Bildung und Karriere / Studium

“You Want Fries with that?” – Ein Einblick in den Master der British, American- and Postcolonial Studies.

Die Sinnfrage Das Setting: Eine WG – Feier.  Die Charaktere: Studentin A (Architektur), Studentin B (Wirtschaftspsychologie), Student C (meine Wenigkeit […]
| Max Klas |

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unbekannt

Die Sinnfrage

Das Setting: Eine WG – Feier.  Die Charaktere: Studentin A (Architektur), Studentin B (Wirtschaftspsychologie), Student C (meine Wenigkeit – British, American and Postcolonial Studies, kurz BAPS).

Die Handlung: Eine hitzige Debatte zwischen A und B, da A den Sinn eines Studiums der Wirtschaftspsychologie anzweifelt. Die Unterhaltung endet ohne wirkliche Auflösung und A verlässt den Tisch.  B: “Wie kann man das denn nicht verstehen?” C: “Ich glaub’, viele Leute haben ein Problem damit es nachzuvollziehen, wenn Leute Studiengänge abseits der Bekannten oder Beliebten studieren. Fehlt vielleicht nur die Perspektive, ich …” B: “Ja aber das einfach nich’ schnallen zu wollen; das nervt sowas von. Was studierst du eigentlich? C: “Ich studier’ im Master of Arts British, American und Post-Colonial Studies, also mehr oder weniger Anglisti…” B: “Hä, was soll das denn?”

Die meisten Geisteswissenschaftler*innen kennen diese oder ähnliche Varianten solcher Gespräche. In einer mehr und mehr hyper-kompetitiven Ellenbogengesellschaft wirkt es – verständlicherweise – oft befremdlich, wenn man sich einen vermeintlichen Nachteil für die Zukunft verschafft, indem man ein eher esoterisches Studium verfolgt. Mit Perspektiven vom Professor bis zum belesenen Barista sind die Ergebnisse des Studiums fürs spätere Leben breit gesät. Es wäre also unfair, B hier mangelnde Selbstreflexion vorzuwerfen. Die Frage ist durchaus berechtigt – und schwer zu beantworten. Was es “soll” wird immer vom einzelnen abhängen, was es “ist” aber lässt sich etwas sicherer angehen. Ich will dabei keine Allgemeingültigkeit für die verschiedenen Master of Arts Varianten der Anglistik beanspruchen, aber gewisse Beobachtungen könnten sich auch auf andere Studiengänge übertragen lassen.

Der Zugang und Aufbau

Interessant sind Studiengänge wie der BAPS natürlich für Studierende, die sich schon während des Bachelorstudiums mit Anglistik befasst haben und sich nun tiefer damit auseinandersetzen wollen. Natürlich sind aber auch andere Studiengänge aus dem Bereich der Philologie, der Cultural and Media Studies oder Kommunikationswissenschaften zulässig. In diesem Fall muss man allerdings nachweisen können, dass das Studium sich mit anglophoner Kultur, Sprachen oder Literatur befasste. In den letzten Jahren wurde außerdem teilweise die Möglichkeit geboten, sich die Kurse auch für einen Master of Education anrechnen zu lassen, so dass man mit relativ gleichbleibendem Aufwand zwei Master auf einmal studieren kann. Der BAPS wirbt damit, die Studierenden auf Karrieren im akademischen, wie auch im nicht-akademischen Bereich vorzubereiten. Ein*e BAPS-Absolvent*in soll demnach eine Zukunft als Dozent*in, im Verlagswesen, in den Medien oder auch im kulturellen Bereich haben – was vermutlich die direkteste Antwort auf die Frage, was dieses Studium soll, darstellt.

An Ronjas Einblick in das Studium der Anglistik anknüpfend kann man auch hier sagen: Ja, es ist alles auf Englisch. Das führt aber auch dazu, dass im Vergleich zum Bachelor hier allerdings zur Bewerbung ein Sprachnachweis gefordert wird, sofern man nicht aus einem englischsprachigen Land kommt. Nein, ein  Bachelor auf Englisch reicht nicht und nein, das ergibt nicht wirklich Sinn. Man ist also gezwungen, über 200 Euro für einen der renommierten Tests auszugeben, die vom Lernaufwand und Aufbau an eine schriftliche Führerscheinprüfung mit Essayfragen erinnern. Dies ist zwar nicht wirklich schwierig, aber leicht frustrierend. 

Sind die Kriterien erfüllt, bietet das BAPS Programm Studierenden die Möglichkeit, ihre Interessen aus dem Grundstudium im ersten Semester in den Modulen zu Literature and Cultural Studies, Linguistics und Book Studies zu vertiefen oder zu erweitern. Dazu werden zu jedem der drei Felder ein Seminar samt Übung angeboten. Das darin gesammelte Wissen wird ähnlich wie im Grundstudium in einer gesammelten Modulabschlussprüfung abgefragt – was auch die einzige richtige Klausur im Studium darstellt. Das Studium ist bewusst anfänglich breit aufgestellt und soll die Studierenden dazu anregen, sich interdisziplinär zu entfalten und ihre Forschung durch Einflüsse aus den verschiedensten Bereichen zu erweitern.

An dieser Stelle ist für mich persönlich aber auch einer der größeren Reibungspunkte zwischen der Konzeption des Studiengangs und der einleitenden Aussage, dass der “Sinn” dieses Studiums immer vom Studierendem selbst abhinge. Eine Person, die sich in einem geisteswissentschaftlichen Master einschreibt, hat im Zweifelsfall im Grundstudium ein Thema gefunden, dass sie soweit inspiriert und interessiert hat, dass sie sich für zwei weitere Jahre diesem Studium widmen will. Die anfängliche verpflichtende Auffächerung in andere Themenbereiche kann für Unentschlossene sicher hilfreich sein, für die, die aber mit einer gewissen Planung in das Studium gehen, bedeutet dies oft die Wiederholung oder Sichtung von Material, mit dem man eigentlich abgeschlossen hatte. Dies soll nicht bedeuten, dass diese Aufteilung nicht im Einzelfall Sinn ergeben kann, in meinem Fall aber war es etwas frustrierend, eine erneute Einführung in Linguistik durchzukauen – ein Wiedersehen mit einem alten Freund aus dem Bachelor. 

Das Folgesemester erlaubt es den Studierenden dann aber wieder, sich in einem der Bereiche zu spezialisieren. Mich beispielsweise interessierten besonders Amerikanistik, insbesondere African-American Studies im Bereich der Literature and Cultural Studies. Ein beeindruckendes Seminar im Bachelor hatte damals das Interesse geweckt und gerade Filme und Literatur, die sich mit Sklaverei und Polizeigewalt und den Folgen dieser gewaltsamen Geschichte und Gegenwart auseinandersetzten, faszinierten mich und tun dies auch immer noch. Da ich Glück hatte, konnte ich sogar zwei Seminare wählen, welche sich direkt mit diesen Themenbereichen auseinandersetzen. “Glück” ist hier bewusst gewählt: Da British, American und Postcolonial Studies als Oberbegriffe gefühlt Kulturen des halben Globus abdecken, sind natürlich auch viele verschiedene Forschungsinteressen unter den Studierenden zu erwarten. Selbst bei einer so großen Universität wie der WWU kann es dabei folglich leider vorkommen, dass man in der Seminar- und Vorlesungsliste nur Nieten zieht und das eigene Spezialgebiet nicht vertreten ist. Dies hat zwar den Vorteil, dass man den eigenen intellektuellen Horizont erweitern kann und auch muss, bringt einen aber gerade mit Blick auf die Masterarbeit etwas in die Bredouille, wenn man in der eigenen Forschung nicht weiter kommt. Der Master ist insgesamt auf vier Semester ausgerichtet (an dieser Stelle Grüße aus dem fünften). Da dies auf kurz oder lang in einem Semester passieren wird, sollte man sich darauf einstellen, die eigenen Interessen notfalls im Selbststudium zu verfolgen. 

Und selbst wenn das eigene Steckenpferd nicht vertreten ist, finden sich unter den Seminaren oft Einblicke in spannende Themen wie beispielsweise zur Verarbeitung des Brexits in der Literatur, die Geschichte und Ideologie des Westerns oder zur Politik und dem Sinn von Buchpreisen. Es ist vielleicht nicht per se für jeden was dabei, aber es ist bestimmt für jeden was zu finden. 

Das dritte Semester ist vom Aufbau etwas ungewöhnlich, da man mit Ausnahme eines Kolloquiums keine Seminare oder Vorlesungen des Englischen Seminars besucht. Stattdessen besucht man in einem External Module Veranstaltungen der anderen Fakultäten und kann so interdisziplinär arbeiten und sich Einblicke aus Bereichen wie Geschichte, Soziologie oder Kommunikationswissenschaften holen. Dabei fragt man bei den jeweiligen Dozierenden an, ob man am Seminar teilnehmen darf und macht – bei Zusage – eine Prüfungs- oder Studienleistung aus. Dabei wird einem freie Hand gelassen, aus wie vielen Seminaren man sich im Endeffekt die erforderlichen Punkte holt, und das Semester entfaltet sich dementsprechend flexibel. Die meisten Professor*innen waren dabei sehr offen und entgegenkommend. Ich kann diesen interdisziplinären Exkurs nur empfehlen, der für mich einen der Hochpunkte des Studiums darstellt. Oft zeigen sich bei komplett unterschiedlichen Sachverhalten Ähnlichkeiten in der möglichen Herangehensweise und die eigene Perspektive wird ein wenig entrückt und neu kalibriert. Das eigene analytische Denken als praktisches Werkzeug erhält hier neue Funktionen  – oder in den alten wiederum neue Facetten. So haben beispielsweise Denkanstöße und theoretische Hintergründe aus einem Seminar zur zeitgenössischen Holocaustliteratur direkten Einfluss auf meine eigene Masterarbeit zu Polizei- und Gefängnisgewalt im Afro-Amerikanischen Film genommen und diese maßgeblich geformt. 

Die Masterarbeit

Die Masterarbeit stellt den Großteil des vierten und letzten Semesters dar und wird in einem Kolloquium begleitet. Dies kann man als Erweiterung der Übung aus dem dritten verstehen, da in diesem die Studierenden die ersten Schritte zur Formulierung eines möglichen Masterarbeitsthemas machen und zu ihren Ideen Feedback bekommen können. Diese werden dann in der Folgeübung wieder aufgegriffen: Die Studierenden stellen ihr Thema als Work-in-Progress vor und können etwaige Probleme im Plenum diskutieren – oder beim Ausbleiben einer eigenen Idee sich Input für ein mögliches Thema holen. Inwieweit diese Übungen einem bei der Arbeit helfen, ist dabei etwas Glückssache, da man je nach Themenwahl so weit außerhalb der Expertise der Kommiliton*innen landen kann, dass diese einem nicht wirklich helfen können. Es entstehen aber auch sehr konstruktive Diskussionen, bei denen die Perspektive eines Außenstehenden die eigene Schreib- und Denkblockade lösen kann. Alleine schon die Formulierung des eigenen Ansatzes für Leute, die sich noch nicht mit dieser Materie befasst haben, kann einem mögliche Lücken in der Fragestellung oder Herangehensweise aufzeigen. 

Was dabei herauskommt ist dann das Ergebnis von Arbeit und Grübelei im Kollektiv oder im Einzelgang. Oft vermutlich eine Kombination aus beidem. Es stellt sich die Frage, wo man sich Impulse sucht – oder diese auch ausschlägt. Wie bereit bereit ist man, sich selbst in Themen einzuarbeiten deren Zweck und Verständlichkeit für andere oft nicht nachvollziehbar sein werden? Sollte ich meinen Freunden das Thema einer jeweiligen Hausarbeit erklären, konnte es einem selbst so vorkommen als würde man eine tote Sprache schlecht übersetzen. Andere Male springt einem der Bezug zum Zeitgeschehen geradezu entgegen: Kurz nachdem ich meine Masterarbeits-Recherche zu Polizeigewalt und Gefängnissen begann, wurde George Floyd in Minneapolis ermordet. Forscher, deren Werke man verstaubt aus den Universitätsregalen ziehen konnte, wurden plötzlich in Tageszeitungen zitiert und meine Eltern fragten mich nach Einzelheiten zur Geschichte der Polizei und Sklaverei beim Abendessen. “Was soll das denn?” Wer kann das im Vorfeld schon wissen.

Fazit: Was soll’s denn nun?

Der BAPS – wie viele andere Studiengänge in den Geisteswissenschaften – ist vom Thema so offen gehalten, dass er vielen Themen und Menschen Zuflucht gewährt, deren Sinn und Interessen oft von normalen Fächern nicht bedient werden können. Das ist keine Abwertung gegenüber den Betriebs-, Rechts- oder Naturwissenschaften und erst recht keine implizite Aufwertung der Geisteswissenschaften. Sie erfüllen vielleicht nur andere Funktionen. Ich kann zum Ende meines Studiums sagen, dass ich über Dinge, über die ich mehr wissen wollte, mehr gelernt habe und noch ein paar Themen als Bonus oben drauf bekommen habe. Ob mir dies nun eine glorreiche Tweedjacken-Zukunft an der Universität ermöglicht oder ich euch in den kommenden Monaten die Fritten durch das Fenster reiche, bleibt dabei offen. Der Sinn und Zweck dieses Studiums – als eine vertretbare oder vernünftige Zukunftsentscheidung- wird sich in letzter Instanz von mir noch nicht klar feststellen lassen. Ein geisteswissenschaftliches Studium ist zum größten Teil das, was man daraus macht. Die Hoffnung bleibt, dass sich dies auch in der Zeit nach dem Studium bewahrheitet. 

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