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Wieso man bei Black Metal nicht klatscht

Konzertebericht Batushka
| Tamara Ossege-Fischer |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Letzte Woche waren wir zu Gast in Essens Turock, auf dem Programm waren Batushka ( Батюшка), eine Black Metal-Band aus Polen. Wie es war, was die da machen und wieso man bei Black Metal nicht klatscht.

Batushka” ist russisch für “Vater” und adressiert einen östlich-orthodoxen Priester, jedoch ist die Band alles Andere als christlich. Schon die beiden Vorbands bauten eine abgrundtief düstere Stimmung auf, die weit weg von Licht, Gott und Fröhlichkeit war.

Ich muss sagen, die Stimmung war vor allem für mich von Anfang an düster, weil wir erst 25min nach offiziellem Einlass (also 5min vor Beginn!) in den Laden gekommen sind. Fix Patches und Merch kaufen und auf geht es an die Bühne!

Der erste Künstler hieß irgendwas mit “Trepaneringsritualen“. Auf die Bühne kam ein menschenähnlicher Typ in durchtränkten Klamotten (bei dem Licht nicht zu erkennen, ob es schwarz oder rot war…) mit einem Sack-ähnlichen schwarzen Ding auf dem Kopf, das so um den Hals gewickelt war, dass man nichts von seiner Haut sah. Ich schaute mich um: viele Kuttenträger, viele grimmig guckende Männer, aber auch ein paar Mädchen darunter, die aber genauso guckten. Wir standen in der 3. Reihe und waren keine 4 Meter von der Bühne entfernt, keiner hatte das Bedürfnis, nah an andere Menschen heranzukommen. Ich liebe dieses Genre! Die nächste halbe Stunde bekamen wir Einblick in wundervolles Instrumentalplayback, weil der Herr nur mit Mikro alleine auf der Bühne stand. Nach ein paar Liedern gefiel er mir jedoch recht gut, schönes Growling gepaart mit passenden typischen Riffs, zwar aus der Dose aber echt gut. Meine Begleitung war nicht so begeistert: zu trocken, zu eintöning. Als der Sänger seine Kopfbedeckung abnahm, erkannte ich, dass das schwarze Nass doch eher rot und der Mensch auch nicht schön anzuschauen war. Da das bei Musik nicht wichtig ist, lauschte ich weiter seiner lieblichen Stimme und stand angepisst rum, wie es sich gehört.

Nach ewigen 20min. Umbauzeit schaffte es die zweite Vorband namens “Schammasch” dann auch endlich auf die Bühne. Alles Typen. Der Sänger tiefschwarz im Gesicht. Alle lange Haare, alle in lange, güldene Roben gekleidet: Ich war ein bisschen enttäuscht. Ich dachte, ich wäre auf einem schwarzen Konzert, was wollen goldene Elfen hier? Rechts und links wurden Tierschädel mit Kerzen und Weihrauch aufgestellt. Als der Sänger den Mund aufmachte, fühlte ich mich direkt wieder wohler. Wir bekamen eine musikalisch sehr schöne Offenbarung und die Stimmung wurde besser, was in diesem Sinne dunkler hieß.

Wir standen nicht mehr nur mit 5 Menschen im näheren Umkreis um uns, es waren mittlerweile schon 7-8. Stimmlich erinnerte die Band ein bisschen an “Emperor” – DIE Gründerväter des Black Metal. Einige tiefe Chorale und passendes Growling dazu stimmten alles ab.

Wir warteten über eine halbe Stunde, bis Batushka endlich nach und nach auf die Bühne kam. Tiefschwarze Banner hingen, eine Art Ambo stand in der Mitte der Bühne, auf ihm ein gerahmtes Bild einer Heiligen. Rechts und links Kerzen en masse, noch mehr Weihrauch dazu.
Der Bassist betrat zuerst die Bühne:
Wieder ein undurchsichtiges, Sackähnliches

Bassist und Kerzen im Stimmungs-Licht

Gebilde im Gesicht, tiefschwarze Mönchsrobe mit kyrillischen Zeichen,

ein Tier von Mann, barfuß. Das Erscheinungsbild der anderen Ban

dmitglieder wich dem nicht sonderlich ab: Niemand weiß, wer sie sind. Beim längeren Betrachten seines “Gesichtes” wurde mir schon ein wenig unwohl. Mittlerweile wurde es vorn ein wenig enger, was bedeutete, dass man die Arme nur noch bis zum Ellenbogen ausstrecken konnte. Hinter uns öffnete sich eine Art Mosh Pit, woraufhin sich in unserer Reihe schnell eine Kette bildete, um die vorderen Mädchen zu schützen. Mein einziger Gedanke dazu war: Idioten mit Summer Breeze-Shirts gibt es wirklich überall… Der Großteil der Konzertbesucher war wie zu erwarten ruhig. Angepisst rumstehen, Arme verschränken. Wenn es gut ist, Kopf nicken. Wenn es richtig gut ist, gibt es eine still erhobene Pommesgabel zwischen den Liedern. Wenn es dramatisch wird und man den Text kennt, kommt eventuell die dramatische Faust. Das war’s. Nicht klatschen, Leute! Das macht die Stimmung kaputt.

Batushka spielte, wie zu erwarten war, ihr komplettes einziges Album “Litourgiya“, bestehend aus 7 Liedern. “Lieder” heißt hier, dass man 7-10min. wundervollste Riffs und tiefe osteuropäische Sakralgesänge bekommt und immer tiefer der Atmosphäre unterliegt. Es war wundervoll! Ich hatte die Band letztes Jahr auf dem Wacken Open Air bereits gesehen und für gut befunden, aber das hier war nochmal eine ganz andere Kragenweite. Sie sind letztes Jahr aus dem Nichts an die Spitze gekommen, kein Debüt-Album, keine LP oder ähnliches. Das Album war auf einmal da und schlug brutal in der Szene ein. Textlich geht es um Blasphemie im Sinne der russisch-orthodoxen Kirche, was mit der Stimmlage, dem Melodischen sowie der Selbstdarstellung untermalt wird. In den ersten 3 Songs des Albums (Yekteniya 1-3) ist der Fokus hörbar auf den Gesang und die immer mehr hervorstechende Leadgitarre gelegt, im weiteren Verlauf wird es doomiger (7) und emotionaler (8) denn je. Keins der Lieder ist schwächer als das andere, nach dem einen ist man baff und begeistert und dann kommt eins, was mindestens genauso mitreißt.

“Weihung” am Ende
Hlg. Katharina wird allen gezeigt

Ihre pure Blasphemie stößt jedoch an: In Russland und Weißrussland sind sie sozusagen “verbannt” und dürfen nicht auftreten. Bei im Nachhinein abgesagten Shows drohten orthodoxe Aktivisten, Anhänger der Band zusammenzuschlagen und sie zu töten. Bei Behemoth war das damals auch so, weil es der Kirche bzw. deren Mitgliedern zu kontrovers war.

Ich war sehr begeistert von der Show und der Musik, obwohl ich schon hohe Erwartungen hatte. Die Vorbands waren sehr gut gewählt und die Atmosphäre von “Litourgiya” ist mehr als rübergekommen.

Wie es mit den unbekannten Jungs weiter geht, weiß niemand. Auf die Frage nach der Zukunft in einem Interview kam ein “I tend not to have plans for the future. I try to enjoy the things that make me happy. Sometimes something creative is born. What will be next? Time will tell.”

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https://batushka.bandcamp.com/
http://www.metal.de/reviews/batushka-litourgiya-63504/
http://www.hitkiller.com/batushka-interview-everything-that-i-wanted-to-tell-is-in-the-music-in-the-lyrics-and-in-the-cover-art.html

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Tamara Ossege-Fischer

...man findet mich entweder auf matschigen Festivals oder in seltsam ausgerüsteten Hallen bzw. draußen beim Sport. Ansprechen ist zwecklos, die Musik ist so oder so zu laut. Nebenbei studiere ich auch noch Soziologie in Bielefeld.

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