über biegsame Touchscreens bis hin zu neuartigen Batterien.

Das zweite Projekt trägt den Titel „Human Brain Project“. In diesem Forschungsprojekt sollen Abläufe im Gehirn möglichst detailliert am Computer dargestellt werden. Dafür werden sowohl echte Gehirne, als auch Plastikchips genutzt. Sollte man es schaffen, das Gehirn an einem Computer nachzubauen könnte man eine neue Generation von Computern bauen – und nebenbei könnte man Einblicke in die Entstehung und Wirkung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson erlangen.

Ziel des Projektes sei es unter Anderem, „Europas Position als Supermacht des Wissens zu stärken.“, wie der Spiegel zitiert. Aber ist das die richtige Intention hinter einer solchen Geldsumme?

Betrachtet man einmal, was aus dem erforschten Wissen gemacht wird: Technologien im Bereich Beförderung und Multimedia, außerdem erhält man „möglicherweise“ Erkenntnisse über degenerative Gehirnkrankheiten. Also im Grunde werden diese Gelder, die ja Steuergeldern von EU-Bürgern entstammen, in Bereiche gesteckt, in denen ohnehin viel geforscht wird, es einen stetigen Firmenwettkampf gibt, und die nicht primär dazu da sind, um Menschen zu helfen – eher, um das Leben in den Industrieländern noch angenehmer zu machen und Europas Wissensmacht zu stärken. Die obigen Beispiele sind nur die Spitze des Eisberges. Wirft man einen genaueren Blick auf laufende Forschungen, so stößt man zum Beispiel auf den Versuch eines Institutes, Daten in DNA zu speichern. Man spricht von einer neuartigen Methode der Datenspeicherung unglaublicher Mengen auf engstem Raum. Das klingt fantastisch, futuristisch und wegweisend. Vor allem aufgrund der neuesten Meldung, man habe alle Sonette von Shakespeare, ein Foto, eine Rede und ein pdf in DNA gespeichert. Was man jedoch wissen muss: Ein Megabyte Datenmenge in DNA zu verschlüsseln kostet etwa 12.400 US-Dollar, sie wieder zu entschlüsseln etwa 220 Dollar. Der Versuch, einen 1,2GB großen Film zu speichern, würde das fast 15 Millionen US-Dollar kosten. Wahnsinnige Summen für Experimente, deren Nutzen fraglich ist und deren Zukunftssicherheit hinterfragt werden sollte.

Ein letztes Beispiel sind, beziehungsweise waren verschiedene Projekte der NASA. Die US-Amerikanische Weltraumbehörde erhält zurzeit ca. 17,8 Milliarden Dollar pro Jahr, ein vergleichsweise kleiner Wert, war es in den Jahren vor der Mondlandung etwa das Vierfache. Doch wozu das? Seit einigen Jahren hat die NASA kein klares Ziel mehr. Zwar wird immer weiter geforscht, doch seit Astronauten von russischen Weltraumkapseln ins All geschossen werden, ist das einzige Projekt der NASA derzeit, einen Menschen auf einen Asteroiden zu schicken. Die laufende Mission des Couriosity-Rovers (wir berichteten) ist daher mit 5,5 Milliarden Dollar vergleichsweise billig.

Warum steckt man so viel Geld in Forschung, die den Menschen auf der Welt primär nichts bringt? Und warum werden andere Forschungsrichtungen, wie die Idee einer Brille, deren Stärke jeder einstellen kann und deren Kosten im für Entwicklungsländer erschwinglichen Bereich liegen, so wenig unterstützt?

Die Gründe hierfür liegen sowohl in dem Konsumverhalten der Menschen, dass nun einmal in erster Linie auf technische Neuheiten ausgerichtet ist. Sei es das neue Smartphone, neue Fernsehtechnologie oder ein neues Auto-Feature, natürlich verspricht sich die Forschung von diesen Errungenschaften auch massig Einnahmen, aber hilft uns das wirklich? Dem Fortschritt kommt jedes Geld und jede Forschungseinrichtung zugute und die Neugierde des Menschen muss nun einmal befriedigt werden, aber Forschungsrichtungen, die Leben retten und Menschen helfen, finden kaum genug Beachtung und werden auch nicht mit den großen Geldern bedacht, auch, wenn es natürlich Ausnahmen gibt.

Die Frage, was Wissenschaft kosten darf, kann abschließend nicht geklärt werden, vor allem nicht, wenn man Teil einer Gesellschaft ist, die für einen Science Fiction Film 2,78 Milliarden Dollar zahlt. So hoch war das Einspielergebnis des Blockbusters „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ von James Cameron.

Allerdings sollte man, und damit sind vor allem Stellen gemeint, die Gelder verteilen, sich selbst fragen, ob die ein oder andere Richtung nicht irreführend ist und man sich zu sehr von utopischen Vorstellungen blenden lässt, und ob es nicht sinnvoller ist, in die gesamte Menschheit zu investieren, als in die Bequemlichkeit weniger.

 

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Quellen:
http://www.handwerksblatt.de/Handwerk/Mittelstand/Betrieb/12377.html
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/eu-flaggschiff-initiative-forscher-erhalten-milliardenfoerderung-a-880003.html
http://www.zeit.de/wissen/2013-01/DNA-Datenspeicher
http://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Science_Laboratory
http://www.ted.com/talks/lang/de/josh_silver_demos_adjustable_liquid_filled_eyeglasses.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Avatar_%28Film%29

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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