Tatsächlich gelesen: Anne of Green Gables (Lucy Maud Montgomery)
Lucy Maud Montgomerys Klassiker ist ein perfektes Buch für jeden trübseligen Regentag, findet Autorin Sandra Hein.
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten
Sandra Hein | seitenwaelzer.deIhr kennt das sicher auch: berühmte Titelmelodien, die – neben dem netten Effekt, den gesamten Tag im Kopf herumzudüdeln – euch sofort an die guten alten Zeiten erinnern. An die, wo man nachmittags so richtig frei hatte und nach Lust und Laune tun und lassen konnte, was man wollte. Während es draußen immer weniger möglich wird, vor die Tür zu gehen, ohne bis auf die Knochen nass geregnet zu werden, träume ich mich an jene Erinnerungsorte. Die, welche ebenso wie Musik in der Lage sind, Erinnerungen in Reinstform zu bewahren – und von denen man dann den ganzen nassen Herbst zehren kann.
„I’m so glad I live in a world where there are Octobers.”
Lucy Maud Montgomery: Anne of Green Gables, Erstausgabe von L. C. Page & Co. 1908, abgedruckt in: Grosset und Dunlap 1935, S. 117
Lucy Maud Montgomery hat jedenfalls mit ihrem Werk „Anne of Green Gables“, erschienen 1908, eine Dosis Entspannung und Glücklich-Fühlen abgetuppert. Und auch heute noch erscheinen einem die Geschichten trotz ihres Alters nicht fad. Montgomery griff beim Schreiben ebenso auf ihre eigenen Kindheitsabenteuer in ihrem Heimatort auf Prince-Edward-Island (Inselgruppe vor der Ostküste Kanadas) wie auf Ereignisse, von denen sie in der Zeitung las, zurück. Trotz der Realität des Landlebens und der Abgeschiedenheit der Inselgruppe sollte man nicht annehmen, dass es dort nicht ebenso turbulent zugehen kann wie anderswo. Insbesondere der Zauber, der dieser pittoresken Insel anhängt – weiße Dünen einerseits, Pinienwälder andererseits, der bildlich vorstellbare Geruch der reifenden Äpfel auf den Plantagen, der der Strohballen in den zahllosen Viehställen und nicht zuletzt der des Kaminfeuers im Hause Annes – lässt den / die Leser*in schwelgen.
Eine Verkettung von Ereignissen
Wovon das Buch handelt, möchte ich nur kurz anreißen: Waisenkind Anne, elf Jahre alt, wird von Familie zu Familie als Arbeitskraft weitergereicht – wie in der damaligen Zeit (circa 1870) üblich. Nun soll es vom Festland auf die Insel gehen. Dort angekommen, wird jedoch mit Schrecken festgestellt: Anne ist kein Junge, wie es sich das alternde Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert gewünscht hatte. Für den stillen Matthew ist das junge Mädchen mit den karottenfarbenen Haaren, den vielen Sommersprossen und dem unablässigen Rededrang ein wahrer Segen. Marilla, die Anne zunächst nur vorübergehend aufnehmen möchte, lässt sich schließlich von ihrem Bruder erweichen und die drei wachsen über die Zeit zu einer richtigen Familie zusammen. Obgleich die Handlung denen für die Zeit typischen Waisenkind-Geschichten ähnelt – man betrachte hier „Heidi“ von Johanna Spyri oder „David Copperfield“ von Charles Dickens – erwartet einen mit Anne etwas Einzigartiges.
Zeitlose Aussagen in einem Buch von 1910
Bemerkenswert ist die Modernität der Sprache und auch der dargestellten Sitten. Natürlich handelt es sich um eine katholische Dorfgemeinschaft, aber abgesehen davon rutschen die Dialoge wie sonst bei Werken dieser Zeit nie ins Sittenstrenge, Düstere oder Moralisierende. Der Roman ist im Vergleich mit sonstiger Kinderliteratur der Zeit, wie dem „Zauberer von Oz“ von Frank Baum, nicht rein märchen- und idyllenhaft oder utopisch geschrieben. Es wird das raue, einfache Leben beschrieben und politisch interessante Nebendetails zur zeitgenössischen Situation Kanadas erwähnt. Keine einzige der dargestellten Figuren ist klischeehaft oder gar typisch für die Zeit dargestellt: Da wären sowohl die mit ihrem Bruder zusammenlebende, unverheiratete Marilla – sittenstreng, tief religiös und gleichzeitig als Suffragette aktiv im Wahlkampf -, als auch Miss Lynde, die Traschtante der Stadt – im ersten Moment der ‚Frau Rottenmeier‘ aus Heidi ähnelnd und sich doch als liebevoll entpuppend.
Modern, jung und humanistisch: Anne, aber bitte mit E!
Aber auch Anne selbst ist in keine Kategorie einzuordnen – ebenso wie auch letztlich das Buch nicht einem Genre zugeführt werden kann. Durch ihr Äußeres – vor allem die orangefarbenen Haare, über welche sie sich selbst am meisten ärgert – nicht gerade als Schönheit geltend und ihr „vorlautes“ Verhalten würde sie wohl bei anderen Autorinnen der Zeit, beispielsweise Enid Blyton, als kaum zähmbares Kind gelten. Hier jedoch ist sie trotz ihres niedrigen sozialen Standes schlagfertig und bleibt es auch. Niemand redet ihr ein für Mädchen „angebrachtes“ Verhalten ein. Natürlich muss auch Anne lernen, dass sie manches besser für sich behält oder dass auch sie Fehler begeht… Montgomery setzt, im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, jedoch auf Dialog statt Prügel, auf Einsicht der Erziehenden statt auf Züchtigung, auf Eigensinn und Individualität der Heranwachsenden statt bedingungslosen Demut gegenüber Älteren, auf gute schulische Bildung für jedwedes Geschlecht statt auf die Lehre eines vornehmes Benehmen heranwachsender Mädchen.
Im Roman lernt der / die Leser*in das beschauliche und doch ereignisreiche Leben der ländlichen, kanadischen Gesellschaft im erdachten Städtchen Avonlea, herbstliche Wanderungen durch die vom ‚Indian Summer‘ gefärbten Wälder, Debatten im Schulunterricht, Winterbälle, erste Lieben, Busenfreundinnen, Ernst und Sorge bei damals tödlich verlaufenden Erkrankungen kennen und begleitet Anne dabei, wie sie vom Waisenkind zu einer geliebten Pflegetochter heranwächst und mit ihrem Charme, Witz, Verstand, ihrer melodramatischen Ader und ihrem Starrsinn nicht nur die Menschen im Dorf prägt, sondern auch uns als Leser*innen fasziniert und amüsiert.
Eine Tupperdose voll Glück
Ja, ihr dürft mit den Augen rollen – ich mag das Buch vielleicht auch deshalb, weil es wie „Der Zauberer von Oz“ ein Pinterest-Roman ist. Wahrscheinlich speisen sich alle Herbst-Pins und Sprüche der App aus „Anne of Green Gables“… Das Buch ist poetisch ausgeschmückt und Anne wurden von der Autorin lauter nette Sprüche in den Mund gelegt.
„Dear old world‘, she murmured, ‚you are very lovely, and I am glad to be alive in you.”
Lucy Maud Montgomery: Anne of Green Gables, Erstausgabe von L. C. Page & Co. 1908, abgedruckt in: Grosset und Dunlap 1935, S. 298
Der personale Erzähler des Buches ist warmherzig und das macht auch seinen Reiz aus. Wir lesen zwar auch von Schicksalsschlägen oder Problemen – das Buch bläst jedoch keinesfalls Trübsal. Im Gegenteil: Es werden immer positive Kehrtwenden und Auswege aufgezeigt.
„It’s been my experience that you can nearly always enjoy things if you make up your mind firmly that you will.”
Lucy Maud Montgomery: Anne of Green Gables, Erstausgabe von L. C. Page & Co. 1908, abgedruckt in: Grosset und Dunlap 1935, S. 36
Go, girl or boy!
Anne begeistert sich für das Leben. Den ganz normalen Alltag. Nicht für die kleinen, besonderen Momente des Lebens oder ein paar schöne Details. Nein, für Anne ist selbst der steinige, zwingend notwendige Weg zur Schule etwas Wundervolles. Da kann man sich als Leser*in etwas abschauen!
Annes Überlebensmechanismus in ihrem traurigen und einsamen Leben vor Avonlea war es, Objekte hochzustilisieren und Tagträumen nachzuhängen – dies findet zwar kein direktes Ende, wird jedoch erheblich weniger. Anne bleibt jemand, der sich Ereignisse im Vorfeld schön ausmalt. Sie hört jedoch auf, sich Geschehnisse schönzureden oder von Besserem zu träumen. Denn manchmal – und in Avonlea ganz besonders – ist das Leben schön genug!
„Tomorrow is a new day with no mistakes in it yet.”
Lucy Maud Montgomery: Anne of Green Gables, Erstausgabe von L.C. Page & Co. 1908, abgedruckt in: Grosset und Dunlap 1935, S. 173
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Sandra Hein
Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…
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