Wissenschaft und Technik

Speed-Reading-Software: Texte in wenigen Augenblicken lesen

Manchmal stößt man beim Lesen von Blogbeiträgen auf wahre Textwände. „Kennt der Autor denn keine Absätze?“, fragt man sich dann […]
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

spritz | spritz.com

Manchmal stößt man beim Lesen von Blogbeiträgen auf wahre Textwände. „Kennt der Autor denn keine Absätze?“, fragt man sich dann und am schlimmsten ist es, wenn man versucht diese Texte auf Smartphones zu lesen. Mikroskopische Buchstaben erschweren das Lesen und man quält sich regelrecht durch den Text. Eine Software verspricht Abhilfe, doch was genau verspricht der Dienst?

Wenn man einen Text liest, dann bewegt sich das Auge, zumindest in den meisten Sprachen, von links nach rechts. Doch dies tut es bei Weitem nicht so fließend, wie es den Anschein hat. Stattdessen vollführt es dabei Tausende kleiner Bewegungen, die vor allem zur Orientierung im Text beitragen. Ab und zu springt man also ein Wort zurück, oder zwei Wörter vor, oder orientiert sich an den Zeilen über oder unter der aktuell gelesenen. Die folgende Grafik verdeutlicht diese Bewegungen. Die Winkel sind dabei stellen, auf denen das Auge ruht, sogenannte Fixationen. Die Zahlen beschreiben die Zeit in Millisekunden, die das Auge auf diesem Punkt steht und die Pfeile verdeutlichen die Sprünge zwischen den Fixpunkten.

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Bild 1: Weingarten, Rüdiger (2000) Visuelle und phonologische Prozesse beim Lesen. In: Gorbach, R. P. (Hg.) Lesen – Erkennen. München: Typographische Gesellschaft, 83-100;

Mit dieser Technik schafft ein geübter Leser durchschnittlich etwa 250 Wörter pro Minute bei gutem Textverständnis. Mit speziellen Schnelllese-Techniken kann man diese Zahl auf 400 Wörter pro Minute steigern. Dabei wird das Auge gezwungen nur bestimmte Bewegungen zu machen und den Text dadurch nach Schlagwörtern zu scannen. Das Textverständnis soll dabei sogar noch ein wenig besser sein. Noch schneller lesen dürfte kaum möglich sein – oder?

Nicht geübte erwachsene Leser schaffen etwa 100 Wörter pro Minute. Die durchschnittliche Vorlesegeschwindigkeit liegt hingegen bei etwa 150 Wörtern pro Minute. Deutlich schneller liest ein durchschnittlicher, geübter Leser. Er kann etwa 200 bis 300 Wörter pro Minute erfassen, sofern der zu lesende Text nicht übermäßig kompliziert ist. Schnelle Leser schaffen bis zu 1000 Wörter pro Minute, doch dies schaffen lediglich etwa 1% der Weltbevölkerung. Wissenschaftlich überprüfte Rekorde liegen bei 3000 bis 4000 Wörtern pro Minute. Diese Daten gelten für normale Fließtexte.

Einige Filmtrailer setzen bereits auf das sehr kurze Einblenden von kurzen Wörtern, die man trotz ihrer kurzen Zeit noch lesen kann. Dabei wird das Wort nicht Buchstabe für Buchstabe gelesen, sondern das Gehirn erkennt es als Ganzes und erkennt sofort dessen Bedeutung. Damit ein Wort mit dieser Methode erkannt werden kann, muss dem Leser die Grundstruktur bereits bekannt sein. Man stellte bereits fest, dass vor allem der erste und der letzte Buchstabe von entscheidender Bedeutung sind.

 

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Bild 2: http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/start-5451352-quer-13618396/3,w=650,c=0.bild.jpg

An dieser Stelle kommt die Software „Spritz“ ins Spiel. Mit ihr kann man sich Texte sozusagen Wort für Wort anzeigen lassen, wobei eine Buchstabenzahl von 13 nicht überschritten wird, da die meisten Menschen so viele mit einem Blick auf einmal erfassen können. Das entscheidende ist allerdings ein rot gefärbter Buchstabe in der optischen Mitte des Wortes. Wenn man auf den Buchstaben blickt, soll man das Wort als Ganzes erkennen können. Durch das Anzeigen von nur einem Wort muss das Auge die vielen Vor- und Rücksprünge nicht mehr durchführen und nur noch die Wörter erkennen. Damit lassen sich ohne besonderes Training Lesegeschwindigkeiten von 500 Wörtern pro Minute (WPM) erreichen. Laut der Webseite von Spritz sollen sogar Geschwindigkeiten von bis zu 1000 WPM erreicht werden können. Die Geschwindigkeit lässt sich den persönlichen Vorlieben anpassen.

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Die Textdarstellung von “Spritz”

 

Die Idee ist gut, allerdings fehlen derzeit noch ein wenig die Anwendungsgebiete. Man muss sich schon sehr auf die schnellen Worte konzentrieren, sodass eine Anwendung z.B. im Auto unbrauchbar wird. Weiterhin kann man nicht anhalten und einen Satz vielleicht noch einmal lesen, was für schwierige Texte hinderlich sein kann. Die einzige Anwendung, die wirklich praktisch wäre, wird wohl der Gebrauch auf dem Smartphone sein. Dort macht es Sinn die Worte so groß wie möglich anzuzeigen und die Lesegeschwindigkeit zu steigern. Romane würde ich mir damit allerdings nicht antun wollen.

Da Spritz bereits Verträge mit Samsung hat und seit wenigen Tagen für eine größere US-Amerikanische Technikfirma arbeitet, ist es recht wahrscheinlich, dass viele mobile Geräte bald auf diese oder ähnliche Technologien zurückgreifen werden. Wer weiß, vielleicht kann man diesen Artikel in einigen Jahren ebenfalls mit 1000 Worten pro Minute lesen und ihr habt bis zu diesem Satz nur eine halbe Minute gebraucht. Wer weiß das schon. Praktisch ist bis dahin höchstens, wenn man mit dem Lernen hinterherhinkt und die Lektüre für die Klausur morgen gelesen werden sollte…

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Artikelbild:http://www.spritzinc.com/
Bild 1: Weingarten, Rüdiger (2000) Visuelle und phonologische Prozesse beim Lesen. In: Gorbach, R. P. (Hg.) Lesen – Erkennen. München: Typographische Gesellschaft, 83-100;
Bild 2: http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/start-5451352-quer-13618396/3,w=650,c=0.bild.jpg
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https://de.wikipedia.org/wiki/Lesen#W.C3.B6rter_erkennen

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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