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Albanien – Die Talentschmiede der modernen Weltstars

Rita Ora, Ava Max, Dua Lipa oder Bebe Rexha - alle diese weltweit erfolgreichen Pop-Größen haben ihre Wurzeln in einem kleinen Land in Südosteuropa.
| Deike Terhorst |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Nordalbanisches HochlandValter Zhara | Pexels

Albanien? Mal gehört, aber wo war das noch gleich? Womit wir beim Stichwort wären, denn ihr gehört schon zum illustren Kreis der Experten, wenn ihr dieses Land geografisch verorten könnt. Nach dem Zerfall einer sozialistischen Diktatur, die fast ein halbes Jahrhundert andauerte, hat der 2,8 Millionen Einwohner „starke“ Balkanstaat gegen Ende der 90er mit Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen für Furore gesorgt, ist danach aber weitestgehend in Vergessenheit geraten. Völlig zu Unrecht, denn neben atemberaubenden Landschaften, gutem Essen und sonnigem Wetter verfügt „Shqipёri“ noch über andere Exportschlager: Die derzeit erfolgreichsten Pop-Diven der Welt haben hier nämlich ihre Wurzeln.

Frauenpower aus Südosteuropa

Die Spitze des Eisbergs bilden dabei Rita Ora, Ava Max, Dua Lipa und Bebe Rexha. Inzwischen herrschen diese Ladys seit einem Jahrzehnt über die internationalen Charts und droppen einen Superhit nach dem anderen. Den Anfang machte Rita Ora mit „How Do We (Party)“ (2012), der direkt ein Nummer-1-Hit in den USA wurde. 2018 lieferte sie mit „For You“ den Titelsong für den dritten und (Gott sei Dank!) letzten Teil der „Fifty Shades“-Reihe. Es folgten weitere Dauerbrenner wie „Let You Love Me“ (2018) und „Follow Me“ (2021). Rita Ora führt außerdem erfolgreiche Werbeverträge mit Deichmann und Adidas und tritt als Jurorin in der Talentshow „The Voice“ auf.

Schon bald darauf trat mit Dua Lipa, deren Vorname übersetzt „[ich] liebe“ bedeutet und von ihrer Oma stammt, eine weitere Hit-Sensation auf den Plan. Einst Mitarbeiterin in einem Londoner Nachtclub, verbrachte die heute 26-jährige Sängerin mit der tiefen Stimme ihre Zeit nach Feierabend mit Songschreiben. Sie gelangte weltweit zum bislang größten Ruhm aller albanischstämmigen Sängerinnen; wie keine andere produziert sie Hits am laufenden Band. Hier nur die bekanntesten: “Be the One” (2015), “Hotter than Hell” (2016), „New Rules“ (2017), “One Kiss” (2018), „Don’t Start Now“ (2019), “Break My Heart” (2020), „Levitating“ (2020) und „Prisoner“ (2020), eine Zusammenarbeit mit dem einstigen Hannah Montana-Sternchen Miley Cyrus. Aktuell läuft der Song „Cold Heard“ im Radio rauf und runter, für den sie von niemand anderem als Sir Elton John höchstpersönlich rekrutiert wurde und der seinen Song „Rocketman“ von 1972 neu interpretiert.

Und auch Amanda Koci, besser bekannt als Ava Max, hat sich als feste Größe im internationalen Pop-Zirkus etabliert: Ein Album und die Megahits „Sweet But Psycho“ (2018), „So Am I“ (2019) „Kings & Queens“ (2020), „Everytime I Cry“ (2021) oder aktuell „The Motto“ und „Maybe You’re The Problem“ sind bislang erschienen. Kürzlich war die 28-Jährige außerdem an der Seite von Heidi Klum als GNTM-Gastjurorin zu sehen. Die Älteste im Bunde wäre dann noch Bebe Rexha. Die 32-Jährige, die zunächst als Songwriterin für Selena Gomez tätig war, belieferte die Musikwelt 2016 unter anderem mit Songs wie „Me, Myself and I“ und „In The Name of Love“. Im selben Jahr moderierte sie obendrein die MTV Europe Music Awards.

Die vier Künstlerinnen haben also das Ruder des zeitgemäßen Pop-Sounds in die Hand genommen. Diese Übernahme findet jedoch nicht in Albanien selbst statt, sondern in Großbritannien oder den USA. Dahinter steckt ein ganz einfacher Grund: Migration. Die meisten der neuen Superstars sind entweder in Albanien geboren und flohen als Kinder vor dem Bürgerkrieg ins Ausland, oder sie kamen überhaupt erst in der neuen Heimat zur Welt. Dua Lipa wurde in London als Tochter zweier Kosovaren geboren, die Kolleginnen Ava Max und Bebe Rexha erblickten in Milwaukee und Brooklyn das Licht der Welt. Einzig Rita Ora verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens in der kosovarischen Hauptstadt Priština, ehe die Eltern mit ihr nach London auswanderten.

Das musikalische Geheimrezept

In der Musik der Künstlerinnen vermischen sich diese verschiedenen Einflüsse auf einzigartige Weise. Zwar erfüllen all ihre Songs die Vorgaben weltweiter Radiotauglichkeit, die zuständigen Musikproduzenten sind aber gewieft genug, aus ihren Schützlingen auch musikalisch ein Stück Südosteuropa herauszuquetschen. Denn in Albanien gliedert sich die traditionelle Volksmusik in zwei Pole: Im Süden ist iso-polyphone Musik typisch, eine Tradition, die es sogar bis ins UNESCO-Weltkulturerbe geschafft hat. Einflüsse der türkischen Musik aus der Zeit des Osmanischen Reiches sind hier prägend gewesen. Im Norden hingegen sind homophone Musik mit epischen Liedern besonders beliebt, und wer beispielsweise Ava Max‘ „Kings & Queens“ genauer hört, vermag hierin Spuren dieser nördlichen Tradition zu erkennen. Die Musik ist von einer Ernsthaftigkeit erfüllt, die manchmal beinahe melancholisch wirkt. Sie muss also nicht um jeden Preis fröhlich sein, ganz anders als das, was uns hierzulande im Schlager-Mainstream geboten wird. Viele Stücke klingen mehr nach einem Wehklagen, angeführt von stimmlich äußerst herausfordernden Gesängen.

Diese Tradition in die Popwelt zu übersetzen, ist der Trumpf der albanischen Erfolgswelle in den Charts. Die Sängerinnen sprechen in ihren Texten jugendaffine Themen an, es geht um Beziehungen, um Social Media und die Probleme, die sich daraus ergeben. Manche Texte sind selbstkritisch, so stehen beispielsweise Selbsthass und Eifersucht auf der Agenda. Eine Welt, in der eben nicht alles nur glitzert.

Sweet Home Albania

Dafür sind die öffentlichen Auftritte von Dua Lipa, Ava Max und Co. umso glamouröser. Der Wettlauf um das Erbe von Madonna, Britney, Lady Gaga & Co. scheint eröffnet zu sein. In Albanien und im Kosovo platzt man jedenfalls vor Stolz. Und die Sängerinnen selbst? Identifizieren sich stark mit ihrer Herkunft. Dua Lipa wurde deshalb schon stark angefeindet, als sie auf Instagram eine Landkarte von „Groß-Albanien“ postete, die mit dem Satz „Warum der Kosovo niemals Serbien sein wird“ betitelt war. Und auch die in den USA geborene Ava Max bezeichnet sich in Interviews gerne als „hundertprozentige Albanerin“, die ihrer Heimat „etwas zurückgeben“ will. Als Botschafterinnen ihrer Kultur haben die Ladys also großen Erfolg. Es dürfte demnach in Zukunft immer schwieriger werden, Albanien als musikalisch unbedeutenden Fleck auf der Landkarte abzustempeln.

Wenn ihr zu den konsequenten Radioverweigerern gehört oder auch sonst keine Ahnung habt, wovon hier überhaupt die Rede war: Diese Spotify-Playlist kann hoffentlich Abhilfe schaffen. Hört doch vor, bei oder nach der Lektüre einmal rein.

Quellen

GREULING, Matthias: 100 Prozent Albanisch. Dua Lipa, Ava Max & Co: Junge Albanerinnen haben die Popszene fest in der Hand, Wiener Zeitung, 18.10.2020

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Deike Terhorst

ist im berüchtigten Emsland aufgewachsen, wo man sich Moore mit Spezi (emsl. für Cola-Korn) schön trinkt. Hatte irgendwann einen klaren Moment und ist fürs Geschichtsstudium in die große Stadt aka Münster gezogen. Digitaler Dinosaurier mit Instagram-Allergie. Powert sich gerne beim Tischtennis aus. Spricht Albanisch. Blutgruppe Pfefferminztee. Wäre ohne Terminplaner komplett lost (hab gehört, das sagt man jetzt so).

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