Buchkritik / Studium

Tatsächlich gelesen: Selbstbetrachtungen (Marc Aurel)

Marc Aurel war der letzte der Adoptivkaiser. Ausgebildet von Philosophen der Schule der Stoa zeigte er sich zeitlebens von deren Lehren beeinflusst.
| Dominik Schiffer |

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Dario Veronesi | unsplash

Im Jahr einer Bundestagswahl stellt sich wie so oft die Frage: “Wer wird wieviel Macht erhalten?”. Und in diesem Zuge könnte man folgerichtig anschließen: „Wem sollte man überhaupt Macht anvertrauen?“ Der antike Philosoph Platon hatte darauf eine Antwort. Er forderte, die Macht denjenigen zu geben, die sie nicht wollen: den Philosophen. Doch hat es in der Weltgeschichte nur einmal einen derartigen Herrscher gegeben, lange nach Platons Tod. Glücklicherweise sind Schriften direkt aus seiner Hand erhalten geblieben.

Marc Aurel (121-180 n. Chr.) war der letzte der Adoptivkaiser. Ausgebildet von Philosophen der Schule der Stoa zeigte er sich zeitlebens, so die Überlieferung, von deren Lehren beeinflusst. Seinen Adoptivbruder Lucius Verus erhob er kurz nach seiner eigenen Ernennung zum Imperator zum fast gleichberechtigten Mitkaiser. Über Marc Aurels Herrschaft und vor allem seinen unrühmlichen Nachfolger Commodus könnte viel gesagt werden (und wurde viel gesagt, siehe Ecke Hansaring), aber hier soll es um die Zeugnisse Marc Aurels gehen. In seinem letzten Lebensjahrzehnt begann er nämlich, seine Gedanken festzuhalten.

Nun hätte dies eine jener typischen Selbstdarstellungen werden können, wie sie von Personen der Öffentlichkeit nur allzu gern und allzu eitel verfasst werden. Aber das besondere an Marc Aurels Selbstbetrachtungen ist, dass er sie offenkundig für sich selbst schrieb. Fast so, als wolle er eine Methode anwenden, die heute noch in mancher Psychotherapie als Vergegenwärtigungsübung empfohlen wird, schrieb er sich selbst Mahnungen oder freundliche Hinweise auf die Vergänglichkeit aller Dinge und leitete daraus immer wieder einen Appell zur eigenen Bescheidenheit und Vernunft ab. Von Dekadenz nimmt er Abstand und kommentiert auch den mit der Kaiserwürde einhergehenden Pomp mehrfach als notwendiges Übel, von dem man sich aber nicht blenden lassen dürfe.

Was macht dies aber nun für die heutige Leserschaft so lesenswert? Einmal hängt es sicher damit zusammen, dass uns die Gefühlsregungen des Kaisers, die er mit sich selbst verhandelt, genau so auch heute vertraut sind. Marc Aurel schreibt nicht nur über sein Amt, sondern vor allem begegnet er seinen eigenen Ängsten, wie der Angst vor dem Tod, der Angst vor Zurückweisung und Kränkung durch andere oder auch der Frage seiner eigenen Nachwirkung. Und stets reagiert er darauf mit der gleichen stoischen Ruhe: Er beantwortet viele der Fragen zwar nicht, stellt jedoch vielmehr in Frage, ob es sich überhaupt lohnt, sich von diesen Ängsten aus der Ruhe bringen zu lassen.

Es sind genau diese Ratschläge an sich selbst, die seine Aufzeichnungen zu einer so ergiebigen Fundgrube machen. Gerade in einer Zeit, wo Viele verzweifelt und lautstark nach Halt suchen und dabei zu oft an ebenso lautstarke Demagogen geraten, gibt dieses Werk tröstliche Anregungen eine innere Ruhe wiederherzustellen. Marc Aurels Ratschläge werden, selbst wenn man sie zurückweist, durch die bloße Beschäftigung mit ihnen eine wohltuende Wirkung auf jeden aufmerksamen Leser haben.

Hinzu kommt, dass die Selbstbetrachtungen in äußerst kurze Abschnitte gegliedert sind. Manchmal bestehen diese nur aus einem Satz, wie einer Notiz. Hier merkt man auch, dass der Kaiser für sich selbst schrieb, denn seine Aufzeichnungen sind ungeordnet und viele Gedankengänge wiederholen sich mehrfach. Aber genau dies erweist sich als eine große Stärke des Buches. Man kann es jederzeit hervorholen, aufs Geratewohl aufschlagen, nur einige Zeilen lesen und wird es mit dem angenehmen Gefühl, etwas Gutes für sein inneres Wohlbefinden getan zu haben wieder weglegen. Und über welches Stück Weltliteratur kann man das schon sagen?

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