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Vom männlichen und weiblichen Blick – Ein Gang durch die „Nudes“-Ausstellung des LWL-Museums in Münster

Der Akt zählt zu den ältesten Motiven in der Kunst. Wie unterschiedlich dies aussehen kann, zeigt die "Nudes"-Ausstellung des LWL-Museums.
| Inga Nelges |

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Inga Nelges | seitenwaelzer.de

„Der nackte menschliche Körper (…) gehört zu keiner bestimmten Epoche der Geschichte. Er ist zeitlos und Menschen aller Zeiten können ihn mit Freude betrachten.“

Auguste Rodin

So äußert sich der weltberühmte Bildhauer Auguste Rodin in Bezug auf den Akt. Der Akt, also die Darstellung des nackten Körpers, zählt zu den ältesten und faszinierendsten Motiven in der Kunst. Wie unterschiedlich dies aussehen kann, zeigt die momentane „Nudes“-Ausstellung des LWL-Museums in Münster. Mit Werken von Pablo Picasso, Auguste Rodin, Francis Bacon, Alice Neel und vielen weiteren beleuchtet die Kooperationsausstellung mit der Tate London die Entwicklung des Akts vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Dabei setzt sie sich mit Themen wie dem männlichen Blick auf den Frauenkörper und der Frage nach Geschlecht und Identität auseinander. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und führt die Besuchenden so durch die vielfältige Geschichte des Aktes.

Durch den Akt eröffnen sich zahllose Möglichkeiten, die Perspektive der Menschen auf ihre eigene Existenz, ihre Ideale, Träume und Ängste zu reflektieren. Somit ist er immer eine Projektionsfläche seiner Zeit. In der folgenden Reportage erfahrt ihr von meinen Highlights der Ausstellung.

Die Darstellung von Mann und Frau

Ursprünglich kommt der Begriff Akt aus dem Lateinischen und leitet sich von actus „Handlung“ ab. Da actus das Partizip von agere „in Bewegung setzen“ ist, bedeutet Akt auch Bewegung. Somit ist mit Akt ursprünglich eine Bewegung des menschlichen Körpers gemeint. In der bildenden Kunst versteht man unter Akt eine Haltungs- und Bewegungsstudie des Künstlers am nackten Modell zum Studium der Anatomie und der Proportionen. Solche Anatomiestudien findet man auch in der „Nudes“-Ausstellung. In den Werken „Anatomical Study after Michaelangelo“ widmet sich der irische Maler William Orpen der Anatomie des menschlichen Körpers.

Inga Nelges | seitenwaelzer.de William Orpen: „Anatomical Study, Turning Man after Michelangelo“, 1906
Inga Nelges | seitenwaelzer.de William Orpen: „Anatomical Study after Michelangelo“, 1906

Anhand dieser Studien kann man deutlich den Unterschied zwischen der Darstellung von Mann und Frau erkennen, denn den Geschlechtern wurden oftmals klare Rollen zugewiesen. Während der Mann aktiv und in Bewegung gezeichnet wird, liegt die Frau passiv auf dem Boden. Dem Museum zufolge ist die Passivität der Frau ist ein Thema, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Solch eine Rollenverteilung lässt sich ebenfalls beim Betrachten des Gemäldes „Amor und Psyche“ von Alphonse Legros erkennen.

Inga Nelges | seitenwaelzer.de Alphonse Legros: „Cupid and Psyche“, 1867

Die schlafende Psyche liegt mit freiem Oberkörper auf einem Bett in der Natur und hat die Arme über dem Kopf überschlagen, was alles andere als eine bequeme Schlafposition ist. Die geschlossenen Augen der Frau sind ein weiteres Merkmal der Passivität der Frau, das man noch in vielen weiteren Gemälden der Ausstellung wiederfinden kann. Dadurch nehmen die Frauen nicht aktiv am Geschehen teil und erscheinen verletzlich.

Eine skandalöse Skulptur

Mittelpunkt der Ausstellung ist „Der Kuss“ von Auguste Rodin von 1880.

Inga Nelges | seitenwaelzer.de Auguste Rodin: „Le Baiser“, 1880

Die Skulptur zeigt eine Szene aus Dante Alighieris Werk „Göttliche Komödie“, in der sich die Figuren Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, der Bruder ihres Ehemanns, küssen. Da dieses Werk nicht der damals typischen Darstellung von Frauen in der Kunst entsprach, löste es viel Empörung aus. Anstatt einfach nur dazuliegen, nimmt die Frau aktiv am Geschehen teil und schlingt ihren Arm um den Hals des Mannes, um ihn zu ihrem Gesicht hinunterzuziehen. In den 1880er-Jahren wurde dies von den Betrachtenden als sehr anstößig und skandalös empfunden, da Aktdarstellungen zuvor zwingend einen biblischen oder historischen Bezug aufweisen mussten. Stattdessen zeigt „Le Baiser“ ungehemmte Sexualität. Später hatte Rodin jedoch großen Erfolg mit diesem Werk und es wurden viele Kopien und Repliken, wie diese auf dem Bild oben, hergestellt.

Der weibliche Blick

„Es wird grundsätzlich angenommen, dass der ideale Zuschauer ein Mann ist, und dass das Bild der Frau ihm schmeicheln soll.“

John Berger

Die vorangegangenen Beispiele veranschaulichen den männlichen Blick („Male Gaze“) auf den unbekleideten weiblichen Körper. Wie sehr sich dieser Blick vom weiblichen unterscheidet, zeigt die US-amerikanische Malerin Alice Neel in ihrem realistischen Werk „Ethel Ashton“ von 1930.

Inga Nelges | seitenwaelzer.de Alice Neel: „Ethel Ashton“, 1930

Neel erschuf Porträts, die offen und einsichtsvoll sind, und wandte sich von den vorgegebenen Schönheitsidealen ab. Für dieses Gemälde wählte sie ebenfalls einen Blickwinkel, der nicht besonders schmeichelhaft ist und das soll er auch gar nicht sein. Wie für den Realismus üblich stand für sie eine schonungslose Darstellung und das Aufbrechen von Stereotypen im Vordergrund. Mit „Ethel Ashton“ schafft sie ein Bild, das nicht dazu da ist, um Männern zu gefallen.

Aufbrechen der Normen

In den 1970er-Jahren beginnt aufgrund des aufkommenden Feminismus und anderer politischen Bewegungen eine politische Auseinandersetzung mit dem Akt, die sexuelle und rassistische Vorurteile hinterfragt. Während dieser Zeit thematisiert der Akt immer häufiger politische und gesellschaftliche Belange. Themen wie Schönheitsideale, Geschlechtsidentität und Fragen nach Repräsentation und Macht spielen eine große Rolle und werden infrage gestellt. Gesellschaftliche Normen, die vorschreiben, wie Körper auszusehen haben, werden kritisiert und aufgebrochen. Stattdessen wird der Anspruch erhoben, ihre Körper zu befreien. Zu dieser Zeit entsteht auch Sylvia Sleighs Ölgemälde „Paul Rosano Reclining“ aus dem Jahr 1974.

Inga Nelges | seitenwaelzer.de Sylvia Sleigh: „Paul Rosano Reclining“, 1974

Sleigh ist bekannt dafür, auf bekannte Gemälde von Künstlern wie Giorgione, Tizian oder Édouard Manet anzuspielen, indem sie die traditionelle Darstellung von unbekleideten Frauen umkehrte und sie durch nackte Männer ersetzte. Mit dieser Umkehrung hinterfragt sie die traditionellen Darstellungen von Frauen und Männern und das Fehlen von erotischen Männerporträts in der Kunstgeschichte. Auch mit diesem Bild dreht sie die Rollenverteilung um und zeigt anstatt einer Frau einen Mann in einer passiven und weiblich konnotierten Pose. Diese offensive Darstellung provozierte manche Betrachter so sehr, dass das Gemälde sogar einen Rechtsstreit auslöste. Im Jahr 1975 leitete ein Mann eine Kampagne zur Entfernung einiger Kunstwerke aus dem Bronx Museum of the Arts ein, da diese, darunter auch dieses Porträt von Sleigh, großes Unbehagen bei ihm auslösen würden.

Missstände in der Kunstwelt

Mein persönliches Highlight der Ausstellung war dieses Werk:

Inga Nelges | seitenwaelzer.de Guerrilla Girls: „Do women have to be naked to get into the Met. Museum?“, 1989

Ich verfolge schon seit Jahren die Arbeit der feministischen Gruppe Guerrilla Girls und bin großer Fan davon, wie sie sexuelle und rassistische Diskriminierung in der Kunstwelt aufdecken. Das Werk „Do women have to be naked to get into the Met. Museum?“ beruht auf dem Gemälde „La Grande Odalisque“ von Jean Auguste Dominique Ingres aus dem Jahr 1814. Der Kopf der Frau wurde jedoch durch einen Gorillakopf ersetzt, dem Markenzeichen der Guerrilla Girls. Bei dem Met. Museum (Metropolitan Museum of Art) handelt es sich um das größte Kunstmuseum der USA, welches eine der bedeutendsten kunsthistorischen Sammlungen der Welt besitzt. Mit der Aufschrift „Less than 5% of the artists in the Modern Art Sections are women, but 85% of the nudes are female“ machen sie darauf aufmerksam, dass Frauen in der Kunstwelt strukturell benachteiligt wurden.

Mein Fazit

Ich kann die „Nudes“-Ausstellung jedem nur empfehlen, da der Akt ein Thema ist, das viel tiefer geht, als man anfangs vermuten mag. Anhand der unterschiedlichen Darstellungen taucht man in die verschiedenen künstlerischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit ein und ich bin sehr gespannt, wie sich der Akt in Zukunft noch wandeln wird.

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Inga Nelges

…kommt aus dem schönen Baden-Württemberg und studiert seit 2021 Kommunikationswissenschaft in Münster. Sie begeistert sich für alle Bereiche der Popkultur: Sei es Musik, Filme, Serien oder Internet-Trends. Was ihr aber besonders am Herzen liegt, sind feministische Themen und soziale Gerechtigkeit.

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