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Frieden oder Streit?

Seit fast einer Woche ist er wieder vorbei: Der 101. Katholikentag in Münster. Ebenso eine weitere Veranstaltung, die wohl weniger Aufsehen erregt hat: Der erste Ketzertag. Doch wofür stehen diese Veranstaltungen überhaupt? Und warum sollten gerade wir jungen Leute mitmachen?
| Hardy Monse |

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Hardy Monse

Seit fast einer Woche ist er wieder vorbei: Der 101. Katholikentag in Münster. Ebenso eine weitere Veranstaltung, die wohl weniger Aufsehen erregt hat: Der erste Ketzertag. Doch wofür stehen diese Veranstaltungen überhaupt? Und warum sollten gerade wir jungen Leute mitmachen?

Wer letzte Woche in der Münsteraner Innenstadt unterwegs war, konnte sie kaum übersehen: Die Besuchergruppen des Katholikentages, gut zu erkennen an ihren Bändchen und sonstigem Merchandise, erinnerten an ein typisches Festival. Auch wenn das Festivalalter bei vielen wohl schon lange zurückliegt, waren doch überraschend viele Leute unter dreißig dabei.

Überraschend, weil Religion heutzutage spürbar an Bedeutung verloren hat. Laut der Shell-Jugendstudie 2015 ist nur noch 33% der jungen Menschen der Glaube an Gott wichtig. Selbst unter den Katholiken sind es nur 39%. In meinem Bekanntenkreis gehen die Meisten nur zu Weihnachten in die Kirche, ein paar sind sogar ausgetreten.

Nicht so Viola und Katharina. Die 22 und 23 Jahre alten Studentinnen aus Süddeutschland sind extra nach Münster angereist, um den Katholikentag zu feiern. Dass der Altersdurchschnitt in Gottesdiensten oft die 65 überschreite, finden die beiden schade. Gerade deshalb sei der Katholikentag etwas für junge Leute, denn hier könne man sich vernetzen. Aber auch der Austausch mit Menschen, die nicht die gleichen Ansichten teilen, ist ihnen wichtig, sowohl mit anderen Christen, die vielleicht manches an der Kirche kritisieren, als auch mit Nicht-Christen, die sich einfach nur mit den Positionen der Kirche auseinandersetzen wollen. Denn es gehe beim Katholikentag ja gar nicht nur um die Kirche, sondern auch um gesellschaftliche Themen. „Wir sind ja nicht hier, um zu missionieren“, betont Viola lachend. Sie erlebt diese Vielfalt als etwas sehr Positives.

Aber was genau ist der Katholikentag eigentlich? Die alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindende Großveranstaltung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) soll Gläubigen verschiedener Konfessionen, Religionen und Herkünfte eine Möglichkeit bieten, „um gemeinsam zu beten, zu diskutieren und zu feiern“. Das Leitwort des Katholikentages 2018 lautet „Suche Frieden“ und steht für das Streben eines jeden Menschens nach Frieden. Das ZdK, welche als Laienorganisation die Katholiken vertritt, stimmt nicht immer mit den Positionen der Kirche überein, der Vorsitzende Thomas Sternberg fordert etwa Segnungen für homosexuelle Paare. Das Bistum der austragenden Stadt dient als Gastgeber, das Programm wird von Bistum und ZdK gemeinsam beschlossen. Finanziert wird der Katholikentag durch Bistümer, Eintrittskarten (Kosten für eine Dauerkarte: 15-87 Euro), Spenden, Merchandise sowie Stadt, Land und Bund.

Kurosch besucht den Katholikentag nicht. Der 29-Jährige bemängelt unter anderem, dass katholische Einrichtungen ihre MitarbeiterInnen nicht unabhängig von religiöser Herkunft einstellen würden. Das sei in seinen Augen verfassungswidrig. Auch Philipp, 28, hat so seine Probleme mit der Kirche, als er anfangen sollte, Kirchensteuern zu zahlen, trat er aus. Die beiden sind beim „Ketzertag“ dabei, der atheistischen Antwort auf den Katholikentag. Statt „Suche Frieden“ lautet die Devise hier „Suche Streit“. Im Gegensatz zum Katholikentag ist der Eintritt kostenlos, trotz fehlender staatlicher Subventionierung. Veranstaltet wird dieser von der Giordano-Bruno Stiftung und dem internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten. Der Münsteraner Ketzertag ist der erste seiner Art, aber hoffentlich nicht der letzte, erklärt Organisatorin Daniela Wakonigg. Ihr ist es wichtig, den Katholikentag nicht unwidersprochen zu lassen sowie kirchen- und religionskritischen Themen einen Raum zu bieten. Diese sind insbesondere die Finanzierung des Katholikentages und der Kirchen allgemein, Sonderrechte der Kirchen und Religionskritik im Allgemeinen.

Was mich allerdings erstaunt: Wirklich jung sind die Besucher*innen auch hier nicht. Einige Mittzwanziger*innen sind dabei, viele sind aber doch jenseits der vierzig. Doch warum ist es überhaupt wichtig, dass sich junge Menschen engagieren? „Weil es jetzt an [uns] liegt, die Welt in [unserem] Sinne zu verändern“, so Wakonigg. Philipp, der als ehrenamtlicher Helfer mitmacht, findet, dass man immer beide Seiten kennen und sich nichts aufschwatzen lassen sollte, gerade als junger Mensch. Eigentlich genau wie Katharina und Viola. Letztendlich waren aber die Ketzertagsbesucher*innen, mit denen ich gesprochen habe, großteils atheistisch und die Besucher*innen des Katholikentags christlich. Und auch, wenn diese paar Leute kaum repräsentativ für alle Gäste sein werden, wird mir hier ein Problem deutlich: Der Ketzertag richtet sich in erster Linie an Atheist*innen und Angehörige anderer Glaubensrichtungen und der Katholikentag an Katholik*innen bzw. Christ*innen. Was ja auch überhaupt nicht schlimm ist, der Austausch untereinander ist bestimmt etwas Gutes. Aber wäre es nicht spannender, mal eine Großveranstaltung zu haben, auf der Vertreter*innen verschiedenster Weltanschauungen zu Wort kommen können? Ob es dann am Ende nur Streit oder vielleicht doch Frieden geben würde, lässt sich nur auf eine Weise herausfinden. Ist das utopisch? Vielleicht, denn dafür bräuchte es einen neutralen Veranstalter, einiges an Geld und natürlich den Willen der verschiedenen Parteien, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Wobei der letzte Punkt gar nicht mal so unrealistisch ist.

Ihr wollt euch engagieren oder mal näher mit einer Weltanschauung vertraut machen? Als Studierende haben wir es eigentlich gar nicht so schwer: Viele Glaubensrichtungen haben ihre Hochschulgruppen, diese laden meistens zu offenen Treffen ein. Auch die Giordano-Bruno-Stiftung, ein großer atheistischer Verband in Deutschland, hat in vielen Städten Hochschulgruppen, laut Wakonigg vielleicht demnächst auch in Münster. Sonst gibt es auch zahlreiche Jugendorganisationen von Vereinen, bei denen man ja einfach mal vorbeischauen kann. Und wenn ihr noch ein paar Freunde mitnehmt, macht es bestimmt noch mehr Spaß.

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Hardy Monse

...studiert Kommunikationswissenschaft und interessiert sich für Medien, nicht aber für Vorlesungen. Liebt elektronische Musik, Kichererbsenburger, Lamas und Couponing. Sollte niemals zu ernst genommen werden, da er zu Zynismus tendiert und ernst meint, was er sagt. Versucht aber, ein ganz Lieber zu sein.

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