Buchkritik / Kultur und Medien

Ein Autor, sie zu knechten – warum J. R. R. Tolkien noch heute ein bedeutender Autor ist

Vor circa 90 Jahren verfasste ein Professor aus Oxford eine Kindergeschichte über ein Wesen, das er “Hobbit” nannte, und veränderte […]
| Ronja Thier |

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Bücher und Figuren aus dem Universum des "Herrn der Ringe" auf einer LandkarteRonja Thier

Vor circa 90 Jahren verfasste ein Professor aus Oxford eine Kindergeschichte über ein Wesen, das er “Hobbit” nannte, und veränderte damit das Fantasy-Genre für immer.

C. S. Lewis, Terry Pratchett, Brandon Sanderson, Kai Meyer, Rick Riordan, J. K. Rowling, Derek Landy, Cornelia Funke… Die Liste großer Fantasy-Autor/innen wird von Jahr zu Jahr länger und sucht man einmal seinen lokalen Bücherpalast auf, wird man von der schieren Flut neu veröffentlichter Romane regelrecht erschlagen. Doch unter all diesen Weltenwebern gibt es einen Autor, der noch heute heraussticht und für den in jedem Buchgeschäft ein eigenes Regalbrett reserviert ist:

Ein Autor, sie zu knechten, sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

Die Rede ist natürlich von John Ronald Reuel Tolkien, dem Erschaffer Mittelerdes. Kaum ein Autor hat das Fantasy-Genre so nachhaltig geprägt wie er, weshalb er im Volksmund auch gerne „der Vater der Fantasy“ genannt wird. Was aber macht seine Werke so besonders, dass sie auch fast 50 Jahre nach seinem Tod noch von Fantasyfans verschlungen werden, dass Bücherläden eigene Tolkien-Tische aufstellen und Amazon eine neue Mittelerde-Serie* produziert?

Ronja Thier Die Karte von Mittelerde

Eine Reise nach Arda

Tolkien erzählt in seinen Werken nicht bloß von Figuren und ihren Abenteuern, er erschafft eine komplette Welt. Eine Welt, die aus weit mehr als nur der von Tolkiens Sohn Christopher Tolkien gestalteten Karte Mittelerdes besteht (siehe Foto). Eine Welt, die ihre eigene Schöpfungsgeschichte, ihre eigenen Götter (oder götterähnlichen Geschöpfe), ihre eigenen Zeitalter, Spezies und Legenden hat: Die Welt Arda.

Für Arda erschuf er eine Vielzahl verschiedener Spezies und Völker, die alle ihre eigenen Sprachen, Kulturen und Geschichten haben. Da Tolkien selbst Sprachwissenschaftler und Universitätsprofessor in Oxford war, entwickelte er für diese Völker komplett ausgebildete Sprachen, samt Wortschatz, Grammatik und Dialekten. Wenn man also sehr viel Langeweile und eine Vorliebe für Sprachen haben sollte, könnte man tatsächlich gleich zwei komplette Arten der elbischen Sprache, sowie Teile vom Zwergischen oder Orkischen lernen (wobei das Orkisch eher weniger zu empfehlen ist, da es mehr aus einer Reihe unverständlicher Grunzlaute besteht).

Aber nicht nur haben diese Völker ihre eigenen Sprachen, sondern auch ihre eigenen Kulturen und Gewohnheiten, Legenden, Heldensagen, Lieder und Historien und sogar ihre eigenen Zeitrechnungen und Geschichtsschreibungen. So kann man beispielsweise in Der Herr der Ringe lesen, wie die Protagonisten Jahreszahlen oder Uhrzeiten in ihre eigene Zeitrechnung umzurechnen versuchen, was dem Ganzen nochmal eine Spur mehr Authentizität verleiht.

Dieses komplette Universum, das Tolkien in seinen Erzählungen zusammenwebte ist so umfangreich, detailliert, und authentisch beschrieben, dass es fast schon real wirkt und die Leser/innen das Gefühl bekommen, diese Welt könnte irgendwo da draußen, in weiter Ferne tatsächlich existieren. So manche/r Leser/in wird sich schon dabei ertappt haben, sich nach dieser Welt zu sehnen, in der Magie und das Fantastische real sind und in der das Abenteuer gleich hinter der Türschwelle auf einen wartet. Denn dies ist einer der Aspekte, der die Werke Tolkiens so besonders macht: man liest nicht einfach nur ein Buch, nein, man taucht ein in eine komplett andere Welt und wird vom Autor mitgenommen auf eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle.

Ronja Thier

Eine emotionale Achterbahnfahrt

Die meisten Geschichten aus diesem Universum spielen allerdings nur in einem Teil von Arda, in dem weltweit bekannten Mittelerde. Hier finden auch die Ereignisse der berühmten Werke Der kleine Hobbit und Der Herr der Ringe statt, in der das gesamte Schicksal Mittelerdes bestimmt wird von den Taten einiger “Halblinge”, den sogenannten Hobbits. Denn in Der Herr der Ringe wird Mittelerde bedroht vom dunklen Herrscher Sauron, der mit seinen Ork-Armeen die freien Völker der Menschen, Elben und Zwerge unterwefen will. Doch er beging einen folgenschweren Fehler: er band all seine Macht an einen magischen Ring. In einem furchtbaren Krieg verlor er den Ring, der nun, tausende Jahre später einem Hobbit namens Frodo Beutlin in die Hände fällt. Also machen sich Frodo und seine Freunde auf den Weg, um den Ring zu zerstören und damit Mittelerde vor der Herrschaft Saurons zu retten. Mit diesen Hobbits und ihren Weggefährten, bestehend aus Zauberern, Elben, Zwergen und Menschen begibt man sich auf eine Reise voller Magie und Abenteuer, die von Freundschaft, Freude und Liebe, aber auch von Verrat, Krieg, Verzweiflung und Trauer handelt. Man erlebt die Ereignisse aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten und die Geschichten sind auf eine so wundervolle sprachliche Art geschrieben, dass man sich ihnen in gewisser Weise richtig verbunden fühlt, mit ihnen lacht und leidet. So kann einem die Szene, in der einer der Gefährten, der mutige Hobbit Samweis Gamdschie, um seinen totgeglaubten Freund Frodo trauert, regelrecht die Tränen in die Augen treiben und man kann fast schon selbst den Schmerz spüren, den Sam in diesem Moment erleidet.

Doch man sollte keineswegs glauben, dass es sich bei den Werken Tolkiens um Geschichten handelt, die einen mit einem tränendurchnässten Buch und einem gebrochenen Herzen zurücklassen, denn auch wenn es zuweilen recht emotional zugeht, haben Tolkiens Erzählungen immer auch durchaus witzige Momente. Dabei hatte Tolkien eine ganz eigene Art von Humor, die sich oft durch die Charaktereigenschaften der Figuren definiert. So kann man sich beispielsweise immer wieder an den grummeligen Kommentaren des Zwergs Gimli und seinem Geplänkel mit seinen Weggefährten erfreuen oder sich über das sehr eigensinnige Verhalten der Hobbits amüsieren. Man kommt nicht umhin, über so manch absurde Situation zu schmunzeln, beispielsweise wenn zwei der Hobbits in Der Herr der Ringe es schaffen, während eines Kampfes aus ihrer Gefangenschaft zu entkommen, nur um sich dann ins Gras zu setzen und erstmal einen Snack zu sich zu nehmen, während nur wenige Meter von ihnen entfernt ein Kampf um Leben und Tod stattfindet.

Auch die Unterschiede und Reibereien zwischen den verschiedenen Völkern Mittelerdes sorgen immer wieder für witzige Momente und zuweilen bringt auch die Verpeiltheit mancher Charaktere einen immer wieder zum Lächeln. Zum Beispiel, wenn der Waldelb Legolas in Der Herr der Ringe tatenlos dabei zusieht, wie sich sein Weggefährte Aragorn der Länge nach auf den Boden legt, um nach Hufgetrappel zu horchen, um dann von Legolas gesagt zu bekommen, dass dieser die sich nähernde Reiterei schon längst mit seinen scharfen Elbenaugen detailliert erkennen kann. Danke, Legolas, das hättest du auch sagen können, bevor sich der künftige König von Gondor in den Dreck schmeißt…

Ronja Thier Ein Ring, sie zu knechten…

„Der Vater der Fantasy“

Doch nicht nur Tolkiens wundervoller Schreibstil und seine geschickt gesponnenen Geschichten und fantastischen Welten machen ihn bis heute zu einem der bedeutendsten Autoren des Fantasy-Genres. Tolkien als „Vater der Fantasy“ zu bezeichnen, ist historisch betrachtet nicht hundertprozentig richtig, denn das Genre existierte schon lange vor seiner Zeit, er hat es also nicht wirklich neu erfunden. Allerdings kann man durchaus sagen, dass er es nachhaltig geprägt und in gewisser Weise revolutioniert und zu dem gemacht hat, was wir heute mit „Fantasy“ assoziieren. Beispielsweise hat sich durch Tolkiens Darstellung der Elben/Elfen (im Englischen „elves“) unser Bild jener Wesen grundlegend verändert. Während man mit dem Begriff früher eher kleine geflügelte glitzernde Fabelwesen in Verbindung brachte (was wir im Deutschen vielleicht als Feen bezeichnen würden), denken wir heute stattdessen an jene hochgewachsenen, anmutigen, weisen und unsterblichen Geschöpfe, die Tolkien uns in seinen Werken präsentierte.

Auch die aus dem Fantasy-Genre kaum noch wegzudenkende Spezies der Orks, hässliche trollähnliche Wesen, ist eine Erfindung Tolkiens. Zwar hat es in der Antike bereits Beschreibungen von Monstern in Verbindung mit dem lateinischen Wort orcus (und ähnlichen Begriffen) gegeben, die Orks allerdings, die wir heute aus unzähligen Roman- und Filmreihen oder Computerspielen kennen, ersonn Tolkien für seine Mittelerde-Geschichten.

Schaut man sich einmal heutige Fantasyromane wie die Game of Thrones-Reihe, Eragon oder sämtliche Werke über Elben/Elfen, Zwerge oder Orks an, ist der Einfluss Tolkiens kaum zu übersehen. So schafft er es also auch fast 50 Jahre nach seinem Tod noch, Leser/innen und Fantasyautor/innen auf der ganzen Welt zu begeistern und zu inspirieren. In diesem Sinne könnte man ihn also irgendwie schon als eine Art „Vater der Fantasy“ bezeichnen.

Das gesamte Universum rund um Tolkiens Werk ist unglaublich groß und in Teilen sehr komplex und verstöpselt, weshalb es inzwischen einen eigenen Forschungszweig in den Literaturstudien gibt, der sich nur mit den Werken Tolkiens beschäftigt. In diesen sogenannten Tolkien Studies kann man an einer Universität in Amerika seit einiger Zeit sogar einen akademischen Abschluss absolvieren.

Doch auch außerhalb akademischer Tolkien Studies lohnt es sich, einfach mal in eines seiner Bücher hineinzulesen. Zugegeben, manche seiner Werke, wie zum Beispiel Das Silmarillion oder Abschnitte in Der Herr der Ringe, können recht langatmig oder kompliziert und die Sprache manchmal etwas altmodisch sein. Begeisterte Fantasy-Fans sollten sich hiervon aber nicht abschrecken lassen, denn bahnt man sich seinen Weg durch diese „schwierigen“ Passagen, wird man belohnt mit lauter fantastischen Geschichten aus fernen magischen Welten. Für den Einstieg in Tolkiens Mittelerde kann ich wärmstens Der kleine Hobbit empfehlen. Diese Vorgeschichte von Der Herr der Ringe ist deutlich kurzweiliger und einfacher geschrieben als manch anderes Werk und gibt einem eine gute Einführung in Tolkiens Welt und beinhaltet außerdem eine einfach wunderschöne Abenteuergeschichte.

John Ronald Reuel Tolkien veränderte mit seinen Geschichten das Fantasy-Genre und ist aus dem Büchermarkt heute nicht mehr wegzudenken. Er inspirierte und faszinierte Millionen von Leser/innen und Autor/innen und wird es auch in Zukunft noch tun, sodass wir auch lange nach seinem Tod noch in fantastische Welten voller Magie eintauchen können. Und deshalb ist und bleibt er eben doch der „Vater der Fantasy“.

*Es wird zwar überall von einer Herr-der-Ringe-Serie gesprochen, allerdings wird in der Serie nicht die Herr der Ringe Trilogie neu adaptiert, sondern eine andere Geschichte, die weit vor der Zeit des Ringkriegs spielen soll.

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Ronja Thier

Hi, ich bin Ronja. Wenn ich nicht gerade wieder viel zu laut Musik höre und nach Konzertkarten suche, studiere ich Englisch und Geschichte an der Universität Münster. Hin und wieder schreibe ich Artikel für seitenwaelzer, bleibe dabei aber meinen Leidenschaften treu, weshalb ihr von mir vor allem Konzertberichte und Band-, Buch-, Film-, oder Serienempfehlungen lesen werdet.

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