Tatsächlich gelesen: Sturmhöhe (Emily Brontë)
Aufgrund der Neuverfilmung mit Margot Robbie und Jacob Elordi ist "Sturmhöhe" gerade wieder in aller Munde. Doch was steckt hinter dem gefeierten Roman?
Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten
ChatGPTHuch, wer schreibt denn hier? Völlig richtig, normalerweise gehöre ich nicht zum festen Rezensionsteam von Tatsächlich gelesen – diese Aufgabe übernehmen in der Regel Dominik und Sandra. Ich habe zumeist lediglich das Vergnügen, ihre Texte zu redigieren. Manche Bücher lösen aber eine solche Begeisterung aus, dass man sie einfach nicht für sich behalten möchte. Sturmhöhe war für mich genau so ein Fall.
Ein Sturm der Gefühle
Manche Bücher liest man, weil sie gerade im Trend sind. Andere, weil sie (erneut) verfilmt wurden und plötzlich alle darüber sprechen. Und dann gibt es Bücher, die einen seit Jahren mahnend vom Regal heraus anblicken und förmlich darum betteln, gelesen zu werden. Das war für mich Sturmhöhe (engl. Wuthering Heights) von Emily Brontë. Dieser Roman stand schon lange auf meiner persönlichen Liste der Literaturklassiker – völlig unabhängig von der aktuellen Verfilmung mit Margot Robbie und Jacob Elordi.
Gesehen habe ich diese übrigens noch nicht. Allein der Trailer lässt vermuten, dass die Neuverfilmung stark auf Sexualisierung setzt – dabei gibt es im Originalroman noch nicht einmal einen Kuss. Da fragt man sich schon, ob hier wirklich die Essenz der Geschichte getroffen wird. Das Konzept, den Streifen am Valentinstag anlaufen zu lassen, mag zwar marketingtechnisch schon bei Fifty Shades of Grey aufgegangen sein, zeugt aber nicht unbedingt von großartiger Filmkunst.
Allein die Promo-Tour löste bei mir Fremdscham aus. Die Hauptdarsteller (die im echten Leben kein Paar sind) überhäuften sich gegenseitig mit anzüglichen Komplimenten und übertriebenen Gesten, damit man ihnen im Nullkommanix eine skandalöse Affäre unterstellen konnte. Dieses neuartige Phänomen ließ sich bereits vor drei Jahren bei Wo die Lüge hinfällt (engl. Anyone but you) mit Sidney Sweeney und Glen Powell oder der Neuauflage von Die nackte Kanone (engl. The Naked Gun) aus dem vergangenen Jahr mit Pamela Anderson und Liam Neeson beobachten. Offenbar wird dem Schauspiel als Kunst der Verwandlung im heutigen Marketing-Wahnsinn keine Bedeutung mehr beigemessen. Stattdessen spricht man den Darstellern, die insbesondere im Fall von Robbie und Elordi ihr Handwerk doch mehr als beherrschen, mit so einer Inszenierung jede zwischenmenschliche Professionalität ab. Und diese müssen sich auf den Zirkus auch noch einlassen. Ziemlich unfair, oder? Vor allem, weil gerade die unterdrückte, nie körperlich erfüllte Leidenschaft den tragischen Kern des Romanstoffes ausmacht.
Ein viel zu kurzes Leben
Die Schöpferin dieses Stoffes, Emily Brontë, wurde 1818 im englischen Yorkshire geboren und verbrachte fast ihr gesamtes Leben in der abgeschiedenen Moorlandschaft von Haworth. Gemeinsam mit ihren Schwestern Charlotte und Anne – ebenfalls Schriftstellerinnen – wuchs sie in einer literarisch geprägten, aber von frühen Verlusten überschatteten Familie auf. Die Weite und Rauheit der Moore, die Einsamkeit und das Gefühl von Abgeschiedenheit prägen Sturmhöhe spürbar. Markante Landschaftspunkte wie die Penistone Crags, der Penistone Hill und die Feenhöhle am Ponden Kirk finden sich im Roman wieder.
Da Schriftstellerinnen es im viktorianischen England schwer hatten, wurde Sturmhöhe im Jahr 1847 unter dem männlichen Pseudonym „Ellis Bell“ veröffentlicht. Die erste Rezeption war verhalten bis schockiert – vielen galt das Buch als zu düster, zu roh, zu unmoralisch. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begann man, neben der dramatischen Geschichte auch die poetische Struktur des Werkes zu würdigen. Heute gilt es als Meilenstein der englischen Literatur. Emily Brontë erlebte den späteren Ruhm jedoch nicht mehr: Sie starb bereits 1848 im Alter von nur 30 Jahren an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung. Sturmhöhe blieb ihr einziger Roman.
Worum geht es eigentlich?
Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen Catherine Earnshaw und dem Findelkind Heathcliff, das von Catherines Vater in Liverpool aufgelesen und auf das Familiengut Wuthering Heights gebracht wird. Die Familie Earnshaw gilt in der Gegend als wohlhabend; sie sind jedoch keine Landadligen wie ihre Nachbarn, die Familie Linton, die in der nobleren Thrushcross Grange lebt. Zwischen Catherine und Heathcliff entsteht über die Jahre hinweg eine tiefe, beinahe symbiotische Verbundenheit.
„Jetzt aber wäre es ein Abstieg, wenn ich Heathcliff heiraten würde; deshalb darf er nie wissen, wie sehr ich ihn liebe – und zwar nicht, weil er schön ist, Nelly, sondern weil er mehr ich ist, als ich es bin. Woraus auch immer unsere Seelen auch gemacht sein mögen, seine und meine gleichen sich, und Lintons Seele unterscheidet sich von meiner wie ein Mondstrahl vom Blitz oder Frost vom Feuer.“
Emily Brontë: Sturmhöhe, 4. Auflage, dtv Verlagsgesellschaft, München 2016, S. 109
Als Catherine sich entgegen ihrer Gefühle für eine Heirat mit Edgar, dem Sprössling der Lintons, entscheidet, fühlt Heathcliff sich verraten und gedemütigt. Was folgt, ist ein jahrelanger Rachefeldzug, der zwei Generationen von Familienmitgliedern in Mitleidenschaft zieht. Dennoch bleibt eine unzerstörbare Bindung bestehen, die selbst über den Tod hinaus wirkt.
Kein Liebesroman im klassischen Sinn
Und doch: Wer bei Sturmhöhe an eine romantische Liebesgeschichte mit viel Herzklopfen und noch mehr Zärtlichkeit denkt, hat weit gefehlt. Dieses Buch ist kein gemütlicher Spaziergang über eine blühende Wiese, sondern ein Gewaltmarsch durch ein Moor. Die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff ist obsessiv, zerstörerisch, völlig irrational und zugleich von erschütternder Tiefe. Hier geht es nicht um ausgewogene Gefühle, sondern um kompromisslose Emotionen. Liebe, die in Hass umschlägt. Stolz, der unüberwindbar scheint. Rache, die Generationen prägt. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem menschliche Gefühle – im positiven wie im negativen Sinn – so radikal abgehandelt werden.
Heathcliff ist keine Figur, die man „mag“. Und doch versteht man seinen Schmerz. Auch Catherine ist keine klassische Heldin. Und doch leidet man mit ihr. Genau das macht den Roman so faszinierend: Die Protagonisten sind alles andere als moralische Vorbilder, nicht einmal besonders sympathisch – aber genau das macht sie so erschreckend nahbar. Emily Brontë zeichnet keine schwarz-weißen Charaktere, sondern Menschen voller Widersprüche. Die Landschaft, in der die Geschichte spielt, ist dabei nicht nur Kulisse, sondern ein Spiegel der inneren Zustände. Sturm draußen, Sturm drinnen.
Eine Geschichte, die nachhallt
Was mich an Sturmhöhe besonders beeindruckt hat, ist die erzählerische Konstruktion. Die Geschichte wird nicht linear und direkt erzählt, sondern durch Berichte und Erinnerungen der gutmütigen Haushälterin Ellen (Nelly) Dean. Trotz seines stolzen Alters von fast 180 Jahren ist die Sprache des Romans erstaunlich zugänglich. Auch die Länge meiner Ausgabe ist mit rund 450 Seiten zwar nicht an einem Tag zu schaffen, aber dennoch mehr als machbar. Die zentralen Fragen der Geschichte – Was ist Liebe? Wie weit darf Stolz gehen? Kann Rache jemals heilen? – sind heute genauso relevant wie damals.
Wahrscheinlich ist genau das der Grund für die mittlerweile zahlreichen Verfilmungen des Stoffs. Der letzten Version von 2011 mit Kaya Scodelario als Catherine und James Howson als Heathcliff konnte ich dabei am meisten abgewinnen. Sie wartet nicht nur mit einem phänomenalen Titelsong von Mumford & Sons auf, sondern fängt die emotionale Härte des Romans gut ein, wirkt roh und gleichzeitig zurückhaltend. Die ausgeprägte Hassliebe zwischen Catherine und Heathcliff, ihr „Wir können nicht mit, aber eben auch nicht ohne einander“ wird hier gekonnt inszeniert – und nicht als Beziehung, die einzig auf körperlicher Anziehung basiert.
Umso vorsichtiger bin ich bei der neuen Interpretation mit Margot Robbie und Jacob Elordi. Vielleicht werde ich eines Besseren belehrt, aber für mich liegt die eigentliche Spannung des Romans im Ungesagten, im Ungelebten, im Verpassten. Und das ist oft viel kraftvoller als jede explizite Szene.
Fazit: Ein Klassiker, der wehtut – im besten Sinne
Den Stoff, aus dem Sturmhöhe gemacht ist, konsumiert man nicht nebenbei. Er fordert, irritiert, macht stellenweise wütend – und bleibt genau deshalb im Gedächtnis. Dieses Buch ist nicht umsonst ein Klassiker der Weltliteratur, zeigt es doch, welchen Einfluss sehr starke Gefühle auf den Lauf unseres Lebens haben. Selten hat mich ein Roman emotional so durchgeschüttelt – und danach eine seltsame, nachdenkliche Stille hinterlassen.
„Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub der Wälder. Sie unterliegt dem Wandel der Zeit, das weiß ich sehr wohl, so wie der Winter die Bäume verwandelt, doch meine Liebe zu Heathcliff gleicht dem Felsen darunter – sie ist ein Quell kaum wahrnehmbarer Freuden, aber ohne sie kann ich nicht sein. Nelly, ich bin Heathcliff – er liegt mir immer und immerfort im Sinn – nicht als ein Vergnügen, so wenig, wie ich mir selber stets ein Vergnügen bin – sondern als mein wahres Sein – darum sprich nie wieder von unserer Trennung, sie ist etwas völlig Undenkbares.“
Emily Brontë: Sturmhöhe, 4. Auflage, dtv Verlagsgesellschaft, München 2016, S. 111f.
Ein modernes – wenn auch weniger dramatisches – Äquivalent zu Emily Brontës Meisterwerk wäre Sally Rooneys Normale Menschen (eng.: Normal People) aus dem Jahr 2018. Ebenfalls ein Buch, das ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann – genau wie seine als zwölfteilige Serie produzierte Verfilmung mit Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal in den Hauptrollen. (Paul, falls du das liest: Ruf mich an!)
Angefixt von der Literatur aus dem Westen Yorkshires wartet nun die nächste Brontë auf mich: Der nicht minder berühmte Roman „Jane Eyre“ von Emilys älterer Schwester Charlotte ist bereits aus der Bibliothek ausgeliehen und möchte von mir verschlungen werden. Mal sehen, welche literarischen Stürme mich dort erwarten.
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Deike Terhorst
ist im berüchtigten Emsland aufgewachsen, wo man sich Moore mit Spezi (emsl. für Cola-Korn) schön trinkt. Hatte irgendwann einen klaren Moment und ist fürs Geschichtsstudium in die große Stadt aka Münster gezogen. Arbeitet mittlerweile im ostfriesischen Lokaljournalismus. Digitaler Dinosaurier mit Instagram-Allergie. Powert sich gerne beim Tischtennis aus. Verrückt nach Kreuzworträtseln. Spricht Albanisch. Wäre ohne Terminplaner komplett lost (hab gehört, das sagt man jetzt so).
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