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Von Langzeitstudenten und Strickjackenträgerinnen – diese Kommilitonen kennst auch du

Im Laufe der Semester sind mir die unterschiedlichsten Typen von Kommilitonen über den Weg gelaufen: Vielleicht erkennt ihr ja euren Sitznachbarn wieder.
| Gastbeitrag |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ryan McGuire

Schon seit einigen Jahren studiere ich jetzt verschiedene Geisteswissenschaften, einige sind geblieben, andere habe ich aufgegeben. Ich habe Vorlesungen zu Cicero besucht und Seminare über Kant, habe mit Kommilitonen in der Mensa über Aliens diskutiert und in Lerngruppen Kaffee getrunken. Und über die Fächer hinweg habe ich einige Arten von Menschen kennengelernt, die magischerweise in jedem Fach wieder auftauchen, nicht der exakt selbe Mensch, aber jemand, der ganz ähnlich war. So habe ich im Laufe der Semester und schlechten Gruppenpräsentationen eine ganze Typologie von Kommilitonen kennengelernt. Einige dieser Typen möchte ich in diesem Text charakterisieren. Vielleicht erkennt ihr ja euren Sitznachbarn wieder.

Die zukünftige Verlagsleiterin

träumt von Kurzhaarfrisur und Hosenanzug und ist die Einzige, die ihre Hausarbeiten im Semester schreibt, natürlich nur damit sie in der vorlesungsfreien Zeit („Es sind schließlich keine Ferien!“) wichtige Praktika bei unwichtigen Tageszeitungen absolvieren kann. Sie korrigiert Rechtschreibfehler in Handouts von Kommilitonen und hasst Gruppenreferate, weil alle so viel schlechter sind als sie. Sie studiert auf jeden Fall Germanistik, das zweite Fach muss besonders eingestaubt klingen, damit man es für seriös hält. Ihr Lieblingsautor ist Thomas Mann und falls sie sich mal auf eine Studentenparty verirrt, trinkt sie Rotwein.

Der Langzeitstudent

rechnet die Preise vom Mensa-Essen immer noch in D-Mark um und duzt alle Profs, was entweder daran liegt, dass er gemeinsam mit ihnen angefangen hat, zu studieren, oder dass er sie inzwischen so lange kennt, dass niemand das noch unpassend findet. Der Langzeitstudent kann gut mit Handapparaten umgehen und wundert sich jedes Semester erneut, dass es jetzt Modul und nicht mehr Schein heißt. Den Langzeitstudenten kennt eigentlich jeder, oft heißt er „Ach, der Spinner mit dem Bart?“ oder „Der Cicero-Typ“ oder „Der Typ, der sich immer mit Professor X streitet“.

Die liebevolle Lehrerin

hat ein voll ausgestattetes Federmäppchen, mit Buntstiften, Lineal und Klebestift. Allerdings möchte sie nur solange Lehrerin sein, bis sie selber Mami wird und fängt an zu weinen, wenn sie für ihr Referat eine drei bekommt. Natürlich akzeptiert sie nur Referatspräsentationen auf großen bunten Pappplakaten. In Referatsgruppen bringt sie die Kekse mit und am Wochenende besucht sie regelmäßig ihre Eltern. Mit Strickjacke und Thermoskanne ist sie der feuchte Traum jedes spießigen Nachwuchsbehördenmitarbeiters auf Brautschau.

Der Opi

sitzt fast ausschließlich in Geschichtsvorlesungen, denn da ist er fast live dabei gewesen, aber nicht in Farbe, denn Farbfernsehen gab es damals noch nicht. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Opi einige Jahre nach dem Krieg geboren wurde und seit seiner Frühverrentung als Beamter eine geradezu diebische Freude daran hat, jungen Dozenten die Angstschweißperlen in die Augen zu treiben. Der Opi kommt bewaffnet mit Sitzkissen und Werbeblock von irgendeinem Studentenjobvermittlungsstartup, das es schon seit Jahren nicht mehr gibt, mit dem er sich aber ausgesprochen hip fühlt. Der Opi hält natürlich Plätze frei für Hilde und die anderen und bedauert, selbst nie studiert zu haben, als er jung war.

Die Planlose

wusste nicht, was sie sonst studieren sollte, hat die Bewerbungsphase verpennt und ein sau schlechtes Abi, deshalb studiert sie jetzt irgendetwas ohne NC. Selbstverständlich weiß sie nicht, was sie damit später werden möchte… vielleicht Buchhändlerin, weil man da so viel liest. Die Planlose weiß in der Regel, in welcher Veranstaltung sie grade sitzt, kann inhaltlich allerdings nicht viel mehr beitragen als das charakteristische Whatsapp-Klopfen, weil sie natürlich vergessen hat, den Ton ihres Handy auszustellen.

Der „Das mach ich später…“

macht, was auch immer er machen wollte, gefühlt nie, erlangt aber seltsamerweise doch irgendwann seinen Abschluss. Obwohl der „Das mach ich später…“ große Ähnlichkeiten mit dem Langzeitstudenten aufweist, sind diese beiden Spezies sehr verschieden. Der Langzeitstudent liebt die Uni, der „Das mach ich später…“ hasst die Uni, weshalb er alles Unangenehme auf später verschiebt. Man trifft ihn ziemlich oft am Fahrradständer, am Aschenbecher, in der Mensa oder in der Cafete, manchmal auch in der Bib, aber da ist er nur, um seinen Rucksack über Nacht einzuschließen, weil ihn jemand spontan auf eine Kneipentour eingeladen hat. Mit großer Sicherheit trifft man ihn nie im Seminar oder in der Vorlesung, denn das macht er später.

Falls ihr euch in diesem Text wiedererkannt habt, seid bitte nicht böse, diese Typologie ist mit einem kleinen Augenzwinkern geschrieben. Es gibt viele Menschen, die sich ähnlich sind, aber alle sind auch Individuen und machen das Leben an der Uni reichhaltiger, bunter und schöner.

Zur besseren Lesbarkeit verzichtet die/der Autor/in dieses Textes auf das Gendern und gebraucht stattdessen für jeden Studententypus im Wechsel entweder weibliche oder männliche Pronomen, allerdings möchte sie/er klarstellen, dass jeder Typus auch für das jeweils andere Geschlecht im gleichen Maß zutrifft.

 

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