Kultur und Medien

Literarisches Edinburgh – eine Gedankenreise

Edinburgh fasziniert. Seit Jahrhunderten zieht die geschichtsträchtige schottische Hauptstadt verschiedenste Autor*innen an und inspiriert ihr Schaffen. Ein Querschnitt über einen […]
| Anna Westhofen |

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Esplanade am Edinburgh CastleAnna Westhofen

Esplanade am Edinburgh Castle

Edinburgh fasziniert. Seit Jahrhunderten zieht die geschichtsträchtige schottische Hauptstadt verschiedenste Autor*innen an und inspiriert ihr Schaffen. Ein Querschnitt über einen besonderen Ort literarischer Inspiration und Literaturvermittlung.

But Edinburgh is a mad god’s dream

Fitful and dark,

Unseizable in Leith

And wildered by the Forth,

But irresistibly at last

Cleaving to sombre heights

Of passionate imagining

Till stonily,

From soaring battlements,

Earth eyes Eternity.

Diese Verse stammen von Hugh MacDiarmids Gedicht Midnight (1978) – zu lesen sind sie an der Canongate Wall am schottischen Parlament in Edinburgh. Die Steinmetze Gillian Forbes und Martin Reilly haben Verse aus verschiedenen Gedichten, Sprichwörtern und Psalmen in die Mauer eingearbeitet. So repräsentieren insgesamt 26 Zitate auf Englisch, Gälisch und Scots die sprachliche sowie literarische Vielfalt Schottlands.

Als öffentlich zugängliches Kunstwerk stellt die Wall den Auftakt der literarischen Tour durch Edinburgh dar. Sichtbar wird die Skulptur jedoch erst bei näherem Herantreten – und dennoch ist die Canongate Wall ein wirksames literarisches Kunstprojekt: In ihr vereint sich die Bedeutung literar-ästhetischer Produktion mit allgegenwärtigen Themen des Menschseins und dem tiefen Gefühl der Verbundenheit zu einem Ort.

Die vielen Gesichter des literarischen Edinburgh

„Jemand oder etwas ist wie Jekyll and Hyde“ – diese Redewendung wird heutzutage oft verwendet, um sich gegenüberstehende, oft widersprüchliche Grundzüge einer Person oder Sache zu beschreiben. Das Sprichwort bezieht sich auf Robert Louis Stevensons berühmte Schauernovelle The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (1886). Nur wenige Leute wissen, dass Stevenson in Edinburgh geboren ist und viele Jahre seines Lebens in der Stadt verbrachte.

Zwar spielt die Handlung des Literaturklassikers im kriminellen viktorianischen London, jedoch ist das düstere, geheimnisvolle Setting stark von der gotischen und gregorianischen Architektur Edinburghs inspiriert. Bis heute ist der symbolische Gehalt Stevensons Kurzgeschichte aus literatur-historischer Sicht bedeutsam: Die Darstellung des fortwährenden inneren Konflikts des Protagonisten Dr. Jekyll zwischen Gut und Böse, Sittsamkeit und Trieb, Bewussten und Unbewusstem verweist auf die tiefe Gespaltenheit der menschlichen Psyche. Warum Stevenson seine Geburtsstadt als Inspirationsquelle für Jekyll and Hyde nutzte, erklärt sich in der Gegensätzlichkeit des Stadtbildes des viktorianischen Edinburghs: Schmutz und Verwahrlosung der Old Town stehen dem Wohlstand der New Town gegenüber.

Über die literarische Verbundenheit einer Edinburgh-Abtrünnigen, die ihr Zuhause woanders fand

Zur Drehscheibe des gesellschaftlichen Lebens in Edinburgh – dem historischen Grassmarket in der Altstadt – führen The Miss Jean Brodie Steps. Benannt ist die Treppe nach dem von Muriel Spark geschriebenen Roman The Prime of Miss Jean Brodie (1960). Heute gehört die 1918 in Edinburgh geborene Schriftstellerin zu den bekanntesten weiblichen Schriftstellerinnen Großbritanniens, und ihre literarischen Werke haben den Kanon britischer Nachkriegsliteratur maßgeblich beeinflusst.  Die Frage der Zugehörigkeit war für Spark ein immer wiederkehrendes Thema – zwar wuchs sie in Edinburgh auf, jedoch kehrte sie der Stadt früh den Rücken zu, um sich an verschiedensten Orten der Welt niederzulassen. Das Motiv der Unrast spiegelt sich auch im literarischen Schaffen der Schriftstellerin wider: Ihre Werke sind nicht eindeutig gattungsspezifisch, sondern vielschichtig und reichen von Gedichten, Komödien, satirischen Essays bis hin zur postmodernen Fiktion.

Ihre Heimatstadt Edinburgh war für Spark ein Ort, der sie nie zu verstehen schien – zu Hause war sie woanders; sie lebte und schrieb nie „Edinburgh way“. Es scheint, als beruhte das Gefühl der Abkehr lange auf Gegenseitigkeit. Jahrelang war keines von Sparks Werken Teil des literarischen Kanons in Schottland. Erst mit der Veröffentlichung ihres Erfolgsromans The Prime of Miss Jean Brodie (1961) – die Handlung spielt in Edinburgh und umfasst das Leben der eigensinnigen Lehrerin Miss Brodie – wird Spark als literarisches Phänomen gefeiert. Genau jenes Werk, in dem Spark ihre emotionale Nähe zu Edinburgh durchschimmern lässt, wird zum Bestseller und verschafft ihr schließlich internationale Anerkennung als Schriftstellerin. Nach ihrem Tod im Jahr 2006 ist Spark wieder in Edinburgh angekommen – sie ist eben doch ein literarisches Kind der Stadt. Anlässlich der Jährung ihres 100. Geburtstags bekannte sich zuletzt Nicola Sturgeon, Schottlands Regierungschefin, als begeisterte Leserin von Sparks Werken und würdigte ausdrücklich das Œuvre der Schriftstellerin.

Identität, Zugehörigkeit und Entfremdung – Schreiben über Diaspora in Edinburgh

Wahlheimat ist Edinburgh für Tendai Huchu – gebürtig stammt der Schriftsteller aus Simbabwe, jedoch lebt und arbeitet er in der schottischen Hauptstadt. In seinem Roman The Maestro, the Magistrate & the Mathematician (2014) beschreibt Huchu die Geschichten dreier aus Simbabwe stammender Männer, die vor dem Regime Robert Mugabes geflohen sind und versuchen, sich in Edinburgh ein neues Leben aufzubauen.

Während die Existenzen der drei Protagonisten nur wage miteinander in Zusammenhang zu stehen scheinen, verbindet sie ihre Heimat – Simbabwe – und die Diaspora-Erfahrung in Edinburgh. So begleitet der Roman die Männer in ihrem Alltagsleben in der schottischen Hauptstadt: Er beschreibt, wie sie – angetrieben von der Frage nach Identität und kultureller Zugehörigkeit – in den Straßen und Plätzen einer für sie fremden Stadt umherwandern, sodass aus der Romanhandlung letztendlich eine Stadtkartierung Edinburghs hervorgeht. Edinburgh verstrickt die Existenzen der Männer – und damit ihre Erfahrungen des Unvertrauten, Heimats- und Identitätsverlusts – miteinander. In dem Buch wirkt die schottische Hauptstadt nicht nur als Hintergrundkulisse. Vielmehr bildet sie das Kernstück des Romans und steht immer in direkter Beziehung zu den Geschichten der jeweiligen Protagonisten, die ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft zu finden suchen.  

Und sonst: Bücherschau(en) in Schottlands Hauptstadt?

Edinburgh ist eine Wiege literarischen Schaffens. Jedes Jahr im August findet das Edinburgh International Book Festival statt. Das Event heißt Künstler*innen und Besucher*innen aus ganzer Welt willkommen – es ist ein Fest für Literatur, das Schreiben und den intellektuellen Gedankenaustausch.

Zudem hat das Writers’ Museum im Lady Stair‘s House an der berühmten Royal Mile das gesamte Jahr über geöffnet. In erster Linie widmet sich das Museum dem Werk und Leben der drei schottischen Schriftsteller Sir Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson. Aber auch das Schaffen anderer schottischer Schriftsteller*innen wird im Rahmen von Sonderausstellungen im Lady Stair’s House präsentiert. Im Museum sind Bücher, Manuskripte sowie Portraits und persönliche Gegenstände der Literaturschaffenden ausgestellt – und: Der Eintritt ist kostenlos.

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Anna Westhofen

Studiert in Münster Anglistik und Germanistik im Master of Education und interessiert sich für Literatur und Kultur. Wenn sie mal nicht in Büchern schmökert, ist sie draußen mit dem Rad unterwegs. Ansonsten aber gilt: Zum Kaffee gehört ein gutes Buch (oder andersrum?).

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