Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry)

Im neuen "Tatsächlich gelesen" ergründet Sandra den Mythos um einen zeitlosen, internationalen Klassiker.
| Sandra Hein |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Sandra Hein | seitenwaelzer.de

Ich muss gestehen: Trotz meiner Frankophilie und des unschlagbaren Ruhmes als der französische Kinderbuchklassiker habe ich das Buch vom „Petit Prince“ (dt. „Der kleine Prinz“) bislang nie gelesen. Es brauchte zum einen seine Zeit, bis ich mich an die originalsprachliche Ausgabe heranwagte – zum anderen viel Muße, in diese einzutauchen. In etlichen Anläufen kam ich nie über die ersten drei Seiten. Es mangelte an Vokabelkenntnis wie Motivation; das Buch ergriff mich trotz des allseitigen Lobes über seinen Inhalt überhaupt nicht. Diesen Monat packte mich nun mein Ehrgeiz. Irgendetwas muss es doch an sich haben, dass selbst Lesefaule das Buch in höchsten Tönen loben. Einen geglückten Anlauf später kann ich nun sagen: Lest selbst!

Klassiker der besonderen Art

Wenn ich ehrlich bin: „Der kleine Prinz“ ist kein Paradebeispiel für ein „Tatsächlich gelesen“-Werk, denn hierbei handelt es sich im Gegensatz zu sonstigen Klassikern um einen wirklich gern gelesenen. Er spricht nicht nur Jüngere im deutschen Französischunterricht immer wieder aufs Neue an, sondern fasziniert Menschen jeglichen Alters. Scheinbar nie lesende Verwandte schwärmten plötzlich zu meinem Verblüffen, als ich von meinem momentanen Lese-Projekt erzählte. Und ich bemerkte: Kaum ein anderes Buch verbindet so persönlich-emotional wie dieses.

„Der kleine Prinz“ traf bereits kurz nach seinem Erscheinen im Jahre 1943 ins Herz der Leute und ist seitdem aus gut bestückten Bücherregalen überall auf der Welt nicht wegzudenken: Es wurde in 618 Sprachen und Dialekte übersetzt und soll, nach der Bibel, das häufigste übersetzte Werk der Welt sein. Es ist meiner Ansicht nach sehr selten, dass ein Buch wahrhaftig internationales Interesse hervorruft: Meist werden vor allem westliche „Klassikerautoren“ zwar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet; bis an die entlegensten Orte gelangen jedoch nur die wenigsten Namen und ihre Werke. Ob auf Leinentaschen, Magneten, T-Shirts und Kaffeetassen: Zumindest an der Bebilderung des Buches, den vom Autor selbst angefertigten Zeichnungen, kommt man kaum vorbei.

Sandra Hein | seitenwaelzer.de Der kleine Prinz und sein Freund, der Fuchs: Sie sind aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr wegzudenken.

Ein Buch für Kinder oder Poesie für alle?

Das Buch liest sich mit guten, aber nicht übermäßigen Französischkenntnissen doch sehr flüssig. Natürlich ist es in älterem Französisch verfasst; das heißt, in die Jahre gekommene Wörter muss man nachschlagen. Der Grundwortschatz ist jedoch recht einfach gehalten, weil sich das Buch in erster Linie an ein junges Publikum wendet. Schwierig macht es einem nur die Verb-Tempora, denn das Werk ist im passé simple geschrieben worden, einer dem Französischen eigenen Zeitform, die nur in historischen Texten Verwendung findet und selbst von Franzosen gelernt sein will. Da das Werk nicht wegen seiner sprachlichen Gestaltung besonders auffällt, sondern vielmehr durch seinen Inhalt glänzt, ist es meines Erachtens vollkommen gleich, ob es im Original gelesen oder übersetzt wird.

Saint-Exupéry hat ein modernes, zeitloses Märchen geschaffen, das, wie er selbst schreibt, Kindern gewidmet und für diese geschrieben ist – sich aber, so mein persönlicher Eindruck, von seiner Erzählweise eher an ein erwachseneres Publikum richtet. Ich wage zu behaupten, dass die Dialoge für Kinder einfach nicht verständlich sind.

Où sont les hommes? reprit enfin le petit prince. On est un peu seul dans le désert… On est seul aussi chez les hommes, dit le serpent. Le petit prince le regadera longtemps: Tu es une drôle de bête, lui dit-il enfin, mince comme un doigt… Mais je suis pluis puissant que le dougt d’un roi, dit le serpent.

„Wo sind die Menschen?“, fragte der kleine Prinz schließlich. „In der Wüste ist man ein bisschen einsam…“ „Auch bei den Menschen ist man einsam“, sagte die Schlange. Der kleine Prinz sah sie lange an: „Du bist ein seltsames Tier“, sagte er schließlich, „dünn wie ein Finger…“ „Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs“, sagte die Schlange.

Antoine de Saint-Exupéry: Le petit prince, Éditions Klett, Stuttgart 2025, S. 61

Die Handlung – Quintessenz französischer Philosophie

Die Rahmenhandlung begleitet einen namenlosen, bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste gestrandeten Piloten dabei, das größte Abenteuer seines Lebens zu bewältigen: zu überleben. Dieser Ausnahmezustand liegt sehr nah an der realen Autobiografie Saint-Exupérys, der selbst als Pilot in seiner Maschine die Welt bereiste, in den Weltkriegen diente und in der Wüste notlandete. Während jener Erzähler versucht, ohne jeglichen Proviant und Wasser sein Flugzeug in Schuss zu bekommen, begegnet er einem kleinen Jungen. Die Schilderungen dieses „kleinen Prinzen“ über sein bisheriges Leben füllen den Kern des Buches. Das Frontispiz zeigt ihn je nach Ausgabe leicht variierend: Ein Kind, gekleidet in einen langen, grünen oder blauen Mantel, mit hellblondem Haar. Dieser „kleine Prinz“, so erfährt der Pilot, stammt vom Asteroiden B 612 und hatte sich einige Jahre zuvor auf eine Entdeckungsreise zu seinen Nachbarplaneten, darunter die Erde, gemacht.

So erzählt der Prinz dem Piloten – vielleicht um ihm die Notsituation angenehmer zu machen – von seiner Heimat, seiner großen Liebe – einer Rose, die nur auf seinem Planeten wächst – und von Begegnungen mit kuriosen, paradox agierenden Tieren und Menschen. Wir treffen in diesen Erzählungen unter anderem auf einen absolutistischen König, der gleichzeitig das Gesetz darstellen und sich nicht über andere erheben möchte, und auf einen eitlen Mann, der selbst gar nicht weiß, warum er so begehrenswert sein soll. Man erlebt einen Säufer, der trinkt, um die Schande über sein Trinkverhalten zu vergessen, einen Businessman, der die Sterne zählt, die er zu besitzen glaubt, oder einen Straßenlaternenanzünder, dessen einzige Lebensaufgabe im Anzünden der Laterne zu bestehen scheint und der dies trotz dieser Sisyphusaufgabe voller Elan jeden Tag aufs Neue tut. Gewitzt, schlau und reflektiert legt Saint-Exupéry den Lesenden sein Weltbild nahe: Er kritisiert subtil, mahnt verspielt und legt den Lesenden leise gelebte Menschlichkeit nahe.

Worin begründet sich der Hype um den Prinzen?

Auf Wikipedia findet man unzählige Versuche, diese kuriosen Menschen sinnbildlich zu deuten. Ich bin kläglich gescheitert, einen genauen Kern hinter der Nostalgie des kleinen Prinzen zu erkennen, und ich möchte mich auch nicht in die Reihe der Deutungen des Werkes eingliedern. Nur so viel: Es liest sich wie eine Suche des Autors nach sich selbst, einer Suche nach Kamerad- und Freundschaft, nach einem Sinn für das Erlebte – angesichts der Erfahrung Exupérys kaum verwunderlich. Aber es bleibt für mich immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Was bei mir persönlich bleibt, ist das Gefühl von Nachdenklichkeit. Das Buch verkörpert im Gegensatz zu Äsops Fabeln oder dem Zauberer von Oz kein einheitliches Bild von Moral. Es zeigt auch nicht die eine Lösung für Probleme auf und gibt keine generalisierenden Ratschläge: Es zeigt mehr ein „So lieber nicht“. Es ist, wie ich behaupte, ein typisch französisches Buch: Es steckt voller versteckter Hinweise. Hinweise, deren Sinn nur jede*r für sich beantworten und ergründen kann – sofern man einen „Sinn“ überhaupt suchen möchte. Pathetisch, melancholisch, surreal und stellenweise traurig endet die Reise des Prinzen wie die des Lesenden.

Die multimedial auftauchenden Zitate aus dem Buch, abgedruckt auf Postkarten und T-Shirts, sind im Kontext zwar verständlicher – bleiben aber auch ohne diesen knackige Aussagen, wie beispielsweise anderen mit Mitgefühl und Empathie zu begegnen.

Adieu, dit le renard. Voici mon secret. Il est très simple: on ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.

„Auf Wiedersehen“, sagte der Fuchs. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry: Le petit prince, Éditions Klett, Stuttgart 2025, S. 73

Typisch französisch

Wer also ein Interesse für französische Mentalität hegt, sollte sich auf jeden Fall an dieses bildgewaltige und doch in einfachen Worten verfasste Werk wenden. Diese melancholische und gleichzeitig lebensbejahende Erzählweise erinnert mich an weitere frankophone Klassiker: Genannt seien da der Roman „Oscar und die Dame in Rosa“ von Éric-Emmanuel Schmitt und Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet oder „Ziemlich beste Freunde“ von Olivier Nakache und Éric Toledano. Besonders französische Werke begeistern uns immer wieder aufs Neue damit, unser Mensch-Sein schonungslos ehrlich, mit einem Augenzwinkern und viel Liebe zu betrachten.

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Sandra Hein

Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…

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