Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Fabeln (Äsop)

Ob Äsop wirklich gelebt hat, bleibt bis heute unklar. Der Schatz an Fabeln, die unter seinem Namen gesammelt wurden, ist jedoch recht umfangreich.
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

unbekannt

Vermutlich Äsop, ca. 450 v. Chr.

Das neue Jahr beginne ich mit einem kleinen Special zu Literatur aus der Antike. Den Anfang macht eine Sammlung, für die wir wirklich weit zurückgehen müssen und deren Verfasser wir, ähnlich wie bei der Ilias und der Odyssee, nicht wirklich bestimmen können. Ob Äsop (mutmaßlich 6. Jhd. v. Chr.) wirklich gelebt hat, oder seine überlieferte Biografie nur fiktiv ist, bleibt bis heute unklar. Aber der Schatz an Fabeln, die unter seinem Namen gesammelt wurden, ist mit 244 Stück recht umfangreich.

Darum fällt die Zusammenfassung auch sehr kurz aus, denn die Fabeln sind so unterschiedlich, dass man sie nicht alle zufriedenstellend unter einen Hut bringen kann. Die meisten handeln von Tieren, die sinnbildlich für die Menschen handeln. Es geht um Neid, Missgunst, Stolz, Gier, Maßlosigkeit etc. Die meisten der Fabeln sind dabei sehr kurz, oft nur drei oder vier Sätze. Am Ende jeder dieser Geschichten steht eine Erklärung, wie sie zu deuten ist.

“Ein Krebs kam aus dem Meer auf den Strand und weidete dort allein. Eine Füchsin, die Hunger hatte, sah ihn. Da sie sonst nichts zu fressen hatte, lief sie auf ihn zu und packte ihn. Als er nun gefressen werden sollte, sagte er: ‘Aber das ist mir recht geschehen, weil ich, ein Meerestier, zum Landtier werden wollte.
Ebenso geraten Menschen, die ihre eigenen Angelegenheiten vernachlässigen und das versuchen, wovon sie nichts verstehen, zu Recht ins Unglück.”

Äsop: Der Krebs und die Füchsin

Die Fabelsammlung zu lesen kostet nicht viel Zeit, in meinem Fall gerade einmal einen Nachmittag. Ich hatte einige wenige von ihnen zwar schon in der Schule gelesen, aber jetzt betrachte ich sie noch einmal in einem ganz anderen Licht. Man merkt, dass Erwachsene die eigentliche Zielgruppe sein sollten und dass die Fabeln auch den Versuch darstellen, über ethisches Verhalten zu reflektieren. Was mir als heutigem Leser aber aufstieß, ist, dass die Figuren in den Fabeln für gewöhnlich sehr determiniert sind. Sie können nur selten aus der ihnen zugewiesenen Rolle ausbrechen und es wird seitens der Fabeln auch oft damit argumentiert, dass die Dinge schon gut so sind, wie sie sind. Andererseits merkt man, mal wieder, wie ähnlich das Wesen der Menschen vor 2500 Jahren unserem heutigen ist. Die Fabeln geben darüber Aufschluss, wie man damals auf die guten wie schlechten Charakterzüge geblickt hat.

“Ein Vogel fand Schlangeneier. Wärmte sie sorgfältig und wollte sie ausbrüten. Eine Schwalbe sah ihn und sagte: ‘Du Tor, wozu ziehst Du die Tiere auf, die, wenn sie groß sind, zuerst an Dir ihre Verbrechen verüben werden?
Ebenso lässt sich Bösartigkeit nicht zähmen, auch wenn man ihr alle Wohltaten erweist.

Äsop: Der Vogel und die Schwalbe

So manche Moral, die sich aus den Fabeln ergibt, ist jedoch derart zeitspezifisch, dass man heute kaum noch etwas mit ihr anfangen kann. Andere hingegen sind so tief mit unserem kulturellen Gedächtnis verwoben, dass wir sie vermutlich ohne Erkenntnisgewinn lesen. Für den, der nach dem Ursprung von Moralerziehung sucht, sind Äsops Fabeln zwar durchaus eine interessante Lektüre. Ob man sie aber öfter als ein- oder zweimal lesen wird, wage ich zu bezweifeln. Als Bettlektüre für Kinder eignen sich jedenfalls die wenigsten von ihnen.

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Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

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