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Die Public Climate School – Vom Hochschulstreik zum Verein Klimabildung e.V.

Wandel fängt mit Bildung an. Doch reicht Wissen noch aus, wenn wir doch schon so viel über den Klimawandel wissen?
| Anna Fiesinger |

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Students for Future Germany

„Wandel fängt mit Bildung an“ – die Public Climate School ist Klimabildung für alle. Eine Woche lang werden Universitäten zu Orten der Klimabildung, der Wissensvermittlung und Handlungsfähigkeit. Doch reicht Wissen noch aus, wo wir doch schon so viel Wissen über den Klimawandel und seine Folgen besitzen? Ein kleiner Exkurs in die Entstehung der Public Climate School und wohin sie – meiner Meinung nach – führen sollte.

Die Public Climate School

Oktober 2019. Eines der ersten großen Plena der Hochschulgruppe Fridays for Future der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel findet statt. Noch wissen wir nicht, was uns in den kommenden Wochen erwarten wird. Einige Wochen zuvor hatten mehrere Hochschulgruppen in ganz Deutschland – die Students for Future – einen einwöchigen Hochschulstreik ausgerufen. Dieser sollte unter dem Motto „Public Climate School“ stehen. Das Ziel der Public Climate School, kurz PCS, war eine „Hochschule für Alle“, ein Ort, wo Vorlesungen, Workshops und Seminare rund ums Klima abgehalten wurden. Dies verbanden einigen Ortsgruppen der Students for Future mit Vollversammlungen an den jeweiligen Universitäten, um Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf die Agenda der Unis und Hochschulen zu bringen. Eine studentische Vollversammlung ist das höchste Organ einer Studierendenschaft jeder Hochschule oder Universität. Um beschlussfähig zu sein, muss während einer Vollversammlung ein bestimmter Prozentsatz der Studierendenschaft anwesend sein. Dann können dort Beschlüsse gefasst werden, die von anderen Gremien der Studierendenvertretung eingehalten werden müssen.

Einige Ortsgruppen waren schon deutlich weiter vorangeschritten als unsere Kieler Gruppe in ihrer Planung der Public Climate School. In mehreren Städten hatten Universitäten Vollversammlungen angemeldet, Menschen hatten an ihren Hochschulen Flyer verteilt, um andere dazu zu animieren, eine Woche im November ihre jeweilige Universität oder Fachhochschule zu bestreiken. In Kiel waren wir erst im Oktober zum ersten Plenum zusammengekommen, um darüber zu diskutieren, ob wir innerhalb von wenigen Wochen solch eine Veranstaltung auf die Beine stellen konnten. Es gab viele Stimmen – darunter meine – die sagten, das wäre absolut unrealistisch. Doch es gab auch Menschen, die der Überzeugung waren, dass wir es schaffen könnten. Die sich vorstellen konnten, was alles möglich war, wenn man nur eine Gruppe mobilisieren konnte, die groß genug war und die ihre Aufgaben gut unter sich verteilen konnte. Diese Stimmen siegten und so packten wir es an. Drei verrückte Wochen später hatten wir es geschafft, dutzende Lehrende davon zu überzeugen, ihre regulären Vorlesungen mit Klimathemen zu füllen oder ihre Veranstaltungen, die sich bereits mit dem Klimawandel beschäftigten, für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir arbeiteten ununterbrochen, konzipierten Plakate, organisierten Räume für Veranstaltungen, schrieben unzählige E-Mails, verteilten Flyer, gingen in Vorlesungen, um Menschen zu mobilisieren und, und, und… Wir organisierten einen Poetry Slam mit Klimamotto, eine Kleidertauschbörse, verschiedene Workshops zum nachhaltigen Leben. Ich persönlich war damals dafür zuständig, einen Stundenplan auf die Beine zu stellen, wann was wo stattfinden würde. Das erforderte Unmengen an Koordination zwischen Lehrenden, Studierenden, anderen Hochschulgruppen, die Programm anbieten wollten sowie der Raumplanung der Universität. Ich dachte mehrfach, dass wir es nicht schaffen würden. Am Ende klappte dann irgendwie doch alles. Oft denke ich zurück an diese Zeit, denn was wir da an Energie gebündelt hatten, war enorm. Wenn wir diese Energie heute verwenden könnten, um gemeinsam an einer lebenswerten Welt für alle arbeiten zu können, wären wir schon ein kleines Stück weiter im Kampf gegen die Klimakrise.

Klimastreiks in der Coronakrise

Ebenso wie die Massendemonstrationen von Fridays for Future, die 2019 einen Höhepunkt mit 1,4 Millionen Menschen in ganz Deutschland beim dritten Globalen Klimastreik erreichten, in 2020 dann einen Dämpfer erteilt bekamen, mussten auch wir uns überlegen, wie wir im Zuge der nächsten geplanten PCS mit der Coronakrise umgehen wollten. Nach vielen langen Online-Plena war irgendwann das digitale Bildungsangebot geboren: die PCS 2.0. Wir versuchten unser Bestes, aus dem ersten Lockdown Anfang 2020 das meiste herauszuholen. Wir schufen einen Youtube-Kanal, auf dem die gesamte Woche die Public Climate School im Livestream zu sehen war. Wir luden Expert:innen ein, gaben Online-Workshops, versuchten einigermaßen prominente Gesichter für uns zu gewinnen. Wir arbeiteten Tag und Nacht, designten Sharepics für Social Media, nahmen Werbevideos auf, versuchten über Nacht unseren Instagramkanal @studentsforfuture_germany zu boosten. Die Woche der PCS 2.0 nahte, die Schichtpläne füllten sich. Um den Livestream durchgängig laufen zu lassen, mussten immer mehrere Menschen in einer Schicht moderieren, die Übergänge schalten und alles koordinieren. Ich arbeitete in dieser Woche non-stop. Zumal ich nebenbei noch meine Masterarbeit schrieb. Der Livestream kam gut an, doch für das nächste Semester – die PCS 3.0 – wollten wir die Reichweite der deutschen Fridays for Future-Bewegung nutzen. Wir verlegten den Livestream also auf den Youtube-Kanal von Fridays for Future Deutschland, der deutlich mehr Abonnent:innen zählte als unserer. In diesem Semester kam noch eine Neuerung dazu, die sich gut in unser Programm eingliederte: das Schulprogramm. Die Vormittage des Livestreams wurden zu einem designierten Block für Schulklassen, in welchem diese in geleiteten Einheiten Themen wie Klimagerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Politik bearbeiten. Das Schulprogramm orientiert sich an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) und den Prinzipien Erkennen, Bewerten, Handeln.

„Das Schulprogramm wurde erarbeitet, um Schüler:innen für die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen im Hinblick auf die Klimakrise zu sensibilisieren und eine weitere Auseinandersetzung mit der Thematik anzustoßen.“

Organisationsteam des Schulprogrammes der PCS

Nun bestand die Public Climate School also aus einer Ansammlung aus lokalen und bundesweiten Veranstaltung, die kreative sowie inhaltliche Einheiten bündelte. Vormittags das Schulprogramm, nachmittags das Uni-Programm mit Workshops, Vorlesungen, und Seminaren und abends kamen etwas unterhaltsamere Einheiten dazu wie etwa Klimanews im Klima-TV, Podiumsdiskussionen oder Poetry Slams. Auch die vierte PCS – im Mai 2021 – verlief ähnlich der vorherigen mit stetig wachsendem Interesse der Öffentlichkeit und Menschen, die den Livestream verfolgten. Einige Organisator:innen der PCS nahmen die ausgeprägte Beteiligung am Programm als Anlass dafür, eine Studie zu veröffentlichen, in der sie evaluierten, inwiefern das Klimabewusstsein sowie klimabewusstes Handeln in Schüler:innen durch ihre Teilnahme an der Public Climate School im November 2021 verstärkt wurde. So erhofften sich die Autor:innen, dass in folgenden Studien schulbasierte Programme wie die PCS weiter auf ihre Wirksamkeit untersucht werden können. Weiterhin strukturierte sich die Organisation der PCS im Laufe der letzten Jahre so um, dass aus ihr heraus der Verein für Klimabildung e.V. gegründet wurde, der sich zum Ziel gemacht hat, sich „kreativ, handlungsorientiert und wertschätzend für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Klimagerechtigkeit und Nachhaltigkeit einzusetzen„. Der Verein Klimabildung e.V. arbeitet aktiv durch Projekte in den Feldern Klimabildung, Forschung und Politik an einem Wandel des Bildungssystems. In diesem Jahr ist die kommende Public Climate School im November die erste bundesweite Veranstaltung seit der PCS im Mai 2022. Der Verein für Klimabildung e.V. hatte sich im Laufe des Jahres zunächst um andere Projekte gekümmert wie die ClimateCON an der Universität Mainz im Juni dieses Jahres. Nun kehren sie mit der vollen Bandbreite bundesweiter Aktionen sowie dem bundesweiten Livestream zurück. Zeit also für ein Fazit.

Fünf Jahre Fridays for Future – was lernen wir daraus?

Die globale Bewegung Fridays for Future gibt es seit diesem Sommer fünf Jahre. Die Bilanz sieht allerdings eher schlecht aus. Während Fridays for Future International es geschafft haben, sich in indigene, in schwarze, in queere Kämpfe mit einzureihen, schafft Fridays for Future in Deutschland es gerade mal, mit einem prominenten Gesicht in Talkshows immer wieder die gleichen Appelle zu wiederholen: Liebe Politik, macht doch bitte etwas. Was aber, wenn lieb gemeinte Appelle in Form von Massendemonstrationen, die mittlerweile zum guten Stadtbild dazugehören, nicht ausreichen? Wenn davor zurückgescheut wird, den Elefanten im Raum beim Namen zu nennen? Der Elefant ist, wie immer, das System. Mit Slogans wie System Change Not Climate Change gehen seit Jahren Millionen von Menschen auf die Straße, aber kapitalismuskritische Analysen werden in der Bewegung eher an den Rand gedrängt. Die Students for Future stehen in diesen Punkten ihrer „Mutterbewegung“ in nichts nach. Die PCS schafft es zwar, intersektionale Ungerechtigkeiten zu benennen und die Bühne zu öffnen für (mehrfach) marginalisierte Menschen. Dennoch bleibt die Repräsentation innerhalb der Bewegung gering, weshalb die Auseinandersetzung mit dem eigenen internalisierten Rassismus etwas auf der Strecke bleibt und Narrative der deutschen Politik – seien sie doch auch voll von Rassismen und Hetzkampagnen gegen die wenigen nicht-weißen Stimmen innerhalb der Bewegung – unhinterfragt unterstützt werden. Die Medizinerin und Klimagerechtigkeitsaktivistin Lakshmi Thevasagayam schreibt in einem Artikel in der Zeitung nd:

„Fridays For Future konnte nur so groß werden, weil sie aus weißem Privileg geboren wurde. Weil die Medien das Leid weißer Menschen interessanter finden als das von nicht-weißen Menschen. Weil weiße Menschen plötzlich Angst haben um ihre Zukunft.“

Lakshmi Thevasagayam, nd, 23.08.2023

Gerade jetzt, wo die Schwere der Klimakrise auch in westlichen Ländern angekommen ist, können gut platzierte Aktionen wie die Public Climate School informieren und zum Denken anregen. Den Fokus in Teile der Welt lenken, die stärker betroffen sind als wir. Im besten Fall kann all die Energie, die wir alle bei diesem ersten Plenum vor vier Jahren gespürt haben, dazu anregen, direkt aktiv zu werden. Im Kollektiv für das große Ganze zu kämpfen – das große Ganze meint selbstverständlich der Umsturz des Kapitalismus, des Patriarchats und des Kolonialismus. Und ja, damit meine ich auch Palästina. Aber dafür braucht es weniger Appelle an Politik und mehr Community. Mehr Fokus auf das Kollektiv als auf den deutschen Staat. Das kapitalistische System, in dem wir heute leben, hat den Klimawandel erst möglich gemacht. Das System nun also zu nutzen, um gegen den Klimawandel zu kämpfen, erscheint irgendwie zynisch. Sollte dann nicht all unsere Kraft und Energie gebündelt werden, das System von Grund auf zu verändern? Das ist natürlich ein großes Unterfangen, aber mit kleinen Schritten kann es schon heute losgehen und kleine Aktionen können in größere münden, die eine Kaskade an Ereignissen nach sich ziehen, die wir uns heute bisher nur erträumen können. Alles ist möglich, wenn wir uns organisieren und unsere Mittel für uns zu nutzen wissen. Hochschulen sind Orte des Wissens, Orte gesellschaftlicher Potenz. Laut Statistischem Bundesamt studierten im Wintersemester 2021/2022 rund 2,9 Millionen Menschen an deutschen Hochschulen. Wenn wir nun die Dozent:innen, Professor:innen und (wissenschaftlichen) Mitarbeiter:innen dazuzählen, kommen wir auf eine ziemlich große, einschlägige Zahl. Stellen wir uns einfach mal vor, diese Kraft könnten wir bündeln, in Generalstreiks im ganzen Land, in der Niederlegung unserer Arbeit, in der Versammlung der gesamten Studierendenschaft, in Protesten und Demonstrationen. Die Geschichte hat uns gezeigt, welch effektives Mittel der Streik ist, wie Forderungen erzielt werden können durch den Druck von unten nach oben. Im Kampf um Klimagerechtigkeit braucht es uns an jeder Front. Bildung, Wissensvermittlung und Handlungsoptionen aufzeigen sind wichtige Mittel in der Ermächtigung unseres Selbst und unserer Sache. Ein Hochschulstreik mit konkreten Forderungen nach Kompensationszahlungen für Länder im Globalen Süden, die bereits heute vom Klimawandel betroffen sind, mit Forderungen nach Klimaräten oder Klimabildung an Universitäten, Schulen und Hochschulen, kann uns konkret nach vorne bringen in diesem Kampf. In meiner Vorstellung haben wir genug Kraft für beides.

Die nächste Public Climate School findet vom 20. bis 24.11.2023 in vielen Städten vor Ort sowie online im Livestream statt. Mehr Informationen findet ihr unter https://publicclimateschool.de/.

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Anna Fiesinger

Anna ist angehende Meeresbiologin. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, ob bestimmte Gene dafür verantwortlich sind, dass die Korallen im Persischen Golf so hitzebeständig sind, dass sie Temperaturen aushalten können, von denen ihre Geschwisterarten am Great Barrier Reef in Australien nur träumen können. Zu einem guten Leben gehören ihrer Meinung nach viel Kaffee, Gin und Kuchen. Und eine (ziemlich große) Prise Gesellschaftskritik.

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