Gesellschaft / Meinung

Korrekter Karneval feiern

Karneval – eine Zeit voller Spaß, Freude, Unbeschwertheit und Feierei! Und das alles in bunten, lustigen, kreativen Kostümen. Oder?
| Lotta Krüger |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Karneval – eine Zeit voller Spaß, Freude, Unbeschwertheit und Feierei! Und das alles in bunten, lustigen, kreativen Kostümen. Oder?

Schaut man sich auf den großen Karnevalsumzügen um, bietet sich einem jedes Jahr wieder ein breites Spektrum: Imitationen von Berühmtheiten wie Elvis, Michael Jackson und Super Mario, Tierverkleidungen von Löwen, Fröschen und Marienkäfern, Menschen in Kostümen von Nonnen, Polizisten, Krankenschwestern oder Sumōringern. Oder auch, wie es in den letzten Jahren vermehrt zu beobachten ist: Als überdimensionale menschliche Süßigkeiten wie Schoko-Bons, M&M’s und Cupcakes. Es wird sich in die wildesten Outfits geschmissen, Perücken aufgesetzt und wie verrückt das Gesicht bemalt. Denn Verkleiden macht Spaß, da sind sich alle Karnevalisten einig.

Doch nicht jedes Kostüm ist bedenkenlos zu tragen. Eine Freundin brachte neulich in einem Gruppenchat die Bedenken vor, dass einige Kostüme ethisch und politisch fragwürdig seien. Sie bemerkte, dass die Figuren, als die die Leute sich an Karneval verkleiden, im Alltag oft mit Diskriminierung konfrontiert seien. Wenn man sich mit einem Fat-Suit als Sumōringer verkleidet, kränkt man damit nicht die Menschen, die wirklich mit Gewichtsproblemen zu tun haben? Zieht man die Nonnen, ihren Glauben und ihre Lebensweise, nicht ins Lächerliche, wenn man sich an Karneval für einen Tag „im Scherz“ anzieht wie sie? Impliziert das Kostüm der aus irgendeinem Grund fast immer SEXY Krankenschwester, dass alle Krankenschwestern leicht zu haben oder sexuell freimütig sind? Und vor allem: Ist es okay, sich als „Asiate“, „Indianer“ oder gar als „Dunkelhäutiger“ zu verkleiden?

Diejenigen, die sich als solche verkleiden, einzig mit der Motivation des Spaßhabens für einen Tag in eine bestimmte Rolle zu schlüpfen, können das Kostüm abends wieder ablegen. Aber für andere bedeutet es die Realität. Das kann für die entsprechenden Personengruppen durchaus verletzend sein, weil sie sich damit ins Lächerliche gezogen oder schlimmstenfalls sogar diskriminiert fühlen.

Auf diese Kritik kam jedoch prompt ein Einwand eines anderen Freundes. Nur, weil man sich verkleide, ziehe man doch nicht gleich die Personengruppe ins Lächerliche. Er selbst würde sich schließlich auch nicht angegriffen fühlen, wenn sich ein Muskelprotz als „Lauch“ verkleiden würde – jener Freund ist 1,95 groß und ziemlich schlank. Außerdem habe er mal mit einem Vietnamesen gesprochen, der keinerlei Probleme damit habe, wenn sich Leute als „Asiate“ oder ähnliches kostümieren würden. Sei diese Debatte nicht etwas übertrieben?

Die Freundin, die das Thema angeschnitten hatte, konterte damit, dass es immer darauf ankomme, wer sich welche Identität als Kostüm aneigne. Als weiße, männliche (und schlanke) Person sei man in unserer Gesellschaft in der Regel wenig bis keiner Diskriminierung ausgesetzt. Da sei eine Verkleidung als „Lauch“ okay. Sich daraufhin angegriffen zu fühlen, wäre zwar ebenfalls legitim, diese Verletztheit würde allerdings nicht auf jahrhundertelanger Unterdrückung und Ungleichbehandlung basieren, wie es etwa bei Menschen mit afrikanischer Herkunft der Fall ist, sondern sei persönlicher Natur. Der Muskelprotz, der sich in unserer Theorie als Lauch verkleiden würde, wäre außerdem wohl kaum derjenige, der die kulturelle oder religiöse Identität oder Ethnie des „Lauchs“ jahrhundertelang unterdrückt hat, um diese dann als Kostüm zu verwenden und damit zu verharmlosen oder ins Lächerliche zu ziehen. Es wäre vermutlich eher eine sowohl rechtlich als auch sozial gleichgestellte Person. Dass einige Betroffene, wie der vietnamesische Bekannte, kein Problem mit derartigen Verkleidungen hätten, sei natürlich toll, aber nicht von allen zu erwarten. Womöglich war dieser bisher keiner Diskriminierung begegnet und konnte dementsprechend gelassen mit der Thematik umgehen. Bei anderen könnte das anders aussehen, und jene würden eine solche Verkleidung nicht hinnehmen können oder wollen.

Aber greift dieses Argument zum Beispiel auch für die Personengruppe der „Übergewichtigen“, die es als beleidigend empfinden, wenn Leute sich an Karneval mithilfe eines Kostüms dicker machen? Nun schaltete auch ich mich in die Diskussion mit ein. Für nicht alle angesprochenen Kostüme oder betroffenen Personengruppen sehe ich die große Problematik. Aber wäre es nicht schon Grund genug, sich eine andere Verkleidung zu suchen, wenn es auch nur eine Handvoll Menschen gibt, die sich von einem Kostüm beleidigt, angegriffen oder lächerlich gemacht fühlen? Selbst wenn man es nicht komplett nachvollziehen kann oder übertrieben findet – die gekränkten Menschen werden für ihre Gefühle schon ihre Gründe haben und sie sich nicht aus der Nase ziehen. Außerdem gibt es nun mal eine nahezu endlose Anzahl an unbedenklichen Kostüm-Alternativen, mit der man die ganze Problematik ohne großen Aufwand umgehen und sicher sein kann, niemandem auf dir Füße zu treten.

Der „Lauch“-Freund hakt noch einmal nach: Doch wo liegt eigentlich die Grenze? Bedeutet diese Rücksichtnahme, dass man sich nicht einmal mehr als Polizist oder Arzt verkleiden darf, weil es womöglich auch aus diesem Berufsstand Menschen gibt, die das nicht so gerne sähen? Das wäre wohl etwas übertreiben, zumal das Diskriminierungs-Argument hier nicht greift, da diese Berufsgruppen im Gegenteil eher als gesellschaftlich relativ hoch angesehen gelten. Aber ob nun die politisch-korrekten Verkleidungen nach gesellschaftlichem Ansehen der Berufe gestaffelt werden sollte… Die Grenze ist schwammig.

Lies auch: Wie Lena das perfekte Kostüm für Karneval gefunden hat

Bei einer Sache herrschte in unserer Diskussion allerdings Einigkeit: Es macht einen großen Unterschied, ob man sich als konkrete (berühmte) Person wie beispielsweise Usain Bolt oder Beyoncé verkleidet und sich dafür das Gesicht bemalt, um das Kostüm zu unterstützen, oder ob man sich einfach anmalt und sich damit stellvertretend als die gesamte Personengruppe der Menschen mit afrikanischen Wurzeln verkleidet. Dass Letzteres, also das reine „Blackfacing“ ohne dazugehörige Verkleidung, durchaus beleidigend wirken kann, ist völlig verständlich. Schließlich reduziert man damit eine gesamte Personengruppe auf ihre Hautfarbe. Ersteres, das Imitieren einer bekannten Persönlichkeit, ist dagegen ja sogar meist als eine Hommage oder Bewunderung der entsprechenden Person gemeint. Daher ist es schwer nachvollziehbar, wenn dies trotzdem negativ aufgefasst und von Menschen mit afrikanischer Herkunft auf sich persönlich bezogen wird. Mit Rassismus hat das doch eigentlich nichts zu tun, oder? Andererseits muss man es akzeptieren, wenn auch eine derartige Verkleidung Menschen trotzdem verletzt. Denn jemandem, der Diskriminierung, Nichtgleichstellung oder gar Unterdrückung und Verfolgung nie erleben musste, entzieht sich eine solche Erfahrung einfach der Vorstellungskraft.

Eine vierte Freundin fasste es noch einmal zusammen: Selbst, wenn also die Verkleidungen – wie in aller Regel, wollen wir hoffen – nicht rassistisch oder verletzend gemeint sind, besteht trotzdem die Gefahr, dass sie die bestehenden gesellschaftlich konstruierten Bilder und Stereotypen von kulturellen wie ethnischen Gruppen bestätigen, wiederholen und damit festigen. Bilder, auf denen (Alltags-)Rassismus und damit Diskriminierung aufbaut bzw. aufbauen kann. Indem man stattdessen einfach ein Kostüm wählt, dass sich nicht auf bestimmte kulturelle oder soziale Merkmale bezieht, trägt man dazu bei, diesem den Boden zu entziehen, indem man diese Bilder nicht bestätigt.

Bei aller Bemühung um politische wie ethische Korrektheit, bei allen ausschlaggebenden Argumenten und angeregter Diskussion darf man allerdings eines nicht vergessen: Es ist Karneval! Ein Fest, bei dem die Menschen einfach nur Spaß haben, gute Laune verbreiten und feiern wollen. Dass es für manche Betroffene nicht „einfach nur Karneval“ ist, sondern eine schmerzliche Erinnerung an erfahrene Ungerechtigkeit im Alltag, sollte man in seiner Kostümwahl dennoch berücksichtigen. Und damit für noch mehr Freude, Akzeptanz, Toleranz und Liebe in dieser schönen Zeit sorgen! Dieses Jahr dann ja vielleicht als M&M.

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Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Lotta Krüger

Neu bei seitenwaelzer und 22jährige Kommunikationswissenschaft- und Germanistik-Studentin in Münster, die nicht ohne Serien, Reisen, Festivals, Schokolade, Surfen, guten Ouzo und Sonne kann und zu diesen Dingen auch gerne ihre Erfahrungen teilt!

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