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Dunkle Seitenwaelzer: How to Metal-Kutte

Warum man sich zu schrecklicher Musik auch noch schrecklich anzieht
| Michael Cremann, Tamara Ossege-Fischer |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Wenn mal wieder eine mehr oder minder große Band in der Stadt spielt oder ein Festival in irgendeiner Halle im Industriegebiet steigt, dann habt ihr bestimmt schon den einen oder anderen Kutte tragenden Metalhead gesehen. Falls ihr euch bei diesem Anblick gefragt habt, was es mit dieser Jeansweste und den ganzen Flicken auf sich hat, kommt hier die Erklärung:

Was ist die Kutte ?

Traditionell handelt es sich bei der Metalkutte um eine Jeansweste, die meist blau, neuerdings auch oft schwarz ist, und auf der jeder Metalhead seine persönlichen Lieblingsbands kundtut. Je nachdem, zu welchem Genre man sich am meisten hingezogen fühlt, werden die Farbe und das Material ausgewählt. Die jeansblauen lassen sich eher Richtung Speed oder Trash einordnen. Heavy-, Trve- und Power Metal gibt es sowohl in blau, als auch in schwarz. Doom, Black, Death und Ähnliches sollte schwarz werden. Die Möglichkeit, eine tarnfarbene Kutte zu nähen ergibt sich, wenn man durch und durch Sabaton und Anhang vergöttert und/oder in Richtung Historischer Musik neigt. Ganz fancy sind pinke Kutten: Sie werden je nach Backpatch und Anordnung gefeiert – oder sind einfach nur peinlich.
Daran, dass sogar schon Lederwesten und Bademäntel zur Kutte erkoren wurden, sieht man allerdings: Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf dem zu Grunde liegenden Kleidungsstück, sondern vielmehr auf den “Patches”. Diese Aufnäher zeigen zu welcher Band man steht.

Patches – hieß das nicht früher Flicken?

Wichtigster Bestandteil der Kutte ist der sogenannte Backpatch: zentral auf dem Rücken der Kutte getragen, zeigt er meist das Cover des Lieblingsalbums der Lieblingsband, machnmal aber auch extra für die Patches von den Bands gestaltete Motive.

Während Michael klassisch einen Judas-Priest-Backpatch trägt und sich erst kürzlich dazu durchringen konnte, den ausgeblichenen British Steel*-Patch durch einen neuen mit dem Cover der Defenders of the Faith-Scheibe zu ersetzen, hat Tamara viel Zeit und Mühe in eine Eigenkreation investiert. Sie hat oben auf und über ihren Sabaton-Coat of Arms – Backpatch das Motiv des ebenfalls von Sabaton stammenden Carolus Rex gemalt. Acrylfarbe, Blut, Schweiß, Tränen und Liebe waren hier die Mittel der Wahl.

Auf dem übrigen freien Platz werden kleine Patches, Festivalbändchen, Nieten und Autogramme angebracht. Trve ist das natürlich nur, wenn man zu jedem dieser Patches eine Geschichte erzählen kann, weil man die Band live gesehen oder eines der Alben einen geprägt hat. Oft zeigt die Position der Patches auch die Wichtigkeit des jeweiligen Albums für den Träger an. Faustregel hierbei: Je besser man einen Patch sieht, desto wichtiger die Band. Die Komposition der Aufnäher ist oft problematisch: viele Bands wollen einzigartig sein und halten sich nicht ans klassische, quadratische Design der normalen Patches. Neben runden und dreieckigen Formen sind auch Rechtecke und freie Formen, die meist die Namen der Bands direkt umranden, möglich. Bei so einem Durcheinander muss man neben der Wichtigkeit dann auf einmal auch noch Farbe und Form berücksichtigen. Erst wenn man eine Idee vom Gesamtkonzept hat, kann es ans nähen gehen. 

Was geht gar nicht?

Bevor ihr auf Ideen kommt: Es ist ketzerisch auch nur an eine Nähmaschine zu denken! Die Kutte ist eine Herzensangelegenheit, die näht man selbst oder gar nicht. Wundert euch nicht, wenn der Metaller mit Mitte fünfzig auf den ersten Blick sieht, was ihr da für eine Naht auf der Kutte habt! Oder wenn die Teenagerin neben euch fragt, wo ihr den kleinen Emperor-Patch her habt, weil sie den auch noch sucht.

Ein weiteres No-Go ist das Übereinandernähen von Patches. Jeder Patch ist wie oben erklärt etwas Besonderes, Zeigenswertes. Je voller die Kutte wird, desto schwieriger, diese Regel einzuhalten…

Waschen. Ja, richtig gelesen. Offiziell ist eine Kutte auf keinen Fall zu waschen. Nicht trve! Nach einem längeren Festival oder dem einen oder anderen nasseren Konzert (wir reden hier nicht von Regen…) entwickelt das gute Stück dennoch eine Art Eigengeruch. Der moderne Mensch mag das nicht wirklich, wodurch ein heimliches unter-die-Dusche-und-mit-Shampoo-einreiben okay ist, solange niemand davon erfährt. Von Waschmaschinen ist alleine wegen der Handarbeit und der Rückseite der Patches dringend abzuraten.

But why?

Warum man eine Kutte trägt, lässt sich am besten historisch beantworten: In den siebziger und frühen achtziger Jahren versuchten Metaller ihre Kutte denen der Motorradrocker nachzuempfinden. Zuerst stieß dies den Rockern sauer auf und sie versuchten, das Aufkommen von Kutten mit Verboten und Gewaltandrohung zu verhindern. Als sich die Kutte aber immer mehr durchsetzte, wurde sie schnell zu dem eigenständigen Phänomen, das man bis heute kennt.

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Der Grundgedanke aber, Verbundenheit untereinander zu demonstrieren und sich gegenüber Nichtmetallern abzugrenzen, ist immer noch eine Gemeinsamkeit mit den Rockern. Auch deshalb war die Aufregung in der Szene recht groß, als Jeanswesten und Lederjacken – ja sogar Bandshirts – in die “Mainstreammode” aufgenommen wurden. So tolerant die Szene sich gibt, bei der Kleidung hört es auf.

Wann trägt man sie?

Da sie im Alltag abnutzen würde und oft zu Diskussion führt, tragen die meisten Metaller ihre Kutten nur auf Konzerten und Festivals. Schon auf dem Weg dahin kann man sich vor Blicken und Kommentaren, teilweise sogar Anfeindungen kaum verstecken – und will es auch gar nicht.
Manche Metaller stellen ihre Kutten auch etwa auf Mittelaltermärkten zur Schau – besonders viel Aufmerksamkeit bekommen sie dort aber nicht. Nur auf Festivals und Konzerten hingegen kommt man schnell ins Gespräch, wenn man die gleichen Patches trägt, oder das Gegenüber eine besonders gute Idee oder einen seltenen Patch trägt.

 

Warum der Metaller sich gern in der Rolle des Angeschauten, Kommentierten, ja sogar des Angefeindeten wiederfindet, lest ihr hier!

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Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Hängt hinter der Kinokasse herum oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

Tamara Ossege-Fischer

...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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